Euref-Campus am Gasometer : Die Stadt der Zukunft im Zentrum Berlins

Berliner Firmen, Besucher aus aller Welt: Das Gelände auf der Roten Insel hat sich im Zuge der Energiewende zu einem Modell für nachhaltiges Wirtschaften entwickelt.

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Die Zukunft ist nicht mehr weit. Es fehlen nur noch wenige Neubauten, dann hat das Euref-Gelände die auf dieser Studie zu sehende Gestalt.
Die Zukunft ist nicht mehr weit. Es fehlen nur noch wenige Neubauten, dann hat das Euref-Gelände die auf dieser Studie zu sehende...Foto: promo

Jetzt kommen die Afrikaner. Am Montag und Dienstag werden ein paar hundert Teilnehmer der G-20–Konferenz „Africa Partnership – Investing in a Common Future“ am Gasometer in Schöneberg erwartet, um über die Perspektiven des Kontinents zu diskutieren. Vielleicht strahlt ja etwas aus vom Spirit des besonderen Ortes in Berlin, der sich als „europaweit einmaliges Zentrum für innovative Zukunftsprojekte“ versteht.

Irgendwas ist immer los auf dem Euref Campus. Hier kann man die Energiewende erleben und studieren, ständig sind Besuchergruppen da. „Wir nennen das hier 365-Tage-Messe“, sagt ein Manager von Schneider Electric, der seit fünf Jahren mit gut 200 Mitarbeitern auf dem Euref ansässig ist. Schneider ist einer der größten und ältesten Mieter unter den inzwischen rund 100 Unternehmen und Institutionen mit ihren mehr als 2000 Beschäftigten am Rande des Gasometers.

Fukushima hat dem ehemaligen Gasag-Gelände auf der Roten Insel in Schöneberg gutgetan. Nach der Atomkatastrophe und dem Ausrufen der Energiewende durch Angela Merkel konnte nichts mehr schiefgehen für Reinhard Müller und seinen Campus. „Europäisches Energieforum“ (Euref) hatte der Architekt und Stadtplaner Müller das Entwicklungsgebiet genannt, nachdem er das 2008 von der Gasag übernommen hatte. Der Preis betrug eine Million Euro, weitere sieben Millionen wurden fällig für das Abarbeiten von Altlasten auf dem Gelände und am Gasometer selbst. 2008/2009 gab es die Finanzkrise und es ging nichts voran. Dann kam Fukushima. Heute ist Müller ein gemachter Mann und erzählt von „irrsinnig vielen Angeboten“, die er angeblich aus aller Welt für das 55 000 Quadratmeter große Gelände bekommt.

Der Campus-Macher. Reinhard Müller kaufte vor zehn Jahren das Gelände.
Der Campus-Macher. Reinhard Müller kaufte vor zehn Jahren das Gelände.Foto: promo

Müller, 1953 in Krefeld geboren, wird mit Begriffen wie Sonnenkönig und Hoffürst tituliert, wenn man sich auf dem Campus nach dem Eigentümer erkundigt. Ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der sich um die kleinsten Kleinigkeiten selbst kümmert. SPD-Mitglied Müller kann gut mit Politik und Behörden; er kennt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und ist mit Außenminister Sigmar Gabriel per Du. Ein langjähriger Begleiter des Immobilienunternehmers und Projektentwicklers Müller, der seine Unternehmensgruppe Wert-Konzept vor gut 15 Jahren an den Bonner Konzern IVG verkaufte, ist Peter Strieder. Der ehemalige Berliner SPD-Chef und Senator für Stadtentwicklung sitzt im Aufsichtsrat von Müllers Euref AG. Immobiliengeschäfte leben auch von Kontakten. Die können auch helfen, damit die Torgauer Straße mit ihrer Rumpelpiste zu einer Fahrradstraße umgebaut wird und die von der Dominicusstraße kommenden Autos direkt in die Torgauer und damit zum Campus abbiegen können.

Die Attraktivität des Areals steigt mit jedem Mieter, auch wenn der Baulärm nervt: Derzeit entsteht ein weiteres Bürogebäude, dann ist noch eins geplant sowie ein Hotel und schließlich das spektakulärste Vorhaben: der Ausbau des Gasometers. Spätestens 2023 will Müller fertig sein und die derzeitige Bürokapazität von 65 000 Quadratmetern verdoppelt haben. 6000 Personen könnten dann hier arbeiten. Rund 600 Millionen Euro will die Euref AG dann in alte und neue Gebäude investiert haben.

Grundrauschen mit Start-ups und Wissenschaft

Ein prominenter Mieter ist Cisco. Der US-Netzwerkausrüster hat sich in einem ehemaligen Wartungsgebäude der Gasag für 16 Euro/Quadratmeter einquartiert; ein Backsteinbau mit Co-Working-Space, Leisure Area und Meeting Point. „Digitalisierung funktioniert nur noch im Ökosystem“, sagt Mirella Pacasio, die das Cisco-Lab leitet. Sie lobt die „hohe Diversität“ des Standorts. „Hier gibt es das Grundrauschen mit Start-ups und Wissenschaftseinrichtungen.“ Rauschen ist gut für die Kreativität.

Es bekommt nicht jeder einen Mietvertrag von Müller, Interessenten sollten schon etwas zu tun haben mit Klimaschutz, nachhaltigem Wirtschaften und moderner Mobilität. Das grüne Profil macht den Campus aus, weshalb er auch kürzlich den Klimapreis der Berliner Wirtschaft gewonnen hat. Handwerkspräsident Stephan Schwarz lobte die energetisch optimierten Gebäude, ein „Micro Smart Grid“ sowie geringe Betriebskosten durch Einsatz regenerativer Energien und sprach bei der Preisverleihung von einem „Leuchtturmprojekt mit intelligenten Lösungen für die Stadt der Zukunft“.

Der größte Mieter auf dem Gelände ist mit rund 400 Leuten die DB International, das Ingenieur- und Beratungsbüro der Bahn. Auch andere Große sind hier, weil das angesagt ist. In den Containern, in denen einst die Produktionsleute der Talkshow „ Günther Jauch“ saßen, denken jetzt die Berliner Wasserbetriebe, Gasag und Vattenfall, die BSR und Veolia über die Zukunft nach. „InfraLab Berlin steht für die Weiterentwicklung visionärer Ideen für ein nachhaltigeres Berlin.“ Und das an einem „einzigartigen Ort des Austausches und der Ideenschöpfung“.

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