Energiewende : Auf die Straße für Strom aus Kohle und Gas

Verdi verbündet sich mit der Energiewirtschaft: Auf einem Kapazitätsmarkt sollen konventionelle Kraftwerke noch einige Jahrzehnte Strom erzeugen.

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Ob sich das rechnet? Neubau eine Gaskraftwerks in Köln.
Ob sich das rechnet? Neubau eine Gaskraftwerks in Köln.Foto: picture-alliance

Der Ton wird schärfer in der energiepolitischen Auseinandersetzung, und die Bündnisse bunter. Am Montag warb Verdi-Chef Frank Bsirske gemeinsam mit der Chefin des Energieverbandes und dem Geschäftsführer eines Stadtwerks für die Förderung konventioneller Kraftwerke. Andernfalls seien 20 000 Arbeitsplätze in der Stromerzeugung gefährdet. Und Hildegard Müller, die Hauptgeschäftsführerin des Energieverbandes BDEW, ergänzte mit dem Hinweis, derzeit hätten die Kraftwerksbetreiber die Stilllegung von 50 Kohle- und Gaskraftwerken beantragt, weil die sich nicht mehr rechneten. Sozusagen aus der Praxis wusste Bernd Wilmert, Chef des Bochumer Stadtwerks, über dreistellige Millionenverluste zu berichten, die zwei neue Kraftwerke einfahren, weil sie von den erneuerbaren Energien verdrängt werden. Schlussfolgerung des Trios: Ein Kapazitätsmarkt muss her, auf dem das Vorhalten von Kraftwerksleistungen für die Tage und Nächte gewährleistet ist, wenn Wind und Sonne nicht genügend Strom produzieren. Die Kosten der Reserveleistung liegen schätzungsweise im dreistelligen Millionenbereich pro Jahr. Der Strom wird noch teurer. Doch es geht wohl nicht anders.

Auch den kommunalen Stadtwerken geht es schlecht

Bsirske rechnete vor: Bereits im Jahr 2012 seien Gaskraftwerke ab 20 Megawatt Leistung um ein Viertel weniger zum Einsatz gekommen als 2010; der in einem Gaskraftwerk erzielbare Kilowattstundenpreis sei inzwischen um 40 Prozent gesunken. „Selbst viele klimaschonende Kraftwerke können nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden“, klagte Bsirske, der als Verdi-Chef auch stellvertretender Aufsichtsratschef von RWE ist.

Doch es sind nicht nur die großen Kraftwerksbetreiber, die am liebsten so viele Anlagen wie möglich abstellen würden. Auch den zumeist kommunalen Stadtwerken geht es schlecht. Müller und Wilmert wiesen auf die Kraft-Wärme- Kopplung (KWK) hin, die inzwischen auch nicht mehr wirtschaftlich sei. KWK-Anlagen sind besonders effizient, weil sie Strom und Wärme gleichzeitig produzieren. Doch das Ziel der Regierung, bis 2020 einen KWK-Anteil von 25 Prozent an der Stromerzeugung zu erreichen (derzeit sind es rund 16 Prozent), sei ohne eine erweiterte Förderung der Anlagen unrealistisch.

Bsirske wirft Gabriel Banalisierung vor

Bei ihrem gemeinsamen Plädoyer für einen Kapazitätsmarkt bezogen sich die drei auf einen Vorschlag des BDEW. Danach sollen die Stromhändler oder -vertriebe ermitteln, welche „gesicherte Leistung“ die Kunden haben wollen. Diese Leistung wird dann bei den Anbietern von Strom eingekauft. Für Bsirske ist das Modell „marktorientiert, dezentral und flexibel“; der günstigste Anbieter bekomme den Zuschlag. Die zwischenzeitlich im Auftrag der Regierung erstellten Gutachten zu dem Thema, die die Notwendigkeit eines Kapazitätsmarkts infrage stellen, nannte der Verdi-Chef „abenteuerlich“, da sie von unrealistischen Randbedingungen ausgingen. Etwa dann, wenn künftig leichtfertig deutlich längere Stromausfälle unterstellt würden. Auch über Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wunderte er sich, da dieser das Problem „bagatellisiere und banalisiere“.

Um für den Kapazitätsmarkt und eine höhere KWK-Förderung zu werben, rufen Gewerkschaft, Energiewirtschaft und Kommunen am Mittwoch zu einem bundesweiten Aktionstag auf.

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