Fiat 500 elektrisch : Knutschkugel unter Strom

Der Hamburger Unternehmer Sirri Karabag schafft, was der Fiat-Konzern fürchtet: Er verkauft elektrische Fiat 500.Mit einem größeren Vertriebsnetz will der Unternehmer jetzt expandieren.

von
Von einem herkömmlichen Fiat 500 unterscheidet sich die Elektroversion optisch nur durch den Stecker. Unter dem Blech ist aber alles neu. Rund 100 Kilometer schafft der Winzling mit einer Batterieladung.
Von einem herkömmlichen Fiat 500 unterscheidet sich die Elektroversion optisch nur durch den Stecker. Unter dem Blech ist aber...Foto: picture alliance / dpa

Was ist von einem Autoboss zu halten, der vom Kauf seiner Autos abrät? Fiat-Chef Sergio Marchionne empfahl kürzlich bei einem Abendessen seinen Zuhörern, sie sollten sich bitte keinen elektrisch betriebenen Fiat 500 zulegen. „Ich hoffe, Sie kaufen ihn nicht. Denn jedes Mal, wenn ich einen verkaufe, kostet es mich 14 000 Dollar", klagte er.

Freimütiger hat wohl noch kein Autohersteller zugegeben, dass Elektroautos noch ein Verlustgeschäft sind. Für Marchionne bleibt das Minus indes beherrschbar, denn den Fiat 500e muss er nur in den USA verkaufen. So schreiben es die Umweltgesetze den Italienern vor, etwa in Kalifornien. Hätten sie kein E-Auto im Programm, dürften sie dort auch keine konventionellen Fahrzeuge verkaufen. Aktuell bietet Fiat den 500e für 31 800 Dollar an, von denen der Staat bis zu 14 000 Dollar als Kaufprämie erstattet.

Für die deutschen Fans des kleinen Cinquecento ist Marchionnes Bekenntnis eine Enttäuschung. Dass die erfolgreiche Knutschkugel dereinst als Elektroauto auf den deutschen Markt kommen könnte, ist sehr unwahrscheinlich. „Für vollelektrische Fahrzeuge gibt es derzeit kein Geschäftsmodell“, bestätigt ein Fiat-Sprecher. „Das ist ein Verlustgeschäft.“

"Wir verdienen mit Elektroautos Geld"

Eine andere Rechnung macht ein Unternehmer aus Hamburg auf. Sirri Karabag ist der größte deutsche Importeur für Fiat-Nutzfahrzeuge – und seit einigen Jahren baut er auch Kleintransporter und Fiat 500 zu E-Fahrzeugen um. „Wir verdienen mit Elektroautos Geld“, sagt Karabag im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Knapp 600 Elektrofahrzeuge hat er mittlerweile verkauft, davon etwa die Hälfte Fiat 500. Auch den alten VW-Käfer setzt Karabag unter Strom. Im laufenden Jahr sollen 200 E-Fahrzeuge hinzukommen. „Bis 2020 wollen wir 20 000 Elektrofahrzeuge verkauft haben", sagt Karabag.

Hinter dem Hamburger Geschäftsmodell steckt eine Menge Improvisation und Erfindergeist. Die elektrischen Fiat 500 sehen auf den ersten Blick wie gewöhnliche Serienfahrzeuge aus. Doch das Innenleben hat Karabag komplett ausgetauscht. Statt eines Verbrennungsmotors samt Getriebe steckt ein TÜV-zertifizierter Elektroantrieb unter der Haube. Die Reichweite mit einer Akkuladung beträgt etwa 100 Kilometer. Für gut 24 000 Euro ist der Fiat 500e zu haben – eine Kaufprämie gibt es in Deutschland nicht.

Dies ist wohl auch ein Grund, warum Fiat den deutschen Markt meidet. An Marchionnes Äußerung „mag man ablesen, wie weit die Strecke für einen Hersteller wie Fiat ist, wirtschaftlich vernünftig Elektroautos in Serie zu produzieren und zu verkaufen“, sagt Sirri Karabag. Obwohl alle deutschen Hersteller inzwischen eigene E-Modelle anbieten, spielt die Elektromobilität hierzulande eine Nebenrolle. Rechnet man großzügig, waren Anfang 2014 knapp 98 000 Autos mit einem elektrischen oder teilelektrischen (Hybrid-) Antrieb unterwegs. Letzterer zählt allerdings nur dann zur Elektromobilität, wenn die Batterie an der Steckdose aufgeladen werden kann (Plug-In-Hybrid). So bleiben noch schätzungsweise gut 20 000 echte Elektroautos übrig – bei einem Bestand von 60 Millionen Fahrzeugen.

Erfahrung beim Umbau von Elektroautos seit 2008

Der Hamburger Sirri Karabag ist ein Pionier. Schon 2008 bat ihn der Fiat-Konzern, Kleintransporter und den Fiat 500 gemeinsam mit der italienischen Firma Micro-Vett zu E-Fahrzeugen umzubauen. Die Nachfrage war überraschend groß. Karabag entschloss sich deshalb, die Fahrzeuge in Eigenregie umzubauen.

Weil immer mehr elektrische Karabag-Autos unterwegs waren, die auch einen Service brauchten, sah sich Karabag 2013 gezwungen, sein Business-Modell umzubauen. Zusammen mit dem Gabelstaplerhersteller Still wurde ein Netz von 800 teilweise mobilen Servicestationen aufgebaut. Auch den Vertrieb stellte Karabag breiter auf: „Mit dem größeren Netzwerk von derzeit 470 Handelspartnern werden wir das Volumen deutlich vergrößern – auch, weil wir preisgünstiger werden“, sagt der Unternehmer. Er behauptet, dass seine Vertriebspartner an einem elektrischen Fiat 500 zehnmal mehr verdienen als an einem konventionellen Neuwagen.

Im April übernahm der kommunale Ökostromversorger Wemag aus Schwerin 70 Prozent der Karabag Elektroauto GmbH. Gerade kündigte der neue Miteigentümer einen Großauftrag an: Der Linde-Konzern will 200 umgerüstete Fiat-Transporter bestellen. Zusammen vermarkten Karabag und Wemag auch ein Leasingpaket für den Fiat 500, das für einen Vier-Personen-Haushalt neben dem E-Auto eine Fotovoltaikanlage, den Öko-Strom und 1000 Fahrkilometer pro Monat enthält – für 450 Euro monatlich. Auch Berliner Kunden will Karabag überzeugen: „Berlin hat eine besondere Anziehungskraft, weil dort die Regierung sitzt und das Schaufenster Elektromobilität viel Aufmerksamkeit erregt“, sagt der Hamburger. „Wir werden gezielter Berliner Kunden ansprechen und sichtbar sein in der Stadt.“

Fiat kommentiert die elektromobile Expansion von Sirri Karabag offiziell mit Nichtbeachtung. „Es gibt keine Zusammenarbeit“, sagt ein Sprecher. Lediglich im Nutzfahrzeug-Import kommen beide ins Geschäft. Glaubt man Karabag, sind die Italiener hinter den Kulissen aber doch interessiert: „Wir führen Gespräche mit Fiat“, sagt er. „Der Konzern hat erkannt, dass es da einen erfolgreichen Anbieter und Technologieträger auf dem deutschen Markt gibt, der wertvolle Vorarbeit geleistet hat.“

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben