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Finanzlage in Zypern : Wirtschaft im freien Fall

24.06.2013 13:37 Uhrvon
Pleitebank: Mit ihren Krediten in Griechenland hatte die „Laiki“ so hohe Verluste gemacht, dass sie eigentlich schon seit Mai 2012 bankrott ist – das wusste die EZB. Foto: dpa / picture allianceBild vergrößern
Pleitebank: Mit ihren Krediten in Griechenland hatte die „Laiki“ so hohe Verluste gemacht, dass sie eigentlich schon seit Mai 2012 bankrott ist – das wusste die EZB. - Foto: dpa / picture alliance

Verwaiste Fabriken, Geschäfte und Baustellen – so sieht der Alltag in Zypern seit dem Frühjahr aus. Gerettet hat die Europäische Union zuerst ausländische Investoren. Heimische Unternehmen, wenn sie noch nicht pleite gegangen sind, bangen nun um ihr Fortbestehen.

Es hätte ein gutes Jahr werden sollen für die Firma Serano. Mit Wehmut in der Stimme erzählt Antonis Neophytou, der junge Geschäftsführer und Erbe des Familienunternehmens, wie seine Eltern in 40 Jahren aus einem kleinen Laden ein über Zypern hinaus bekanntes Unternehmen machten. Stolz präsentiert er die neue Fabrik vor den Toren Nikosias. Kühlräume hoch wie Turnhallen, Röstöfen mit rotierenden Riesentrommeln, Verpackungsautomaten – alles auf dem neuesten Stand. Geröstete Nüsse und Trockenfrüchte im Wert von zwölf Millionen Euro sind im Vorjahr hier vom Band gelaufen und an Kunden in zehn Ländern ausgeliefert worden.

Ja, die Kredite für die Anlage sind noch nicht bezahlt, gibt Neophytou zu. Aber die Firma war ja selbst für den schlimmsten Krisenfall gerüstet. Drei Millionen Euro Reserve lagen auf dem Konto, „angespart über ein halbes Leben“, sagt er mit Blick auf seine Mutter. Eigentlich konnte gar nichts schiefgehen – bis zu jenem „schrecklichen Tag, als sie uns verraten haben“.

Das war der 25. März, der Montag, als die Finanzminister der Euro-Zone ihr Urteil über Zypern fällten. Zehn Milliarden Euro Notkredit aus dem EuroRettungsfonds ESM gestanden sie dem Inselstaat zu, damit dieser weiterhin seine Schulden bedienen konnte. Aber nicht ein Cent davon, so lautete die Bedingung, darf zur Rettung bankrotter Banken ausgegeben werden. Doch genau die sind Zyperns größtes Problem. Mit ihren Krediten in Griechenland hatten die Großbanken „Laiki“ und „Bank of Cyprus“ so hohe Verluste gemacht, dass sie ihr gesamtes Eigenkapital verloren und eigentlich bankrott sind.

Für die Wirtschaft der Insel sind sie jedoch unverzichtbar, fast alle Unternehmen haben Konten dort. Nur ist die Rettung von Bankengläubigern mit Steuergeldern unter Europas Finanzministern nicht mehr populär. Und so verfielen die Euro-Retter im fernen Brüssel auf eine scheinbar einfache Lösung: Anders als in allen anderen Krisenländern mussten in Zypern die Gläubiger der Pleitebanken, und da vor allem die Inhaber von Spar- und Girokonten, für die Verluste haften, wenn ihre Einlagen die Grenze von 100 000 Euro überschritten.

Sechs Milliarden Euro Verlust für Bankkunden in Zypern

Mit diesem im Finanzjargon sogenannten „bail-in“, dem Tausch von Forderungen in Bankanteile, verloren die Kunden der beiden Banken an einem Tag fast sechs Milliarden Euro – darunter eben auch die Firma Serano und hunderte weitere Unternehmen. „Wir hatten überhaupt nichts mit Spekulation oder Geldwäsche zu tun“, beteuert Neophytou. „Warum werden wir so bestraft?“

Noch kann er seine Firma über Wasser halten, weil seine rund 100 Mitarbeiter auf einen Teil der Löhne verzichten. Viele andere dagegen können ihre Löhne und Lieferanten nicht bezahlen. Verlassene Baustellen, geschlossene Läden, leere Fabriken sind die Folge. Zyperns Wirtschaft ist im freien Fall. „Man hat uns die Kniescheiben zerschlagen, und jetzt sollen wir laufen“, klagt Harris Georgiades, der erst jüngst berufene Finanzminister. Er weiß, dass er den Staatshaushalt mangels Einnahmen gar nicht so sanieren kann, wie es seine Euro-Kollegen kategorisch fordern.

Aber sollten im Fall von Zyperns Banken nicht endlich diejenigen „in die Verantwortung“ genommen werden, „die die Probleme verursacht haben“, wie Kanzlerin Merkel versprach? Sollten nicht die Steuerhinterzieher und Geldwäscher die Zeche für den Kollaps der aufgeblähten Banken zahlen und so „Zyperns Geschäftsmodell“ beenden, wie es Finanzminister Schäuble formulierte? Das kam gut an – und war doch nur die halbe Wahrheit.

Denn die im März beschlossene Zwangsbeteiligung der Bankkunden hatte einen höchst umstrittenen Vorlauf. Da habe es, so berichtet der Ökonom Stavros Zenios, Vizechef des nationalen Wirtschaftsrats der Regierung, lange vorher „einen heimlichen Freikauf“ von milliardenschweren Gläubigern gegeben, „finanziert durch die Europäische Zentralbank“. Nur deshalb müssten nun Unternehmen und sogar Pensionsfonds bluten, die keinerlei Schuld an der Bankenmisere treffe, sagt er und ist sich darin einig mit den meisten Fachleuten im Land.

Heimlich, und das auch noch mit Zentralbankgeld? Das klingt nach Verschwörungstheorie. Doch Zenios und seine Mitstreiter haben starke Argumente.

Dabei bestreitet fast niemand in Zypern, dass der Niedergang der Banken zuallererst selbst verschuldet war. Seit Jahrzehnten baute ihr Geschäft auf der Flucht ausländischer Investoren vor dem Fiskus ihrer Heimatstaaten. Im Verbund mit einem ganzen Heer von Anwälten und Rechnungsprüfern machten sie die – weitgehend steuerfreie – Vermögensverwaltung für anonyme Briefkastenfirmen zur Basis ihres Geschäfts. Eine Untersuchung des Prüfungsunternehmens Deloitte ergab, dass die Mitarbeiter der beiden Großbanken bei rund 360 von 400 untersuchten Konten von Großanlegern deren wahre Identität nicht kannten. So schwoll das Volumen von Zyperns Finanzbranche bis 2012 auf das Achtfache der jährlichen Wirtschaftsleistung des nur rund 800 000 Einwohner zählenden Landes. Nicht nur viele russische Neureiche verlegten ihr Geld und meist auch ihren Wohnsitz nach Zypern, um sich vor den Übergriffen des Putin-Regimes zu schützen. Auch Finanzinstitute aus anderen Teilen Europas bunkerten große Summen bei Zyperns Banken, die nicht nur mit geringen Steuern, sondern auch mit hohen Zinsen lockten, Das stieß zwar bei anderen EU-Regierungen auf Kritik, aber es machte Zyperns Elite reich und bescherte Nikosia Bankenpaläste wie in Dubai oder New York.

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