Equal Pay Day : Wut zur Lücke: Warum Frauen weniger verdienen

In Deutschland klafft eine gewaltige Lohnlücke: Frauen verdienen im Schnitt ganze 22 Prozent weniger als Männer. Diese Zahl ist - Bemühungen wie dem Equal Pay Day zum Trotz - seit Jahren konstant. Doch nun könnte Bewegung in die Sache kommen.

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„We can do it“, lautet der Slogan zu dieser Illustration des US-Künstlers J. Howard Miller aus dem Kriegsjahr 1943. Seit den 1980ern wird es für Feminismus-Kampagnen benutzt.
„We can do it“, lautet der Slogan zu dieser Illustration des US-Künstlers J. Howard Miller aus dem Kriegsjahr 1943. Seit den...

Männer sind es gewöhnt, miteinander zu kämpfen“, sagt Andrea-Susann Liese. „Und Frauen? Die wollen Harmonie. Deshalb fallen ihnen Verhandlungen so schwer.“ Weil genau das Frau Liese aber nicht schwerfällt, hilft sie nun anderen Frauen, Preise und Honorare zu verhandeln. Damit hat sich die Hamburgerin selbstständig gemacht. Als „Goldmarie“ streicht sie die Hälfte der für ihre Kundinnen herausgehandelte Ersparnis für sich ein. Da geht es mitunter um vierstellige Summen.

Eines ist ihr dabei immer wieder aufgefallen: „Viele Frauen bereiten sich nicht gut genug vor!“, kritisiert sie. Sie wüssten oft gar nicht, was Freunde oder Bekannte mit ähnlichen Qualifikationen verdienten und hätten deshalb gar keine Vorstellung, was sie bei Gehaltsverhandlungen überhaupt fordern können. „Frauen sind manchmal sehr naiv“, sagt Liese.

Frauen verhandeln nicht gern

Die mangelnde Freude am Verhandeln ist sicher einer der Gründe, warum Frauen hierzulande im Schnitt weniger als Männer verdienen. Das allein den Frauen anzulasten, findet Henrike von Platen aber nicht fair. „Und wenn eine Frau in Verhandlungsworkshops geht oder Lohnspiegel studiert, zieht sie sich diesen Schuh ja auch noch an!“, meint sie. Von Platen ist Präsidentin des Frauennetzwerkes Business and Professional Women (BPW), das im Jahr 2008 den ersten „Equal Pay Day“ in Deutschland initiierte. Er markiert den Tag im Jahr bis zu dem Frauen quasi umsonst arbeiten, weil sie viel weniger als Männer verdienen. In diesem Jahr ist es rechnerisch der morgige Freitag, der 20. März.

Laut Statistischem Bundesamt hat sich an den Zahlen nichts geändert: Frauen verdienten auch im vergangenen Jahr 2014 durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer. Der Durchschnittslohn eines Mannes lag bei 20,20 Euro brutto in der Stunde, der einer Frau gerade einmal 15,83 Euro – mehr als ein stolzes Fünftel weniger.

Typische "Frauenjobs" erfahren nicht dieselbe Wertschätzung

Ein Grund ist, wie eingangs beschrieben, der Umstand, dass Frauen schlechter verhandeln: Bis zu sieben Prozent macht es aus, wenn man die Pay Gap „bereinigt“ und nur Frauen und Männer mit denselben Qualifikationen und in denselben Branchen vergleicht. Vergleicht man Männer und Frauen hingegen über alle Branchen hinweg, klafft die Lücke beim erwähnten Fünftel. Eine entscheidende Rolle spielt dabei, dass Frauen in andere Berufsfelder als Männer streben, wie zum Beispiel in die Pflege oder Kinderbetreuung. „Solche Berufe erfahren zu wenig gesellschaftliche Wertschätzung, wir lassen sie uns nicht so viel kosten“, sagt Anja Weusthoff, Expertin für Frauen oder Gleichstellung beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DBG). Ein anderer Grund: Frauen ist viel öfter der Weg nach oben versperrt. Das liegt vor allem an der hohen Teilzeitquote unter ihnen. „In Teilzeit zu gehen ist oftmals ein Karrierekiller“, weiß Weusthoff. „Und das liegt nicht an den Frauen, sondern daran, wie sie dann wahrgenommen werden.“ Nämlich kaum noch. „Teilzeitarbeiter gelten als nicht besonders leistungsfähig – was nicht stimmt“, sagt Weusthoff.

Frauen unterbrechen auch häufiger und länger ihre Berufstätigkeit, zum Beispiel wenn Kinder kommen oder Angehörige gepflegt werden müssen. „Für Frauen stimmen oftmals die Rahmenbedingungen nicht, um trotzdem Karriere zu machen“, meint Weusthoff. Die Arbeitszeiten passten nicht zu ihren Lebensphasen. Zudem fehle es an Angeboten zur Kinderbetreuung.

Deshalb hantiert BPW-Präsidentin von Platen gar nicht erst mit der „bereinigten“ Pay Gap: „Warum sollte ich so etwas rausrechnen?“, fragt sie. Denn beim Equal Pay Day geht es nicht nur um Geld. „Wenn wir irgendwann die Lücke geschlossen haben, dann haben sich viele Probleme in der Gesellschaft verbessert“, ist von Platen überzeugt. Aber genau, weil es nicht die eine Stellschraube gibt, an der man drehen muss, ist es so schwer, der Ungleichbezahlung zwischen den Geschlechtern beizukommen. Immerhin: „Dass es die Pay Gap gibt, ist mittlerweile ein in der Öffentlichkeit breit diskutiertes Thema“, sagt sie. Wenigstens das habe man erreicht.

Mit Transparenz gegen versteckte Diskriminierung

In diesem Jahr steht der Equal Pay Day unter dem Schlagwort Transparenz. „Wenn die Vergütungsstrukturen transparent sind, wird der Raum für versteckte Diskriminierung in Unternehmen geringer“, ist von Platen überzeugt. Doch den Deutschen fällt es sehr schwer, offen darüber zu reden, was ihre Arbeit wert ist. Die Diskussion ist oft von Scham oder auch Neid begleitet, es „schickt“ sich einfach nicht, offen über Geld zu sprechen. Das ist noch in vielen Köpfen verankert. „Mit mehr Transparenz würden die Arbeitgeber auch mehr unter Druck geraten“, hofft Weusthoff vom DGB. Bewegung könnte in die Sache auch von anderer Seite kommen, seit Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) das Recht auf Transparenz sogar in Gesetzesform gießen will. Unternehmen sollen damit verpflichtet werden, ihre Gehaltsstrukturen offenzulegen.

Bei "Resourceful Humans" ist Gerechtigkeit auch noch kostengünstiger

Aber vielleicht geht das ja auch ganz ohne Druck, wenn die Unternehmen das endlich wollten. Das Berliner Unternehmen Resourceful Humans macht es vor: „Wir führen unsere Firma demokratisch“, sagt Gründer Heiko Fischer. Die Firma entwickelt Management-Technologie und wendet sie auch gleich selbst an. Die Angestellten arbeiten wie Freiberufler im Haus: Steht ein neues Projekt an, finden sie sich selbst in Teams zusammen und diskutieren dann auch gemeinsam, wer wie viel verdient. „Die Mitarbeiter kennen das Budget“, sagt Fischer. „Und daraus leiten sie ihr Honorar ab.“ Das ist zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig, klappt dann aber reibungslos. „Bei uns ist die Bezahlung jetzt schon geschlechtsneutral“, sagt Fischer. Sogar der Jahresbonus wird im Team festgelegt: Nach einem ausgeklügelten System bewerten sich die Mitarbeiter gegenseitig. Ganz nebenbei beweist Resourceful Humans damit auch noch etwas anderes: Die Mitarbeiter auf diese Weise gerecht zu bezahlen, ist auch noch weniger aufwändig und damit kostengünstiger als das klassische Management.

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