Wirtschaft : Fit und fleißig

In Japan startet die Rente mit 69 Jahren

Jan Keuchel (HB)
Leere Plätze. Firmen in Japan gehen langsam die Mitarbeiter aus. Foto: Reuters
Leere Plätze. Firmen in Japan gehen langsam die Mitarbeiter aus. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Metabo, so lautet schon seit Jahren eines der Mode-„Schimpfworte“ in Japan – „Fettleibigkeit“ heißt das übersetzt. In Japan wird Gesundheit groß geschrieben, unter den Industrienationen sind Japaner die dünnsten und gesündesten Menschen. Sie sind so fit, dass die meisten selbst bis ins hohe Alter arbeiten – die Menschen gehen im Durchschnitt erst mit 69,5 Jahren in den Ruhestand.

Dennoch gehen den Konzernen die Mitarbeiter aus. Die Bevölkerung schrumpft: Die Zahl der Erwerbstätigen wird von 66,57 Millionen im Jahr 2006 auf 42,28 Millionen im Jahr 2050 sinken. Und die Lage verschärft sich noch, seit Japans Baby-Boomer-Generation in Rente geht.

Die Regierung hat deshalb schon 2005 ein Gesetz eingeführt mit dem sie diesem Trend entgegenwirken will – de facto geht es um längere Lebensarbeitszeiten. Bislang legen in Japan die Firmen das Rentenalter fest – meist liegt es zwischen 55 und 60 Jahren. Nur für Top-Manager gibt es in der Regel keine Altersbegrenzung.

Das Gesetz hat die Firmen aufgefordert, entweder das interne Rentenalter auf 65 Jahre anzuheben oder bis zu dieser Grenze ein Weiterbeschäftigungssystem einzuführen. Viele Firmen haben darauf reagiert und neben Gesundheitsmaßnahmen Weiterbeschäftigungsverträge für Rentner eingeführt. Über das 65. Lebensjahr hinaus sind Anstellungen individuell möglich, und werden häufig genutzt.

Dass die Unternehmen gern die fitten und erfahrenen Senioren beschäftigen, belegt die steigende Zahl der Anfragen bei den Arbeitsvermittlern.

Die älteren Mitarbeiter müssen allerdings gesund sein. In Japan zahlen die Unternehmen oder ihre Versicherungen die Gesundheitsvorsorge. Es werden Strafen für die Firmen fällig, wenn etwa die „Metabo“-Rate im Betrieb zu hoch ist. Auch deshalb sind regelmäßige Überprüfungen verpflichtend. Wer dabei als „Metabo“ eingestuft wird, muss damit rechnen, einen ausgearbeiteten Gesundheitsplan zu bekommen oder einen Zuschuss, um ein Fitnessstudio zu besuchen.

Viele der älteren Menschen sind aber auch gerne weiter in Arbeit. So können sie ihre Hobbys und Reisen finanzieren. Und ihre Ehe bleibt stabiler. Seit Jahren steigt die Scheidungsrate unter Rentnern. „Nure ochiba“, nasses Laub, steht in Japan für nervende Ehemänner, die an den Schuhsohlen ihrer Frauen kleben, weil sie in Rente gegangen sind und nun nichts mehr mit sich anzufangen wissen. 2007 war „Nure ochiba“ in Japan das Wort des Jahres. Jan Keuchel (HB)

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