Fahrradhersteller Mifa wieder insolvent : Pleite statt Party

Im Jahr des 110. Jubiläums rutscht der ostdeutsche Fahrradhersteller Mifa erneut in die Insolvenz. Doch die Sangerhausener geben nicht auf.

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Guter Ruf und schlechte Zahlen. Einst als VEB Mifa größter Fahrradhersteller der DDR, hat das Traditionsunternehmen nun offenbar wieder Ärger mit den Banken. Foto: picture alliance / zb
Guter Ruf und schlechte Zahlen. Einst als VEB Mifa größter Fahrradhersteller der DDR, hat das Traditionsunternehmen nun offenbar...Foto: picture alliance / zb

Fröhlich gefeiert haben sie bei Mifa im Südharz schon länger nicht mehr. Und es sieht danach aus, als würde es auch 2017 nichts damit in Sangerhausen. Dabei gäbe es einen Anlass. Im Juli wird der ostdeutsche Fahrradhersteller – nach Stückzahlen Marktführer in Deutschland – 110 Jahre alt. Doch das Jubiläumsjahr beginnt mit einer schlechten Nachricht: Die Mitteldeutschen Fahrradwerke (Mifa) sind, wie berichtet, zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren insolvent. Pleite statt Party.

„Unser Ziel ist es, die Existenz von Mifa und möglichst vieler Arbeitsplätze hier am Standort Sangerhausen langfristig zu sichern“, sagte der neue Geschäftsführer Joachim Voigt-Salus am Donnerstag. Der Rechtsanwalt ist auf die Sanierung von Unternehmen spezialisiert. Die Mifa-Bike GmbH, wie das Unternehmen eigentlich heißt, hat 520 Mitarbeiter. Sie müssen nun wieder darauf hoffen, dass das deutsche Insolvenzrecht und das Geschick der neuen Sanierer ihre Jobs retten. Löhne und Gehälter sind über das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur noch für drei Monate gesichert.

Erst 2014 hatte Mifa schon einmal Insolvenz angemeldet

Der Weg in eine Insolvenz in Eigenverantwortung ist für den Fahrradhersteller jedenfalls frei. Das Amtsgericht Halle habe dem entsprechenden Antrag stattgegeben, teilte Voigt-Salus mit. Gemeinsam mit seinem Geschäftsführungskollegen Matthias Herold wolle er das Unternehmen neu aufstellen. Zu den Gründen für die neuerliche Insolvenz sagte er nichts.

Ankündigungen wie die von Voigt-Salus kennt die Mifa-Belegschaft nur zu gut. Die Erinnerungen an den letzten Rettungsversuch für den Traditionsbetrieb sind noch wach. Erst im September 2014 hatte Mifa Insolvenz anmelden müssen, weil der Investor Hero Cycles aus Indien nicht wie geplant eingestiegen war. Der Grund: In den Bilanzen des Unternehmens waren Fehler entdeckt worden. Im Verdacht der Bilanzkosmetik stand der frühere Mifa-Chef Peter Wicht. Der Staatsanwalt ermittelte.

Sanierer. Der neue Mifa-Geschäftsführer Matthias Herold (l.) und Joachim Voigt-Salus (r), sowie der Sachwalter Lucas Flöther (M). Foto: dpa
Sanierer. Der neue Mifa-Geschäftsführer Matthias Herold (l.) und Joachim Voigt-Salus (r), sowie der Sachwalter Lucas Flöther (M).Foto: dpa

Weil frisches Kapital fehlte, geriet Mifa in Schieflage, wies hohe Verluste aus, die an der Börse notierte Aktie stürzte ab. Verwalter der Insolvenz war schon damals der Berliner Anwalt Lucas Flöther, der auch jetzt Mifa wieder sanieren soll. Flöther überwarf sich 2014 mit dem Promi-Investor Carsten Maschmeyer, der noch gut 28 Prozent der Mifa-Aktien hielt – und im Streit verkaufte. Im Aufsichtsrat des Fahrradherstellers saß zu diesem Zeitpunkt auch Ex-EnBW-Chef Utz Claassen, mit dem sich Maschmeyer heute in einer anderen Angelegenheit eine juristische Schlammschlacht liefert. Im Gerangel der Investoren gewann Insolvenzverwalter Flöther Ende 2014 den Unternehmer Heinrich von Nathusius als Retter in der Not. Nathusius schien der ideale Sanierer zu sein: Nach der Wende hatte er den maroden Autozulieferer Ifa gekauft und das Haldeslebener Unternehmen zu einem führenden Produzenten von Längswellen gemacht.

Nathusius übernahm mit seiner Familie Mifa komplett und baute – eine Landesbürgschaft im Rücken – ein neues Werk für 17 Millionen Euro, das vor weniger Wochen erst eröffnet wurde. Mifa sollte von Januar an komplett am neuen Standort produzieren. Nathusius wollte es zum kostengünstigsten Fahrradwerk Europas machen, mit einer an der Autoindustrie angelehnten Just-in-time-Fertigung. Das Unternehmen schien sich erholt zu haben. Etwa 400 000 Fahrräder produzierte Mifa im vergangenen Jahr, die Auftragsbücher sind voll. Nathusius erklärte kürzlich, es lägen Bestellungen über 42 Millionen Euro vor.

Im Wettbewerb. Mifa konkurriert mit ausländischen Herstellern. Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb
Im Wettbewerb. Mifa konkurriert mit ausländischen Herstellern.Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Mifa steht im harten Wettbewerb mit ausländischen Herstellern, die auf den deutschen Markt drängen – vor allem im Billigsegment. Von den gut 4,3 Millionen hierzulande verkauften Rädern werden mehr als drei Millionen importiert. Davon stammt jedes fünfte Fahrrad aus Kambodscha. Die Sangerhausener Fahrradbauer behaupteten sich und zehren bis heute von ihrem guten Ruf, den sie sich über die Grenzen von Sachsen-Anhalt erworben haben. Stolz verweist man darauf, dass in der Region bereits 1761 das erste Laufrad erfunden wurde. Zu DDR- Zeiten drehte Mifa als volkseigener Betrieb buchstäblich ein großes Rad: bis Ende der 1980er Jahre liefen 450 000 Fahrräder pro Jahr vom Band. Das war die Hälfte der gesamten Fahrradproduktion der DDR. Legendär: das Mifa-Klapprad, der „Trabi auf zwei Rädern“, von dem zwischen 1967 und 1978 nach Mifa-Angaben mehr als 1,5 Millionen Exemplare verkauft wurden.

Die Eigentümer geben noch einmal frisches Geld

Heute, so heißt es, braucht Mifa wieder Geld. Angeblich wollten die Banken zuletzt keine Kredite mehr geben. Heinrich von Nathusius (73) gab die Geschäftsführung ab. Doch ganz raus ist der Eigentümer nicht. Joachim Voigt-Salus kündigte am Donnerstag an, sein Ziel sei der Erhalt des Unternehmens auf Grundlage eines Vergleichs mit den Gläubigern. Die Eigentümer-Familie Nathusius habe frisches Kapital in Millionenhöhe zugesagt – dies sei eine gute Nachricht, denn wenn die Gesellschafter bereit seien, einen Sanierungsbeitrag zu leisten, dann „sind in aller Regel auch die Gläubiger umso mehr zur Kooperation bereit“. mit dpa, AFP

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