Facebook-Aktie : Was folgt aus dem Absturz?

Der Börsengang von Facebook könnte für das Online-Netzwerk zum Desaster werden. Wer daran schuld ist und wie es weiter geht.

von und Lars Halter
Foto: AFP

Es könnte hart kommen für Facebook: Mindestens sechs Anwaltskanzleien strengten im Namen von Investoren Sammelklagen gegen Facebook, Unternehmenschef Mark Zuckerberg und andere Verantwortliche des sozialen Netzwerks sowie die beteiligten Banken ein. Die Schadenersatzforderungen könnten in die Milliarden gehen.

Wie lauten die Vorwürfe?

Anleger werfen Facebook und den Emissionsbanken Irreführung in den letzten Tagen vor dem Börsengang vor – das wiegt schwer in einem Geschäft, in dem es auf Transparenz ankommt. Nach Informationen amerikanischer Wirtschaftsmedien hat Facebook noch während der Roadshow für den Börsengang die eigenen Umsatzprognosen gesenkt, und diese Informationen auch an die Banker weitergegeben. Das ist höchst ungewöhnlich. Während der Roadshow zieht normalerweise eine Werbekarawane von Stadt zu Stadt, trifft sich mit potenziellen Anlegern und trommelt für das neu gelistete Unternehmen. Dass mitten in der Jahrmarktstimmung Geschäftsprognosen nach unten revidiert werden, passt nicht ins Bild, spricht aber für eine gewisse Ehrlichkeit bei Facebook. Bei den Banken kam davon nichts an. Zwar senkte auch Morgan Stanley als führende Emissionsbank die hauseigenen Prognosen und die Partnerfirmen Goldman Sachs und JP Morgan zogen nach. Doch reichten sie die Nachricht nur an wenige prominente Großanleger weiter. Kleinanleger erfuhren nichts von dem plötzlichen Pessimismus.

Wie bei Facebook gearbeitet wird
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Gegen wen richten sich die Vorwürfe?

Dass sich Anleger hintergangen fühlen, ist wohl in erster Linie Morgan Stanley zuzuschreiben. Die Emissionsbank war offensichtlich über eine mögliche Umsatzschwäche bei Facebook informiert und behielt das weitgehend für sich. Statt Anleger zu warnen, entschied man sich für Profitmaximierung und – entgegen aller Logik – eine Erweiterung des Börsengangs. Drei Tage vor dem IPO, dem Initial Public Offering, setzte Morgan Stanley den Ausgabepreis für die Aktie auf 38 Dollar und damit an das obere Ende der angepeilten Spanne. Gleichzeitig entschied man sich, die Zahl der ausgegebenen Anteilscheine auf 421 Millionen zu erhöhen. Morgan Stanley hatte dabei vor allem die Gebühren im Blick, die für das eigene Haus anfallen würden – bei erfolgreichem Börsengang rechnete die Bank mit Einnahmen von mindestens 64 Millionen Dollar.

Zurücklehnen kann sich Mark Zuckerberg. Der Facebook-Gründer, dessen Vermögen mit dem Börsengang zeitweise auf 19 Milliarden Dollar kletterte, war nie ein Freund der Börse und hätte sein Unternehmen wohl aus eigenem Antrieb nie gelistet. Entsprechend hielt er sich bei den Vorbereitungen des Börsengangs zu und überließ das Feld seinem Finanzchef David Eberman.

Dennoch muss sich Zuckerberg Vorwürfe anhören. So störten sich Investoren während der Roadshow an dem offensichtlichen Desinteresse des Chefs, der bei manchen Veranstaltungen mehr Zeit auf dem Klo verbrachte als in Meetings mit Interessenten. Bei anderen Veranstaltungen, etwa beim Stop in Boston, fehlte er ganz. Investoren hatten mehr Zugang zu Zuckerberg erwartet, zumal der nach wie vor 57 Prozent der stimmberechtigten Aktien hält und damit das weitere Schicksal von Facebook quasi allein bestimmen kann.

Welche Rolle spielten die Banken?

Die Banken haben in ihrer Gier die Bewertung für Facebook zu hoch angesetzt und damit Anleger um eine Menge Geld gebracht. Dass Morgan Stanley wenige Tage vor dem Börsengang die Zahl der Aktien und den Kurs anhob, war unverantwortlich, denn im Nachhinein zeigt sich, dass das Interesse an Facebook geringer war als erwartet. Morgan Stanley hatte sich bei der Ausführung des Börsengangs an früheren Hightech-IPO orientiert und darauf gebaut, dass auch diesmal Anleger zu jedem Preis aufspringen würden. Dem eigenen Hype um Facebook erlag man dann selbst: Auf Anweisung von Morgan Stanley flutete Facebook den Markt mit Papieren, die keiner haben wollte – letztlich musste die Bank selbst mit eigenem Geld Aktien kaufen, um einen peinlichen Kurssturz am ersten Börsentag zu verhindern. Der kam dennoch zu Beginn ersten Handelswoche.

Wer hat wie viel Geld verloren?

Größter Verlierer im rein finanziellen Sinn ist natürlich Mark Zuckerberg, der die Mehrheit an Facebook hält. Mit jedem einzelnen Dollar, den die Aktie nach dem Börsenstart verlor, brach ihm eine halbe Milliarde Dollar weg. Schlaflose Nächte dürfte ihm das aber nicht bereiten, denn langfristig dürfte sich Facebook erholen. Außerdem verkaufte Zuckerberg beim IPO am Freitag noch 30 Millionen Papiere nahe am Ausgabepreis von 38 Dollar. Einer seiner größten Geldgeber, der in Deutschland geborene Venture Capitalist Peter Thiel, verkaufte 16,8 Millionen Aktien zum gleichen Preis.

Wie viel Schuld trifft die Nasdaq?

Es war zwar nicht Freitag, der 13. Für die US-Technologiebörse Nasdaq war jener Freitag dennoch ein schwarzer Tag. Monate zuvor hatte der Börsenbetreiber noch frohlockt, hatte er dem Konkurrenten aus der Wall Street, der New York Stock Exchange (Nyse), doch den größten Börsengang eines Internet-Unternehmens weggeschnappt. Entsprechend gut gelaunt war Nasdaq-Chef Robert Greifeld, als er mit Mark Zuckerberg zusammen die Glocke zum Handelsbeginn läutete. Inzwischen wünscht er sich vermutlich, diesen Tag hätte es nie gegeben. Erst eine halbe Stunde später als geplant flimmerte der erste Kurs der Facebook-Aktie über die Monitore. Die Computersysteme des Börsenbetreibers waren dem Ansturm einfach nicht gewachsen. Anleger mussten teilweise bis zum Abend warten, bis sie wussten, ob ihre Orders zum Kauf oder Verkauf angenommen worden waren. Einige Geschäfte wurden doppelt abgewickelt, andere hingegen gar nicht.

Gibt es Alternativen zur Nasdaq?

Gerüchte machen die Runde, die Nasdaq habe bereits im Vorfeld gewusst, dass ihr der IPO technische Probleme bereiten werde – und ihn dennoch nicht abgesagt. Inzwischen ermittelt nicht nur die Börsenaufsicht SEC wegen des rumpeligen Starts. Möglicherweise droht der Nasdaq der Verlust der Facebook-Notierung: Die Nyse habe bereits ein Umzugsangebot gemacht, welches das Online-Netzwerk prüfe, melden die Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg übereinstimmend unter Berufung auf Insider. Die Nyse dementierte umgehend und bezeichnete Gespräche zu diesem Zeitpunkt als unangemessen.

Wie geht es jetzt für Facebook weiter?

Der zunehmende Wechsel von Facebook-Mitglieder auf mobile Geräte – bereits mehr als die Hälfte nutzt die Anwendung auf Smartphones oder Tablets –, auf denen das Netzwerk bisher keine Werbung platziert, weckt Zweifel an den Fähigkeiten, künftig die erhofften Gewinne einzufahren. Diese Zweifel muss Facebook ausräumen, will es gegen Konkurrenten wie Google dauerhaft bestehen. An der mobilen Strategie dürfte das Unternehmen bereits mit Hochdruck arbeiten. Zudem gibt es Bemühungen, den Online-Handel über die Plattform besser zu gestalten. Geld könnte künftig auch aus dem Verkauf von prominenten Platzierungen in der Statusleiste kommen: Ähnlich bei Suchmaschinen könnten dort die ersten Plätze mit gekauften Einträgen besetzt werden.

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