Erdöl unter der Ostseeküste : Ein Holländer am Schwarzgoldrand

Unter der Ostseeküste liegt Erdöl – über ihr wurde dieser Befund lange Zeit ignoriert. Bis ein in Kanada ansässiger Holländer darauf aufmerksam wurde und das Naheliegende tat.

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Als Jacobus Bouwman (links) Informationen zu DDR-Ölbohrungen fand, weinte er vor Glück. Mit ihm arbeitet nun der Geologe Thomas Schröter.
Als Jacobus Bouwman (links) Informationen zu DDR-Ölbohrungen fand, weinte er vor Glück. Mit ihm arbeitet nun der Geologe Thomas...Mike Wolff

Noch hat niemand zu Ehren von Jacobus Bouwman ein Gedicht geschrieben. Vielleicht ist es ohnehin längst zu spät dafür, vielleicht müssen aber auch erst noch ein paar Jahre vergehen, wer weiß, alles vage, sicher ist nur, dass der diesbezüglich unwahrscheinlichste Zeitpunkt gerade verstrichen ist. Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge könnte Bouwman die Bundesrepublik Deutschland ungefähr sechs Wochen lang unabhängig von Willkürherrschern machen.

Jacobus Bouwman sitzt am Steuer eines gemieteten Volvo-Geländewagens, durch zarte Brillengläser und eine mit Insektenresten verschmierte Windschutzscheibe blickt er auf eine Landschaft im Nieselregen. Die Fahrt geht nordwärts, von Berlin zur Ostseeinsel Usedom, im Radio läuft der Kultursender des RBB. Seitdem der Wagen vom Autobahnring um die Stadt auf die A11 einbog, Dreieck Schwanebeck, noch 200 Kilometer bis zum Ziel, rollt er vorbei an stetig wiederkehrender Maisfeldödnis und mächtigen Windradansammlungen. An gegenwärtiger und zukünftiger Konkurrenz. Jacobus Bouwman ist ein Erdölindustrieller. Er ist auf dem Weg zu einem Bohrturm.

Oh, Öl! Mit wenig Lauge und Gas, wie machte das vor Tagen Spaß, als es noch gleichsam eruptiv, literweise überlief.

Das ist eine Strophe aus einem 1968 geschriebenen Gedicht, der Autor ist unbekannt, es behandelt die Eigenheiten einer Erdölbohrung an der Ostseeküste ein Jahr zuvor. Es gibt einige solcher Gedichte. Geschrieben wurden sie in der DDR, zu einer Zeit, in der, wenn vom schwarzen Gold die Rede war, die Betonung noch auf Gold und nicht auf schwarz gelegen hatte. Es gibt ein Theaterstück, uraufgeführt 1964 im Volkstheater Rostock, und einen Defa-Film. All das gehört zu einem Wissen, das jahrzehntelang in Notizblöcken, Aktenordnern und Köpfen abgelegt war und ignoriert worden ist, bis Bouwman kam. Unter der Ostseeküste befindet sich Öl.

Schwarz ist das Gold geworden, je mehr seinen Verbrauchern bewusst geworden war, wie jene Länder regiert wurden, aus denen der überwiegende Teil davon stammt, je öfter Bilder von brennenden Nigerdelta-Flussarmen bei ihnen ankamen, Bilder von explodierten Bohrinseln, zerbrochenen Tankschiffen oder verschmierten Pelikanen. Als der Grundsatz der organischen Chemie Allgemeingut wurde, der besagt, dass bei Ölverbrennung Kohlendioxid entsteht. Es war ein ungutes, aber leicht zu verdrängendes Gefühl, eine Skepsis, die sich in die Rede der Leute mischte, nicht so sehr in ihr Handeln. Aus Ölförderern waren irgendwann Schweine geworden. Dieses Urteil hält kaum jemanden davon ab, ihnen ihre Produkte abzukaufen. Aber zumindest die Jubellyrik, die gibt es nicht mehr.

Bouwman bohrt nun also. Ende Juni ist ein erster Erkundungsversuch zu Ende gegangen, auf einer Wiese auf halbem Weg zwischen Rostock und Stralsund, bei dem kleinen Ort Saal. Es stellte sich heraus, dass dort mehr als 100 Millionen Fass Öl gefördert werden könnten, 14 Millionen Tonnen, eine Menge, mit der die Deutschen etwa 40 Tage lang auskommen würden. Eigentlich müsste deshalb irgendwo in diesem Auto eine leergetrunkene Champagnerflasche herumliegen, denn die ursprünglichen Schätzungen beliefen sich auf ein Siebtel davon. Doch Bouwman ist stocknüchtern, womöglich ist das seine Art. Seine Büroräume in Berlin sind es jedenfalls auch.

Er führt die Geschäfte der Central European Petroleum GmbH, einer Firma ohne Firmenwagen, mit zehn Angestellten und Sitz im Stadtbezirk Mitte. Im kanadischen Calgary arbeiten noch einmal doppelt so viele bei der Muttergesellschaft. In den vergangenen Wochen waren sie vor allem damit beschäftigt, weitere Untersuchungen der 100-Millionen-Fass-Wiese vorzubereiten und den Abbau des Bohrturms dort zu organisieren. Seit ein paar Tagen nun steht er am Rand des Dorfes Pudagla auf Usedom. Derzeitige Förderprognose hier: neun Millionen Fass, 1,2 Millionen Tonnen, vier weitere Tage Importölunabhängigkeit.

Lesen Sie mehr im zweiten Teil.

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