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Flexstrom : Kunden können auf Rückzahlungen hoffen

Insolvenzverwalter Christoph Schulte-Kaubrügger macht Flexstrom-Kunden Hoffnung. Das Insolvenzverfahren um den Berliner Stromanbieter zieht sich aber noch lange hin.

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Alles muss raus. Der Firmensitz am Reichpietschufer ist nur gemietet, die Immobilie wird im Oktober zurück gegeben.
Alles muss raus. Der Firmensitz am Reichpietschufer ist nur gemietet, die Immobilie wird im Oktober zurück gegeben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist eines der größten Insolvenzverfahren der deutschen Geschichte. „Allein bei der Flexstrom AG gibt es 600 000 Gläubiger“, sagt Christoph Schulte-Kaubrügger. Die Gläubiger der Flexstrom-Töchter Löwenzahn Energie und Optimal Grün kommen noch hinzu. Ein Mammutverfahren.
„Das Verfahren wird sich einige Jahre hinziehen“, schätzt Schulte-Kaubrügger. Er ist Insolvenzanwalt bei der Wirtschaftskanzlei White & Case. Zusammen mit 70 Mitarbeitern macht der Jurist derzeit eine Bestandsaufnahme. Wie viel Vermögen ist da, wie viel Geld muss Flexstrom Netzbetreibern, Lieferanten und nicht zuletzt seinen Kunden zahlen? Denn viele von ihnen haben der Berliner Billigstromfirma die Stromrechnung im voraus bezahlt und rennen nun ihrem Geld hinterher. Andere warten heute noch auf Boni, mit denen Flexstrom Neukunden gelockt hatte. Viele wissen aber noch gar nicht, was sie fordern können oder ob sie vielleicht selbst zur Kasse gebeten werden. Das will Schulte-Kaubrügger als erstes ändern: „Die Abrechnungen für die Kunden gehen jetzt raus“, sagte der Jurist dem Tagesspiegel, „bis Ende September sind wir durch.“
Schulte-Kaubrügger kann sich ganz auf die Abwicklung konzentrieren, denn der Geschäftsbetrieb von Flexstrom ist eingestellt. Auf der Internetseite des Unternehmens erinnert nur noch die Eigenwerbung – „verboten günstig“ – an bessere Zeiten, statt Informationen zu Tarifen und Konditionen findet man dort jetzt nur noch Hinweise zum Insolvenzverfahren. Das wird sich auch nicht mehr ändern, ist Schulte-Kaubrügger überzeugt. „Das Geschäftsmodell ist erledigt.“
Das Geschäftsmodell, mit dem Flexstrom und sein ebenfalls insolventer Konkurrent Teldafax jahrelang ein sagenhaftes Wachstum hinlegen konnten, stand auf wackeligen Beinen. Kunden wurden mit Kampfpreisen gelockt, mussten aber, um die Billigtarife zu bekommen, ihre Stromrechnung im voraus zahlen. Ein Schneeballsystem, sagen Kritiker. „Erst ab dem zweiten oder dritten Jahr verdienen die Discounter Geld“, weiß der Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Holger Krawinkel. Dann nämlich, wenn die Billigtarife auslaufen und Preiserhöhungen folgen. Das Problem: Die meisten Kunden steigen dann wieder aus. Unterm Strich war der Vertrag für den Billiganbieter dann ein Minusgeschäft. Flexstrom und Teldafax ist diese Preispolitik zum Verhängnis geworden. Im Juni 2011 meldete Teldafax Insolvenz an, im April 2013 Flexstrom.

Am 1. Juli wurde das Insolvenzverfahren für den Berliner Stromlieferanten eröffnet. Kunden, die noch Geld von Flexstrom bekommen, müssen ihre Ansprüche bis Ende dieses Jahres bei Gericht oder beim Insolvenzverwalter anmelden. Dazu schicken Schulte-Kaubrügger und seine Leute allen Gläubigern bis Ende September – unaufgefordert – ein vorgefertigtes Anmeldeformular, das sie zurückschicken müssen. Wichtig: Nur dieses Formular stellt sicher, dass die Ansprüche auch wirklich ordnungsgemäß bearbeitet werden, warnt der Insolvenzverwalter. Daher sollten Kunden auf selbst formulierte, eigene Schreiben verzichten. Und: Wer seine Ansprüche schon vor dem 1. Juli angemeldet hat, muss das jetzt noch einmal tun. Sonst werden die Forderungen nicht berücksichtigt.
Schulte-Kaubrügger macht den Kunden Hoffnung, zumindest einen Teil ihres Geldes wieder zu sehen. „Die Gläubiger können sehr wohl eine Zahlung erwarten“, meint der Jurist. Wie hoch diese ausfalle, könne er aber jetzt noch nicht abschätzen. „Wir müssen die Vermögenswerte realisieren und die Kundenforderungen ermitteln, das geht nicht über Nacht.“ Wer hofft, auch aus dem Firmensitz Kapital schlagen zu können, muss jedoch mit einer Enttäuschung rechnen. Die Büros am Reichpietschufer im Berliner Innenstadtbezirk Tiergarten sind nur gemietet und gehören einem holländischen Immobilienfonds. „Ende Oktober geben wir sie zurück“, kündigt Schulte- Kaubrügger an.

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