Entwicklungshilfe : „Es geht darum, das Schicksal selbst zu bestimmen“

Der kenianische Ökonom James Shikwati über die negativen Effekte von Entwicklungshilfe und die Chancen seines Kontinents

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James Shikwati -Foto: Promo

Zwischen 1990 und 2003 sind 4,3 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe nach Haiti geflossen. Die knapp neun Millionen Menschen sind aber immer ärmer geworden. Warum hilft Hilfe nicht?

Armut hat viele Gründe. Es können schlechte Regierungen sein, es können globale Wirtschaftsstrukturen sein, die bisher vor allem Europäern und anderen Industriestaaten nützen. Entwicklungshilfe wiederum kann diese Verhältnisse sogar zementieren. Der negative Effekt auf arme Länder ist fast überall zu sehen. Sie schwächt die Wettbewerbsfähigkeit und unterstützt eine Nehmermentalität. Denn nichts ist umsonst. Die Geber haben ihre Gründe für ihre Hilfszusagen.

Dass in Haiti Katastrophenhilfe notwendig ist, sehen alle. Aber was sollte nach der Nothilfe kommen?

Man muss sich auf die Menschen konzentrieren. Wer Haiti helfen will, darf die Haitianer nicht weiter ignorieren. Sie sind seit ihrer Unabhängigkeit ignoriert worden. Auch die Helfer sind immer mit ihrer eigenen Agenda ins Land gekommen. Das ist eine Parallele zu Afrika. Da war das auch nicht anders. Der Wiederaufbau kann nicht darin bestehen, dass die Geberländer die Straßen reparieren und die Gebäude da wieder aufbauen, wo sie waren. Ein sinnvoller Wiederaufbau ist nur möglich, wenn die Haitianer in der Lage sind zu sagen, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Und zwar nicht nur die Regierung und einige Privilegierte. Das Erdbeben zeigt eigentlich sehr deutlich, dass die Hilfsindustrie nicht auf die Menschen zielt, denen sie angeblich helfen will. Es geht darum, Menschen in die Lage zu versetzen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Es ist kein Naturgesetz, dass Haiti arm ist.

Wenn Sie in ihr eigenes Land schauen, erscheint das Konzept der erweiterten Familie als Entwicklungshindernis. Wer Geld verdient, ist nicht nur für die eigene Familie sondern oft für das halbe Dorf verantwortlich. Brauchen Afrikaner mehr Individualisierung, um Erfolg zu haben?

Auch hier gilt: Es ist kein Problem, Geld ins Dorf zu geben. Das Problem ist zu versuchen, der Babysitter seines Dorfes zu sein. Auch auf dieser individuellen Basis führt das Geben von Geld nur zu neuer Abhängigkeit. Es geht um strategisches Denken. Will man seinem Dorf helfen, oder will man der großzügige Geber sein, eine Art Halbgott? Es geht auch hier darum, Menschen zu ermöglichen, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Es geht nicht darum, Geld zu schicken, sondern darum, Möglichkeiten zu eröffnen. Letzteres ist erfolgreicher.

Kenianische Politiker, vermutlich die bestverdienenden der Welt, brauchen ihr Geld auch, um Begräbnisse und andere Kümmernisse ihrer Wähler zu bezahlen. Eine Art erweitertes Konzept der erweiterten Familie. Wie kann das verändert werden?

In Kenia entwickelt sich das politische System gerade weiter. Der von Ihnen beschriebene Politikertyp ist nicht mehr automatisch der erfolgreichste. Die Leute glauben nicht mehr, dass der reiche Herr Allwissend die richtige Person ist, um das Land zu entwickeln. Die Menschen ändern, was ihnen nicht gefällt. Nicht schnell, aber es passiert.

Was halten Sie von dem Angebot einiger afrikanischer Länder an die Haitianer, ihre Heimat zu verlassen und im Senegal oder der Demokratischen Republik Kongo auf einem Stück Land neu anzufangen? Ist das realistisch? Ich kenne kein afrikanisches Land ohne Landkonflikte.

Ich empfinde das als starkes psychologisches Signal an die Afrikaner außerhalb des Kontinents. Das könnte der Beginn einer neuen engeren Beziehung zwischen Afrikanern in Afrika und der Diaspora sein. Natürlich gibt es noch keinen Vorschlag, wie das praktisch aussehen soll. Aber die Idee, Möglichkeiten in Afrika besser zu nutzen, die Vorstellung, dass Afrikaner aus der Diaspora mehr in Afrika investieren, die gefällt mir.

James Shikwati (39) ist Gründer und Leiter des liberalen Thinktanks Inter Region Economic Network in der kenianischen Hauptstadt Nairobi.

Die Fragen stellte  Dagmar Dehmer.

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