Wirtschaft : Es ist etwas süß im Staate Dänemark

Wie die Bremer Schokoladenfabrik Hachez nach Skandinavien verkauft wurde.

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Tonnenweise feine Speise. Ein Mitarbeiter des Bremer „Chocolatiers“ Hachez schiebt eine Wanne geschmolzener Schokolade durchs Werk, das der Investor erhalten will. Foto: dpa
Tonnenweise feine Speise. Ein Mitarbeiter des Bremer „Chocolatiers“ Hachez schiebt eine Wanne geschmolzener Schokolade durchs...Foto: dpa

Auf der Betriebsversammlung herrschte anfangs eisige Stille, so tief saß der Schock. Die beiden Inhaber und Geschäftsführer Hasso Nauck und Wolf Kropp-Büttner hatten der Belegschaft gerade mitgeteilt, dass sie die Hanseatische Chocolade GmbH verkauft hätten, nach monatelangen geheimen Verhandlungen. Erst nach dem Termin beim Notar wurden zunächst Journalisten und erst dann die rund 450 Beschäftigten informiert, zu denen vor Ostern und Weihnachten noch Dutzende Aushilfen dazukommen. Der neue Eigentümer der Bremer Schokoladenfabrik und ihrer Schwesterfirma Feodora ist seit dem 19. April, rückwirkend zum 1. Januar, die Toms-Gruppe, der größte dänische Süßwarenhersteller.

Unter den Beschäftigten machte sich dann aber rasch Erleichterung breit. Denn die beiden Exeigentümer sowie der Toms-Chef Jesper Möller versicherten, dass der Betrieb uneingeschränkt erhalten bleibe. Schließlich sei Toms kein heuschreckenähnlicher Investor, der nur auf kurzfristigen Profit abziele, sondern setze auf Langfristigkeit.

Die Übernahme könnte sowohl den Dänen als auch den Bremern nützen: Toms will sich mit ihrer Hilfe auch in Deutschland stärker etablieren. Hier ist die Gruppe bisher vor allem mit der Likör- und Schokoladenmarke „Anthon Berg“ vertreten. Umgekehrt planen die Dänen, in ihrer Heimat das Sortiment aus der Hansestadt zu vermarkten.

Die Hanseatische Chocolade GmbH gehört nicht zu den größten, aber zu den feinsten Schokoladenherstellern im Lande. Unter den Edelmarken sehen sie sich hinter Lindt auf Platz zwei. Nach eigener Darstellung ist Hachez der einzige Premiumhersteller, der vom Öffnen der Edelkakaobohnen-Säcke bis zum Verpacken der fertigen Produkte die gesamte Fabrikation selber abwickelt.

Schon der Name zeigt, wie sehr sich das Familienunternehmen um den Ruf des Exquisiten bemüht: denn Hachez nennt sich „Chocolatier“. Das war einst die Berufsbezeichnung des aus Belgien stammenden Schokoladenmachers Joseph Emile Hachez, der die Manufaktur 1890 in Bremen gründete. Otto Hasse, sein Nachfolger an der Firmenspitze, erfand dann 1923 die „Braunen Blätter“, Laubwerk aus Schokolade, die noch heute zum Sortiment gehören – einschließlich moderner Variationen wie etwa der Geschmacksrichtung „Cocoa d’Arriba“.

1953 stieg die Zuckerfabrik Tangemünde ein, die später Alleininhaberin wurde. Und dann kam Hasso Nauck. Einer von neun Enkeln des früheren Firmenchefs Hasse wechselte 1990 von der Bremer Milka-Zentrale zu dem damals etwas verschlafenen Mittelständler und brachte als neuer angestellter Geschäftsführer frischen Wind in den Laden. Im Jahr 2000 kaufte er dann gemeinsam mit Jugendfreund Kropp-Büttner die Schwesternfirmen Hachez und Feodora. Nach zwölf Jahren nun also der nächste Eigentümerwechsel. Aber warum überhaupt der Verkauf? Haben steigende Kakaopreise und harter Konkurrenzkampf die Bremer in die Knie gezwungen? Nein, versicherten Nauck und Kropp-Büttner, die als angestellte Geschäftsführer weiterarbeiten. Hachez und Feodora hätten sich „auf dem sonst eher stagnierenden Schokoladenmarkt mit feinsten Schokoladen und Pralinen im Premiumbereich erfolgreich behaupten können“. In den letzten zehn Jahren seien die Umsätze sogar kontinuierlich gestiegen.

Alleiniger Grund für die Veräußerung sei die Zukunftssicherung des Unternehmens. Denn Nauck, 61 Jahre alt, und Kropp-Büttner, 57, wollten die Firma nicht mehr ewig leiten, und niemand aus ihren Familien habe ihre Nachfolge antreten wollen.

Später machte Nauck allerdings deutlich, dass auch die wirtschaftliche Situation nicht ganz einfach ist: „Natürlich hätten wir es auch allein weiter geschafft. Aber es wäre sehr viel schwerer geworden.“ Mit Toms im Rücken habe Hachez jetzt eine kritische Größe erreicht, die heutzutage nötig sei, um wirklich ernst genommen zu werden.

Die Bremer schmerzt der Verkauf trotzdem. Erst 2002 hatten sie die Brauerei Beck’s & Co. an den belgischen Konzern Interbrew (heute Anheuser-Busch InBev) verloren. „Bei Beck’s war es furchtbar“, erinnert sich Dieter Nickel, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Bremen: „Die sind schlimmer als jede Heuschrecke – da geht es ausschließlich um Profit.“ Bei Hachez werde sich das hoffentlich nicht wiederholen.

Nun ist jedenfalls die Nachfolge klar geregelt. Zuvor hatte Nauck noch orakelt: „Wir sind vergänglich. Und irgendwann stellt sich die Frage: Was passiert nach uns?“ Für die Belegschaft und die Kunden soll sich jedenfalls nichts ändern. Und auf den Pralinen- und Schokoladenverpackungen wird auch weiterhin „Made in Germany“ stehen.

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