EU will helfen : Bauern in Europa leiden unter Boykott durch Russland

Die europäische Landwirtschaft leidet unter dem russischen Boykott. Die EU sagt Hilfen zu. Derweil prüft Russland Sanktionen gegen Autohersteller.

Lisa Kolde
Reife Früchte. Sieben Prozent der in der EU angebauten Äpfel gingen 2013 nach Russland.
Reife Früchte. Sieben Prozent der in der EU angebauten Äpfel gingen 2013 nach Russland.Foto: dpa

Der Streit mit Russland könnte nach den Bauern auch die deutschen Autohersteller treffen. Nachdem Russland bereits ein Importverbot für europäische Lebensmittel beschlossen hat, erwägt das Land nun auch ein teilweises oder vollständiges Importverbot für westliche Fahrzeuge, falls die Europäische Union und die USA ihrerseits ihre Sanktionen wegen der Ukraine-Politik verschärfen, meldete am Montag eine russische Zeitung. Ein entsprechender Vorschlag sei Präsident Wladimir Putin bereits übermittelt worden. Eine Entscheidung stehe jedoch aus.

Während die Autoindustrie noch bangt, leidet die Landwirtschaft bereits unter den ersten Folgen des Importverbots. Die Europäische Kommission hat daher am Montag beschlossen, Umsatzeinbrüche abzufedern und Obst- und Gemüseproduzenten finanziell zu unterstützen. Erzeuger von knapp 20 leicht verderblichen Obst- und Gemüsesorten können EU-Hilfen beantragen. „Ziel ist es, das Angebot zu verringern, so dass die Preise nicht auf Krisenniveau rutschen“, erklärte der Sprecher von EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos.

Die gute Ernte verschärft die Situation

Schon vor dem Importverbot war die Landwirtschaft besonders stark von der Krise mit Russland betroffen. Während die europäischen Ausfuhren nach Russland zwischen Januar und Mai um rund 15 Prozent zurückgingen, brachen die Exporte der Landwirte im gleichen Zeitraum um 30 Prozent ein. Betroffen sind vor allem Milch- und Fleischprodukte sowie Gemüse und Obst.
„Die Märkte für Fleisch und Milch reagieren natürlich auf die Sanktionen“, sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes. „Auf Obst- und Gemüseproduzenten lastet aber der größte Druck.“ Deren Ernte ist in diesem Jahr besonders gut ausgefallen. Das bedeutet, dass die Märkte eh mit einer Überproduktion zu kämpfen haben. Bricht nun ein Absatzmarkt weg, verschärft das die Situation weiter. Vor allem niederländische, polnische und spanische Landwirte bekommen das zu spüren. Sie gehören zu den größten Exporteuren von Obst und Gemüse nach Russland. „Deutsche Landwirte sind größtenteils nicht direkt von dem Boykott betroffen“, sagt Krüsken. Der Export landwirtschaftlicher Produkte nach Russland ist vergleichsweise gering. Für Milch und Milchprodukte sowie Fleisch beträgt die Quote der Russland-Exporte rund drei Prozent. Allerdings spüren deutsche Landwirte das Importverbot indirekt. Denn Länder, die ursprünglich viel nach Russland lieferten, müssen nun Alternativen suchen – und das verschärft die Konkurrenz auf dem westeuropäischen Markt.

Wie stark die deutschen Bauern von der Hilfe profitieren, ist noch unklar

Zwar exportiert Deutschland lediglich 0,5 Prozent des hierzulande produzierten Obstes und Gemüses nach Russland. Bei der Verteilung der EU-Gelder dürften aber auch die indirekten Auswirkungen des Boykotts mit einbezogen werden. Ein genauer Schlüssel für die Verteilung steht nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft aber noch nicht fest. „Die Kommission hat für die kommenden Tage eine Konkretisierung der angekündigten Unterstützungsleistungen angekündigt“, sagte ein Sprecher des Agrarministeriums auf Anfrage. Dann will Agrarminister Christian Schmidt (CSU) prüfen, ob und wie die deutsche Land- und Ernährungswirtschaft von den Hilfen profitieren.

Die EU-Kommission will den Obst- und Gemüsebauern für Aufkäufe, vorzeitige Ernten oder bei einem Ernteverzicht den halben Preis erstatten. Für Waren, die kostenfrei verteilt werden, erhalten Landwirte von der EU den vollen Preis. Eine Vernichtung von Obst und Gemüse in Deutschland ist laut Krüsken unwahrscheinlich. „In anderen Ländern kann es aber durchaus dazu kommen.“ Die Vorkehrungen gelten bis Ende November und werden laut EU-Kommission etwa 125 Millionen Euro kosten. Das Geld soll aus dem Topf für Agrarpolitik kommen. Die EU-Kommission muss die Hilfen zwar noch offiziell beschließen, dies gilt einem Sprecher zufolge aber als Formalie. Am Freitag will die EU-Kommission zudem erneut mit Vertretern der EU-Staaten und des Europaparlaments über die Folgen der russischen Einschränkungen sprechen.