Fahrradhersteller Mifa in Schieflage : Plattfuß am Harz

Die Mitteldeutschen Fahrradwerke (Mifa) verkaufen ihr Werksgrundstück und holen einen Sanierer. Deutschlands absatzstärkster Zweiradhersteller kämpft mit der schwersten Krise seit 1996.

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In Sorge. Die rund 770 Mitarbeiter des mehr als 100 Jahre alten Unternehmens bangen um ihre Jobs.
In Sorge. Die rund 770 Mitarbeiter des mehr als 100 Jahre alten Unternehmens bangen um ihre Jobs.Foto: dpa

Zum Auftakt der Fahrradsaison steckt der absatzstärkste deutsche Zweiradhersteller Mifa in der tiefsten Krise seit dem Neuanfang 1996. Nach turbulenten Wochen, in denen die seit 2004 notierte Mifa-Aktie die Hälfte ihres Wertes verloren hat, gab das Unternehmen am Mittwoch den Rückzug des Alleinvorstands Peter Wicht bekannt – „aus gesundheitlichen Gründen mit sofortiger Wirkung“. Auch um die Gesundheit der mehr als 100 Jahre alten Mitteldeutschen Fahrradwerke mit rund 770 Mitarbeitern ist es offenbar nicht gut bestellt.

Im März hatte Mifa überraschend mitgeteilt, statt des erwarteten steigenden Gewinns müsse für 2013 voraussichtlich ein Verlust von 15 Millionen Euro ausgewiesen werden. Als Grund wurden unter anderem Buchungsfehler im Zusammenhang mit der Einführung neuer Betriebssoftware genannt. Auch die Prognose für das laufende Jahr wurde gekippt. Die Vorlage der Bilanzzahlen wurde auf Juni verschoben. 2012 hatte Mifa rund 550 000 Fahrräder und 47 000 E-Bikes verkauft.

Mit einem hastigen Immobilienverkauf verschafft sich das Unternehmen aus Sangerhausen zunächst finanziell Luft. Der Hersteller, an dem AWD-Gründer Carsten Maschmeyer wesentlich beteiligt ist, werde ein Betriebsgrundstück für 5,7 Millionen Euro an den Landkreis Mansfeld-Südharz verkaufen und das Gelände anschließend mieten, teilte Mifa am Mittwoch mit. Zudem holte das Unternehmen einen weiteren Sanierer an Bord. Vor einem Monat war bereits der Wirtschaftsprüfer Hans-Peter Barth als Finanzvorstand berufen worden. Als neues Vorstandsmitglied berief der Aufsichtsrat nun den Sanierer Stefan Weniger, der die Bereiche Reorganisation und Sanierung verantworten soll. Peter Wicht, dessen Familie 24 Prozent der Mifa-Aktien hält, war schon länger wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nicht mehr operativ tätig gewesen.

In großer Sorge sind der Betriebsrat und die IG Metall: „Man muss vermuten, dass im Controlling und Management nicht alles optimal gelaufen ist“, sagte Almut Kapper-Leibe, Leiterin der IG-Metall-Verwaltungsstelle Halle-Dessau, am Freitag dem Tagesspiegel. Es würden nun dringend Leute im operativen Geschäft gebraucht, „die Einfluss nehmen und eine Strategie haben“. Statt immer mehr ins Segment der Low-Budget-Räder einzusteigen, müsse die Mifa-Strategie lauten: „Besser statt billiger“.

Anteilseigner Carsten Maschmeyer glaubt an die Zukunft

Carsten Maschmeyer, der 27,5 Prozent der Mifa-Anteile hält, ließ über eine Sprecherin ausrichten, er stehe weiterhin zu dem Unternehmen und glaube fest an die Zukunft des Fahrradherstellers. Maschmeyer ist seit 2011 an der Firma beteiligt, zusammen mit seiner Familie und seiner Investmentfirma ist er der größte Einzelaktionär. Die Aktionäre haben zuletzt empfindliche Verluste hinnehmen müssen: Die Mifa-Aktie hatte nach der Hiobsbotschaft von Mitte März rund die Hälfte ihres Wertes verloren. Am Mittwoch kletterte das Papier um 1,6 Prozent.

Der Landrat des Kreises Mansfeld-Südharz, Dirk Schatz (CDU), verteidigte in einer Mitteilung die Hilfe der Politik. „Ich halte es für einen ganz normalen Prozess, dass die öffentliche Hand abwägt, ob sie helfen kann, Arbeitsplätze zu erhalten.“ Am Wochenende hatte der Kreistag in einer Sondersitzung Grünes Licht für staatliche Hilfen gegeben.

In seiner Mitteilung erklärte Mifa am Freitag, das operative Geschäft sei aktuell nicht beeinträchtigt. Sowohl die Produktion als auch der Absatz liefen „derzeit auf einem hohen Niveau“. Der Vorstand blicke „optimistisch auf das laufende Geschäftsjahr“. Nach einem „Jahr der Reorganisation“ erwarte Mifa 2015 wieder „deutliche Verbesserungen bei den operativen Kennzahlen“.

Ob auch Anleihegläubiger diesen Optimismus teilen können, ist ungewiss. In einem Anleiheprospekt hatte Mifa vergangenes Jahr für das erste Halbjahr 2013 noch einen Gewinn von 3,5 Millionen Euro ausgewiesen. Wer das Papier zeichnete, wurde später böse überrascht.

Ein neuer Investor könnte die Situation verbessern. Man arbeite weiterhin an der Partnerschaft mit dem weltgrößten Fahrradhersteller Hero Cycles aus Indien, teilte Mifa mit. Mifa und Hero Cycles hatten eine Absichtserklärung unterzeichnet, wonach die Inder 15 Millionen Euro an Eigenkapital in das Unternehmen einbringen würden. Zudem gebe es Gespräche mit den Gläubigern einer Anleihe. Eine Wirtschaftsberatung solle das Geschäft analysieren und Vorschläge machen. mit dpa

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