EU-Gesundheitskommissar Andriukaitis im Interview : "Die Fastfood-Kultur ist echt erschreckend"

Der neue EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis spricht im Tagesspiegel-Interview über Amerikaner, die Hamburger in sich hineinstopfen, gesunde Mittelmeerkost aus der EU und das mögliche Aus für TTIP.

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Salzig, fett, ungesund - europäische Lebensmittel sind besser als amerikanische, sagt Gesundheitskommissar Andriukaitis.
Salzig, fett, ungesund - europäische Lebensmittel sind besser als amerikanische, sagt Gesundheitskommissar Andriukaitis.Foto: dpa

Herr Andriukaitis, essen Sie eigentlich Steaks und Hühnchen, wenn Sie in den USA sind?
Als ich das erste Mal in den USA war, dachte ich, wie anstrengend ist das hier! Ich habe auf der Straße viele Leute gesehen, die Fastfood gegessen haben – Hamburger, Hühnchen – und viele hatten Übergewicht. Wissen Sie, ich habe eine ganz andere Sozialisation. Ich habe meine ersten Lebensjahre mit meinen Eltern in einem russischen Gulag, einem Gefangenenlager verbracht. Mein erstes Eis habe ich mit sieben bekommen, für mich war das das Paradies. Später bin ich Arzt geworden. Und als Arzt muss ich sagen: Was sich da als Fastfood-Kultur weltweit verbreitet, das ist echt erschreckend.

Warum?
Ich weiß, was die Fastfood-Industrie anrichten kann. Hormone, Fettsäuren, Zucker, Salz – das steckt massenhaft in solchem Fastfood und das macht die Leute krank.

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Was ist mit Steaks oder Hühnchen in teureren Restaurants. Rühren Sie das an?
Ich esse Fisch oder Rindfleisch. Man kann ja auch in den USA gutes Essen finden. Aber ich weiß natürlich, worauf Sie hinaus wollen. Wir Europäer lehnen viele amerikanische Lebensmittelstandards ab. Hormone, Chlorhühnchen, Klonfleisch wollen wir nicht.

Sie glauben, amerikanisches Essen macht Verbraucher krank?
Diabetes, Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Krebs – die ungesunde Ernährung trägt dazu bei, nicht nur in Amerika.

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Sind europäische Lebensmittel besser?
Ich finde ja. Wir haben andere, aus unserer Sicht höhere Standards, was die Lebensmittelsicherheit betrifft. Es gibt gutes, gesundes Essen, nehmen Sie nur die Mittelmeerkost. Allerdings müssen wir auch in Europa die Menschen dazu ermuntern, sich gesund zu ernähren – weniger Zucker, weniger Salz, weniger Fett.

Sind Sie für eine Lebensmittelampel, die gesunde und ungesunde Ernährung kennzeichnet?
Es gibt darüber Uneinigkeit innerhalb der EU. Ich möchte als EU-Kommissar neutral bleiben. Ich möchte nur so viel sagen: Wir müssen die Menschen darüber informieren, welche Inhaltsstoffe gesund sind und welche krank machen. Ich will nichts verbieten, sondern informieren. In Skandinavien gibt es zum Beispiel ein Label, das gesunde Lebensmittel kennzeichnet, das grüne Schlüsselloch. Das dürfen die Hersteller, die bestimmte Kriterien erfüllen, auf ihre Produkte drucken, auf freiwilliger Basis. So etwas halte ich für einen guten Weg.

Viele Hersteller versprechen, dass ihre Produkte gesund sind, obwohl das gar nicht stimmt, haben Verbraucherschützer herausgefunden. Wie kann das sein? In der EU müssen Lebensmittelhersteller Gesundheitsversprechen doch genehmigen lassen.
Und das funktioniert auch. 2020 Gesundheitsversprechen sind abgelehnt worden, weil sie nicht haltbar waren, nur 260 Versprechen sind genehmigt worden. Das zeigt doch, dass das System funktioniert.

Sie sagen, europäisches Essen ist besser als amerikanisches. Dabei werden doch auch in der EU massenhaft Antibiotika in der Tierhaltung eingesetzt.
Der Kampf gegen den massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Tiermast ist eines unserer zentralen Vorhaben in der EU. Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger sind ja schon seit 2006 verboten. Nun wollen wir erreichen, dass Antibiotika nicht mehr standardmäßig unter das Tierfutter gemischt werden, quasi als Vorbeugung gegen Krankheiten. Tiere sollen Antibiotika nur noch bekommen, wenn sie krank sind. Einen entsprechenden Vorschlag haben wir bereits 2011 gemacht, das wird jetzt im Rat und im Europarlament diskutiert.

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