Spaniens Krise: Ein europäisches Gemeinschaftswerk

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Eurokrise : Staatsgeheimnis Bankenrettung
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Krisensymbol: Die Zentrale des Sparkassenkonzerns Bankia in Madrid
Krisensymbol: Die Zentrale des Sparkassenkonzerns Bankia in MadridFoto: arte

Ciudad Real, Spanien. Die Landebahn erstreckt sich über fast fünf Kilometer, hier kann sogar der Super-Airbus A380 landen. Davor blinkt ein nagelneuer Terminal aus Glas und Stahl. Auch der Bahnhof für die Expresszüge steht. Doch kein Flugzeug landet, kein Zug hält. Nur Sicherheitsleute bewachen die Stille. Wie ein Monument des Scheiterns zeugt der tote Großflughafen vor den Toren der Kleinstadt 240 Kilometer südlich von Madrid von der Katastrophe, die Spanien in den Niedergang treibt. Ein lokaler Baulöwe hatte das Projekt zusammen mit den Regenten der Provinz Castilla-la-Mancha angeschoben. Die gleichen Politiker saßen auch im Aufsichtsrat der örtlichen Sparkasse „Caja CCM“. So besorgten sie die nötigen Kredite von rund einer halben Milliarde Euro. Schon nach einem Betriebsjahr musste die Betreiberfirma 2010 mangels Nachfrage jedoch Bankrott anmelden. Bald darauf ging auch die CCM-Bank unter. Übrig blieben nur die Schulden.

So hielten es Provinzfürsten und Baukonzerne im ganzen Land. Die Euro-Einführung im Jahr 2000 bescherte niedrige Zinsen wie nie zuvor, und so trieben sie ihr Land in einen Immobilienrausch auf Pump, der Spanien mehr als eine Million leerstehende Wohnungen, tausende Bauruinen und faule Kredite in Höhe von rund 300 Milliarden Euro hinterließ. Anders als in Irland waren es jedoch nicht die Großbanken, die Spanien ins Unglück führten. Die meisten Fehlinvestitionen finanzierten die 45 regionalen Sparkassen, die von Politikern der Großparteien, der sozialistischen PSOE und der konservativen PP, kontrolliert wurden.

Aber auch der iberische Baurausch war ein europäisches Gemeinschaftsprojekt. Denn das Geld dafür kam fast vollständig aus dem Ausland. Allein die deutschen Banken legten in den drei Jahren bis 2008 mehr als 140 Milliarden Euro in Spanien an (siehe Grafik). Wie das zuging, weiß der Pensionär Tierno Galvan noch gut. Bis 2007 war er Anlagemanager bei der Großsparkasse Caja Madrid und fuhr gelegentlich mit zur Akquise nach Deutschland. „Da kamen die Angebote von allen Seiten. Die Kollegen von der Kreditabteilung wussten doch gar nicht, wo sie das Geld unterbringen sollten, da haben sie eben alles an Projekten angenommen, was irgendwie ging.“ Und dann eben auch schiefging. „Das war wie ein großes Kartenhaus“, sagt Tierno, „jeder konnte wissen, dass es einstürzen musste.“

Investition und Haftung fallen jedoch auch in Spanien auseinander. Als die Blase 2009 platzt, sucht die damals von den Sozialisten geführte Regierung das Heil darin, den Finanzsektor völlig umzubauen. 45 Banken und Kassen fusionieren zu 13 Geldhäusern. Schon dafür fließen 20 Milliarden Steuer-Euro als Startkapital. Zu keinem Zeitpunkt erwägen die Verantwortlichen, auch die ausländischen Investoren über einen Schuldenschnitt an den Kosten ihrer Fehlinvestments zu beteiligen. Stattdessen verkaufen sie Aktien der neu fusionierten Banken an spanische Sparer – als vermeintlich sichere Anlage. Besonders dreist treiben es die Manager der größten Neugründung „Bankia“, die aus der Caja Madrid und sechs weiteren Kassen Spaniens viertgrößte Bank machten. Unter Führung des früheren IWF-Chefs Rodrigo Rato drehen sie ahnungslosen Anlegern Aktien für mehr als drei Milliarden Euro an, obwohl sie mehr faule Kredite in den Büchern haben als jede andere Bank.

Die Stunde der Wahrheit kommt im Mai 2012. Als durchsickert, dass Bankia vor der Insolvenz steht, verliert Rato seinen Posten, und der neu gewählte konservative Premier Mariano Rajoy kündigt die Verstaatlichung der gerade erst privatisierten Bank an. Weitere zehn Milliarden Euro Steuergeld sollen fließen. Es kommt schlimmer. Am 25. Mai erklärt der neu ernannte Chef von Bankia, deren Bilanz sei gefälscht worden, und legt neue Zahlen vor. Danach fehlen seinem Konzern volle 19 Milliarden Euro, um weiter operieren zu können. Die beiden schiefen Türme der Bankia-Zentrale in Madrid werden zum Symbol der spanischen Krise.

Parallel dazu melden auch die anderen Großsparkassen enorme Verluste, und Rajoys Regierung verliert im wahren Sinn des Wortes ihren Kredit. Obwohl Spaniens Staatskasse weit weniger verschuldet ist als etwa die deutsche, kann sie neue Kredite nur noch zu ruinösen acht Prozent Zins aufnehmen. Trotzdem halten Rajoy und sein Finanzminister Julio de Guindos am alten Konzept fest. Keine Bank soll abgewickelt werden, kein Gläubiger sein Geld verlieren. Wo den Banken das Kapital ausgeht, sollen die Steuerbürger es ersetzen. Dafür beantragen sie beim Rettungsfonds (ESM) der Euro-Staaten einen Notkredit von 100 Milliarden Euro, der auch prompt gewährt wird.

Kritiker im deutschen Bundestag empören sich zwar, dass ihre Wähler nun auch für Spaniens Bankschulden in Haftung gehen müssen. Doch merkwürdig: Keiner fragt, bei wem die iberischen Banker ihre vielen Schulden eigentlich haben. Nur das Fachblatt „International Financial Review“ schreibt Klartext und betitelt einen Bericht über die Außenstände deutscher Banken bei spanischen Geldhäusern von 40 Milliarden Euro so: „Spanish bailout saves German pain“ (Spaniens Rettung erspart den Deutschen Schmerz).

Allein die Aktivisten des Massenprotests auf den Straßen stemmen sich gegen die Milliardenzahlungen. Einer ihrer Vordenker ist Juan Moreno, ein junger Anwalt, der in seinem kleinen Büro in Sevilla akribisch die Informationen über die Verfehlungen der spanischen Finanzelite zusammenträgt. Er reicht Klage ein, um den Geldfluss an Bankia zu stoppen, und fordert die Offenlegung der Daten über deren Zahlungsverpflichtungen.

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