Entschädigungen in Bangladesch : Primark kontrolliert jetzt jede Fabrik

Primark-Chefjurist Paul Lister will in allen Textilfabriken in Bangladesch, mit denen er zusammenarbeitet, die Bausicherheit kontrollieren. Im Interview spricht er über Entschädigungen für die Opfer der eingestürzten Fabrik in Dhaka und die Eröffnung sowie Expansionsvorhaben.

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Paul Lister (49) ist Chefjurist bei Associated British Foods (ABF), der Mutter der Billigtextilkette Primark. Seit dem Unglück im April in Dhaka ist Lister als Chef-Aufklärer unterwegs und kümmert sich um die Kontrollen vor Ort und die Entschädigungen für die Näherinnen, die in Bangladesch zu Schaden gekommen sind.
Paul Lister (49) ist Chefjurist bei Associated British Foods (ABF), der Mutter der Billigtextilkette Primark. Seit dem Unglück im...Foto: ABF

Herr Lister, vor zwei Wochen haben Demonstranten Farbbeutel auf den Primark-Laden in Frankfurt am Main geworfen, um gegen die Ausbeutung von Näherinnen in Bangladesch zu protestieren. Sind Sie noch gerne bei dem Unternehmen?
Natürlich. Ich bin stolz, für Primark zu arbeiten und seit der Katastrophe von Rana Plaza …

… wo im April ein marodes Fabrikgebäude eingestürzt ist und mehr als 1100 Arbeiter unter sich begraben hat …
noch mehr.

Warum das denn?
Wir haben als erstes Unternehmen zugegeben, dass wir in dem Gebäude produziert haben. Wir haben den Opfern als erste Firma Entschädigungen angeboten. Und – so weit wir wissen – waren wir die die Einzigen, die Nahrungsmittel gespendet und den Betroffenen eine schnelle Überbrückungshilfe bereitgestellt haben. Außerdem haben wir als erstes britisches Unternehmen das Abkommen zum Brandschutz- und zur Gebäudesicherheit unterschrieben …

… dem auch deutsche Firmen wie C&A oder Tchibo beigetreten sind.

Wir haben eine Menge gemacht und das meiste freiwillig. Ich finde, wir haben gut reagiert. Ich bin wirklich stolz auf unser Unternehmen. Jedoch müssen wir noch mehr tun, und das wissen wir auch.

Textilarbeiter in Bangladesch kämpfen um Arbeitsrechte
03.12.2012: In Bangladesch haben am Montag erneut rund 10.000 Arbeiter gegen die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in den Textilfabriken protestiert. Ein Sprecher der Polizei sagte, Grund für den Protestzug seien „Gerüchte“ über einen weiteren Brand in einer Textilfabrik gewesen. Diese Gerüchte seien aber falsch. Bei einem Brand in der Tazreen Fashion Fabrik in einem Industriegebiet von Ashulia in der Nähe von Dhaka waren am 24. November 110 Arbeiter ums Leben gekommen - die meisten von ihnen Frauen. Sie konnten den Flammen nicht entkommen oder sprangen in Todesangst aus den Fenstern des mehrstöckigen Gebäudes.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: dapd
03.12.2012 14:0103.12.2012: In Bangladesch haben am Montag erneut rund 10.000 Arbeiter gegen die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in den...

Also kann sich eine solche Katastrophe wiederholen?

Ich hoffe nicht. Wir arbeiten in Bangladesch mit 100 Fabriken zusammen. Wir kontrollieren jetzt in all diesen Fabriken die Bausicherheit, parallel zu den Untersuchungen, die die Internationale Arbeitsorganisation durchführt. Das hat höchste Priorität. Wir beginnen mit den größten Standorten, werden aber jede einzelne Fabrik unter die Lupe nehmen.

Ein bisschen spät. Immerhin haben westliche Firmen lange Zeit davon profitiert, dass die Arbeitskosten niedrig waren. Oder wie kann Primark sonst T-Shirts für 2,50 Euro verkaufen?

Wie teuer eine Ware im Laden ist, sagt nichts darüber aus, unter welchen ethischen Umständen sie produziert worden ist. In denselben Fabriken, in denen wir unsere T-Shirts für 2,50 Euro nähen lassen, lassen unsere Konkurrenten T-Shirts für zehn Euro oder sogar 30 Euro herstellen – in denselben Fabriken, von denselben Frauen. Und diese Firmen zahlen nicht etwa höhere Löhne als wir! Ich behaupte sogar, unsere Ware ist fairer hergestellt, weil wir genauer hinschauen und uns ethische Fragen wichtig sind. Wir sind ein führendes Mitglied in der Ethical Trade Initiative, in der Unternehmen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen – NGOs – zusammengeschlossen sind. Noch mal: Der Ladenpreis ist kein Indikator dafür, ob Ware unter fairen Bedingungen produziert worden ist.

Sondern?

Der Verkaufspreis hängt von anderen Dingen ab. Wir kaufen günstig ein, weil wir große Mengen abnehmen, lange im Voraus ordern und unsere Lieferanten schnell bezahlen. Wir machen keine Werbung. Deshalb sind unsere Preise so niedrig. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass die Arbeiterinnen in Bangladesch in der Weise ausgebeutet werden, wie wir das im Westen gemeinhin annehmen.

Wie denn dann?

Niemand wird gezwungen, in der Fabrik zu arbeiten. Die Frauen kommen freiwillig aus den Dörfern nach Dhaka, weil das Leben auf dem Land weit härter ist: ein bäuerliches Leben am Existenzminimum. Die Anforderungen in der Textilindustrie sind hoch, aber die Alternative dazu ist keineswegs besser.

Wie können Sie kontrollieren, dass Ihre Lieferanten Sozialstandards einhalten? Oft geben Ihre Vertragspartner Aufträge weiter an Subunternehmer.

Das kann passieren, aber es ist eher selten. Wir tun unser Möglichstes und arbeiten intensiv mit lokalen Teams zusammen, um das zu kontrollieren. Durch NGOs und durch unsere eigenen Mitarbeiter versuchen wir, hier vorzubeugen.

Disney hat nach der Katastrophe von Rana Plaza angekündigt, nicht mehr in Bangladesch produzieren zu wollen.

Ein Riesenfehler! Nach den Terroranschlägen von 9/11 haben sich viele westliche Firmen aus Bangladesch zurückgezogen, und für die Frauen vor Ort war das eine Katastrophe. Vier Millionen Menschen leben von der Textilproduktion, 80 Prozent der Exporte sind Textilien. Wir müssen in Bangladesch bleiben.

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