Ex-Arcandor-Chef : Der tiefe Fall des Thomas Middelhoff

Sonnengebräunt, ein breites Lachen: Das war einmal. Thomas Middelhoff, einst international als Topmanager gefeiert, ist tief gefallen. Und hart aufgeschlagen. So hart, dass er jetzt Hilfe braucht.

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Thomas Middelhoff ist im vergangenen November zu drei Jahren Haft verurteilt worden.
Thomas Middelhoff ist im vergangenen November zu drei Jahren Haft verurteilt worden.Foto: dpa

Schon wie er aussieht. Die Haut fahl geworden. Die Wangen eingefallen. Die Augen haben sich tief in die Höhlen zurückgezogen, als wollten sie sich verstecken. Nicht mehr sehen müssen – all das, all die Hämischen, die Schaulustigen. Nicht mehr gesehen werden. Dass sich der Gesundheitszustand dieses Mannes drastisch verschlechtert hat: Ja, das ist offensichtlich.

Schon bevor Thomas Middelhoff in den Knast geht. Am Tag der Urteilsverkündung, dem 14. November 2014. Neuere Aufnahmen von ihm gibt es nicht, im Gefängnis empfängt er ausschließlich enge Vertraute. Dem Ex-Manager, so viel steht fest, ging es bereits richtig schlecht, bevor ihm Wärter dem Schlaf raubten, wie er sagt: alle 15 Minuten an die Tür kamen, das Licht anmachten, um zu sehen, ob der noch lebt, der da in einer Zelle auf acht Quadratmetern eingesperrt ist. Er lebt noch. Aber was ist das für ein Leben? Gemessen an dem, das er einst geführt hat?

Es gab Jahre, da hatte Middelhoff eine Erfolgssträhne

Früher war Thomas Middelhoff ein strahlender Manager. Geachtet, umworben, bekannt für sein breites, siegesgewisses Lächeln, gerne leicht gebräunt von der Sonne Südfrankreichs, wo er ein Wochenendhaus hatte, zu dem er sich auch schon Mal auf Firmenkosten hinfliegen ließ. Doch das wurde erst viel später bekannt. Als Chef des damaligen Weltkonzerns Bertelsmann gelang Middelhoff mit dem Verkauf von AOL-Anteilen ein Milliardencoup, die RTL Group baute er auf, die heute der größte Betreiber von Privatfernsehen und -radio in Europa ist. Zu den dynamischsten Deutschen zählte ihn das Time Magazine, in Bayreuth verlieh die Universität ihm den „Vorbildpreis“. Für seine „oft unkonventionellen, aber vorausschauenden Entscheidungen“. Geblieben ist davon zumindest das Unkonventionelle: Sein Fall scheint beispiellos zu sein.

Das strahlende Lächeln war Middelhoffs Markenzeichen - früher, als er noch Arcandor-Chef war.
Das strahlende Lächeln war Middelhoffs Markenzeichen - früher, als er noch Arcandor-Chef war.Foto: dpa

Bevor er ein strahlender Manager wurde, war Thomas Middelhoff ein Wunderkind. Mark Wössner, der heute unter anderem im Daimler-Aufsichtsrat sitzt, war ein prominenter Förderer, zu Reinhard und Liz Mohn hatte er ein geradezu familiäres Verhältnis. Sein Aufstieg bei Bertelsmann, 1986 begonnen, war rasant. Bis er sich mit den Eigentümern überwarf. Es soll um die Frage gegangen sein, ob der Konzern an die Börse geht oder nicht. Aber auch um sein Gebärden: Den Mohns habe nicht gefallen, wie eigenmächtig er Entscheidungen traf, sagen sie in Gütersloh. Irgendwann muss der Ziehsohn ihnen zu größenwahnsinnig geworden sein.

Bei Karstadt wurde er zunächst als Retter gefeiert

Da hatte er erst mal Glück, dass es für solche Fälle eine komfortable Auffangstation gibt – Karstadt. Dort feierten sie ihn 2004 als Retter, wie noch so manchen nach ihm. Doch genau dort begann sein Niedergang. Middelhoff gelang es nicht, das Unternehmen auf Kurs zu bringen, auch nicht unter neuem, von ihm erwählten Namen, Arcandor. Im Gegenteil. Der Wert der Aktie des Unternehmens verlor unter seiner Führung von zehn Euro auf 1,30 Euro, die Verluste wurden größer und größer. 2008 musste der Konzern bei einem Minus von 746 Millionen Euro Insolvenz anmelden. Nur deshalb kam Middelhoff vor Gericht.

Die „Erbsenzählerei“ des Insolvenzverwalters, wie der Richter es nannte, förderte allerlei Unappetitliches zutage. Middelhoff stellte seinem Arbeitgeber wiederholt Kosten in sechsstelliger Höhe in Rechnung, um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Morgens ließ er sich von einem Hubschrauber zu Hause in Bielefeld abholen, um dem Stau am Kamener Kreuz zu entgehen. Chartermaschinen ließ er vor dem Wochenende leer aus Deutschland in die USA fliegen, um nicht auf den Linienflug warten zu müssen. Er spendete großzügig für Festschriften und die Projekte ehemaliger Unterstützer, aber nicht sein Geld, sondern das von Arcandor. Eine halbe Million Euro soll er so veruntreut haben. Aber den Beschäftigten von Karstadt strich er das Weihnachtsgeld.

Immer wieder tauchen neue Vorwürfe gegen Middelhoff auf

Erst vor wenigen Wochen ist beim Essener Landgericht eine neue Klage gegen ihn eingegangen, die ebenfalls auf Untreue lautet – weitere 800 000 Euro. Er soll sie aus reiner Gefälligkeit der britischen Universität Oxford überwiesen haben, zu einem Zeitpunkt, als der Konzern schon kurz vor der Pleite stand.

Es ist in den Medien kaum mehr bemerkt worden. 95 000 hier, 200 000 da, die Bank Sal. Oppenheim, sein Vermögensverwalter Josef Esch und sein kurzfristiger Geschäftspartner Roland Berger wollen Millionen von ihm. Wer wird da nicht müde, all das zu beleuchten.

Die JVA in Essen: Hier saß Middelhoff zuletzt ein.
Die JVA in Essen: Hier saß Middelhoff zuletzt ein.Foto: dpa

Wo es doch so viel interessanter ist, seine Müdigkeit zu beleuchten. Und zwar genauestens: Middelhoff sei schwer krank, lassen seine Anwälte verbreiten, wegen einer seltenen Autoimmunkrankheit musste er im Universitätsklinikum Essen behandelt werden. Ausgelöst angeblich durch Schlafmangel in der Haft. Wecken alle Viertelstunde, 28 Tage lang habe Middelhoff das über sich ergehen lassen müssen, bestätigt die Justizvollzugsanstalt Essen. Zwar widersprach sie der Darstellung der Anwälte. Niemand habe die Zelle betreten, die Kontrolle sei lediglich durch den Türspion erfolgt. Die Vorwürfe entwertet das freilich noch lange nicht. Man muss einem Menschen nicht nahekommen, um ihm zuzusetzen. Wurde das Licht angeschaltet? Etwas hereingerufen? Sonst irgendein Geräusch gemacht, um zu testen, ob der Gefangene reagiert? Das ist wahrscheinlich. Ansonsten hätte wohl die Kontrolle ihren Zweck nicht erfüllt, die ja – wie die Anstalt sagt – nur dem Schutz des Häftlings diente.

Middelhoff soll krank sein - und selbstmordgefährdet

Die Selbstmordgefahr, auf die sie sich beruft, hat ein Arzt Berichten zufolge nicht gesehen. Aber das war im November. Seitdem gab es immer neue Rückschläge für Middelhoff, diverse Anträge auf eine Entlassung aus der Untersuchungshaft wurden abgelehnt, er musste Privatinsolvenz anmelden. Überdies soll seine Frau sich persönlich an die Justiz gewandt haben mit der Sorge, ihr Mann könne sich etwas antun. Anderen Berichten zufolge hat sogar er selbst sich in diese Richtung geäußert. Die Folge ist, dass im Internet Aufstellungen darüber kursieren, wie krank er ist: „Wassereinlagerungen, Verstopfungen, Ekzeme an Händen und Füßen.“

Am Ende steckt wohl wie so oft in allem ein bisschen Wahrheit, und jede Meinung ist berechtigt. Wenn auch nicht gerecht. Richtig ist, dass vormals privilegierte Menschen der Oberschicht im Strafvollzug nicht besser behandelt werden sollen als andere. Aber auch, dass sie umgekehrt nicht härter rangenommen werden dürfen. Der Reiz, das zu tun, ist groß, bestimmt. Middelhoff war nie Sympathieträger der kleinen Leute wie der fröhlich-dicke Wurstbudenbesitzer Uli Hoeneß. Der ja auch nur dem Staat geschadet hat, erst mal, auch wenn letztlich natürlich jeder Steuerzähler betrogen wurde. Doch darüber sehen nicht nur Bayern-Fans großzügig hinweg.

Middelhoff dagegen hat in der öffentlichen Wahrnehmung direkt aus dem Portemonnaie derjenigen genommen, die an der Basis schuften. Der Verlust tausender Arbeitsplätze bei Arcandor wird ihm angelastet. „Mein Bild in der Öffentlichkeit ist so schlecht, dass ich kaum noch vernünftig damit umgehen kann“, stellte er im vergangenen Jahr selber fest. „Ich bin für viele Deutsche der Idealtyp des gierigen Managers.“

Middelhoff ist tief gefallen – und hart aufgeschlagen. Dass man diejenigen, die unten liegt, nicht tritt, ist eine Regel, die außer Kraft gesetzt zu sein scheint, wenn es sich um einen handelt, aus dessen Taten vormals so viel Selbstherrlichkeit, so viel Abgehobenheit zu sprechen schien wie aus denen des Thomas Middelhoff.

Wie gerne würde er heute wohl im Stau stehen.

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