Europäische Zentralbank : Draghi plant die Operation Dicke Bertha

Am Mittwoch hat die Europäische Zentralbank wieder Geld im Sonderangebot. Mit hunderten Milliarden Euro stemmt sie sich gegen die Krise. Ein riskanter Kurs.

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Großes Kaliber. An die „Dicke Bertha“ aus dem Ersten Weltkrieg fühlt sich Mario Draghi bei der Rettung von Banken und Staaten erinnert.
Großes Kaliber. An die „Dicke Bertha“ aus dem Ersten Weltkrieg fühlt sich Mario Draghi bei der Rettung von Banken und Staaten...Foto: p-a/akg-images

Über Geld spricht man nicht. Zumindest nicht öffentlich – das ist eine der wichtigsten Maximen der stets so dezent auftretenden Herrschaften vom Bankgewerbe. Doch plötzlich ist es mit der Zurückhaltung vorbei, man frohlockt geradezu. „Es wäre nicht sinnvoll, Geld abzulehnen, das drei Jahre lang nur ein Prozent kostet“, räumt Victor Massiah ein, Chef der italienischen Bank UBI Banca. Von „elf Milliarden Euro“ zu Topkonditionen schwärmt sein Kollege Francisco Gonzalez, der das spanische Groß-Institut BBVA leitet. „Wir werden nicht rot, das zuzugeben“, sagt er unumwunden.

Die Herren haben den Mittwoch im Blick. An diesem Tag gibt es bei der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder Geld im Sonderangebot. Die Kreditinstitute können sich zu einem lächerlichen Zinssatz Geld borgen, das sie erst 2015 zurückzahlen müssen. Bislang waren sehr viel kürzere Laufzeiten üblich. Die Branche dürfte im großen Stil zugreifen – Schätzungen zufolge wird sie bis zu eine Billion Euro abrufen. Es reichen dazu ein paar Mausklicks in den Handelssälen von Frankfurt am Main, Paris oder Mailand, und schon geht das Geld auf die Reise.

Die spektakuläre Aktion von EZB-Präsident Mario Draghi kann Segen und Fluch zugleich sein. Entweder ist sie ein Baustein bei der Rettung der Währungsunion. Oder sie sorgt für eine gigantische Preisexplosion bei Immobilien, Aktien und Rohstoffen – und legt damit den Grundstein für die nächste Krise.

Bereits im Dezember haben Draghi und seine Leute Geld fast zum Nulltarif vergeben. 523 Banken besorgten sich damals rund 489 Milliarden Euro. „In schwierigen Zeiten ist es keine Schande, die Kredite der Zentralbank zu beanspruchen“, hatte der Chef persönlich sie ermuntert. Es war Rettung in höchster Not: Italien, Spanien, aber auch Frankreich mussten auf Staatsanleihen Rekordzinsen zahlen. Zugleich bekamen vor allem die Institute in den südlichen Euro-Staaten keine Kredite mehr aus der Branche, viele standen kurz vor dem Zusammenbruch. Vor allem Mittelständlern und Verbrauchern drohte eine Kreditklemme. Eine tiefe und lange Rezession wäre die Folge gewesen – ein Risiko, das im Prinzip seit der Pleite der US-Bank Lehman besteht.

Die Lage ist heute sehr viel entspannter. Die Banken kaufen mit dem EZB-Geld Staatsanleihen der Problemländer. Das bringt den Regierungen Entlastung, sie können sich günstiger verschulden. Zugleich machen die Banken ein glänzendes Geschäft: Sie bekommen frisches Geld für ein Prozent und kaufen damit Anleihen, die mehr als fünf Prozent Rendite einbringen – und das weitgehend ohne Risiko. Damit stärken viele klamme Häuser ihre stark angegriffenen Kapitalreserven.

Die Operation „Dicke Bertha“, wie Mario Draghi die Geldschwemme in Anlehnung an das Krupp-Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg selbst nennt, gilt als das Meisterstück des Italieners. Es befreit die EZB aus einer heiklen Lage: Würde sie auf direktem Wege noch mehr Staatsanleihen kaufen, ginge sie ein hohes Risiko ein, zumal diese Politik rechtlich umstritten und deutschen Stabilitäts-Hardlinern zuwider ist. Nun nimmt sie den Umweg über den Kreditsektor – und stabilisiert nicht nur die Staaten, sondern auch die Banken. Italien etwa profitiert direkt, Rom muss allein im April und im Mai für 45 Milliarden Euro neue Kredite aufnehmen.

Freilich gibt es auch heftige Kritik an diesem Kurs. „Die Politik hat zwei Jahre ins Land gehen lassen und nichts getan, um die Stabilität der Staatsanleihen im Euro-Raum zu sichern“, schimpft Peter Bofinger, einer der fünf Wirtschaftsweisen. „Die EZB muss jetzt ausbaden, was die Politik versäumt hat.“ Volker Wieland, Professor für Geldtheorie an der Universität Frankfurt, stößt sich an der künstlichen Lebensverlängerung für Zombie-Institute. „Damit werden auch solche Banken noch lange am Leben erhalten, die zumindest in mittlerer Sicht eher abgewickelt oder mit anderen verschmolzen werden sollten“, findet er.

Doch das viele billige Geld aus dem Euro-Tower hat womöglich langfristig unangenehme Wirkungen. Banker berichten bereits von einer Art Gruppendruck, sich am Mittwoch möglichst viel Geld zu besorgen. Schon jetzt befeuert die viele Liquidität über Umwege die Preise für Aktien und Rohstoffe. So wird die Spekulation angeheizt – und das mit quasi öffentlichem Geld. Das gilt auch für den Immobilienmarkt – „markante Preisreaktion auf den Häusermärkten“ hat die Bundesbank bereits ausgemacht. Anleger dagegen müssen sich wohl auf absehbare Zeit mit mickrigen Guthabenzinsen zufrieden geben.

Ein Ende dieser Politik ist nicht absehbar. „Es wird lange Zeit dauern, bis die EZB ihre Kreditvergabe wieder zurückfahren kann“, sagt Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank. „Sie wird eher noch einmal nachlegen, sollte es hart auf hart kommen.“ Lösen müssen das Problem ohnehin andere. „Die Politiker“, fordert Wirtschaftsprofessor Bofinger. „Sie müssen endlich den Schritt zu einer Fiskalunion in Europa gehen.“

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