Wirtschaft : Forscher: Ausländer nehmen Deutschen keine Jobs weg

Das neue Bleiberecht für im Land Geduldete ist kein Problem, weil es genug Arbeit gibt, die Bundesbürger nicht annehmen

Carsten Brönstrup

Berlin - In Deutschland geduldete Ausländer, die in den kommenden Monaten einen Job suchen, um ein Bleiberecht zu erhalten, werden für den Arbeitsmarkt kein Problem sein. „Es gibt noch eine Menge Angebote – wegnehmen werden die Ausländer niemandem etwas“, sagte Herbert Brücker vom bundeseigenen Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, dem Tagesspiegel. Die Innenminister von Bund und Ländern hatten sich am Freitag auf ein Bleiberecht für rund 190 000 geduldete Ausländer geeinigt, die schon einen Arbeitsplatz haben oder bis zum 30. September 2007 finden.

Bislang waren die Ausländer zum Nichtstun gezwungen – eine Arbeitserlaubnis bekamen sie von den deutschen Behörden nicht. Zwar weiß niemand genau, was die bislang Geduldeten können, ob unter ihnen Ingenieure, Schlosser oder Ungelernte in der Mehrheit sind. Ihre Bildung ist aber eher zweitrangig. „Nach Jahren der erzwungenen Untätigkeit dürften die meisten in ihrem angestammten Beruf kaum eine Stelle finden“, befürchtet Brücker. Sie haben neue Entwicklungen verpasst und vieles verlernt – ihr Humankapital ist entwertet, nennen es Arbeitsmarktforscher. „Man hätte ihnen das Arbeiten schon längst erlauben sollen“, sagt Brücker. Zudem werden ihre Diplome und Zeugnisse oft nicht anerkannt – das erschwert die Suche zusätzlich.

Ärzte können keine Praxis eröffnen, Handwerker keinen Betrieb gründen. „Die meisten werden Arbeit im Niedriglohnsektor annehmen müssen – also für fünf oder sechs Euro die Stunde, vielleicht auch darunter“, erwartet Brücker. Dafür kann man Briefe austragen, Fenster putzen, kellnern oder Hotelzimmer aufräumen. Viele andere Arbeitslose haben auf solche Tätigkeiten gar keine Lust, hat Holger Bonin festgestellt. Er hat am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn in einer neuen Studie erforscht, welchen Einfluss Gastarbeiter in den vergangenen 30 Jahren auf den deutschen Stellenmarkt hatten. Migranten nehmen den Einheimischen keine Jobs weg, weil sie, so Bonin, „schmutzige Jobs“ erledigen, die sonst keiner will. „Als Erntehelfer will sich noch immer kaum ein deutscher Arbeitsloser einstellen lassen.“ Das liege auch an den mangelnden Arbeitsanreizen. Bonin: „Viele stellen sich besser, wenn sie ihr Arbeitslosengeld durch einen Minijob aufbessern.“ Einen Mangel an gering bezahlten Tätigkeiten gebe es dagegen nicht. „Die Unternehmer wären froh, wenn sie mehr Niedriglohnstellen besetzen könnten – es gibt aber kaum Bewerber.“

Zwar ist die Arbeitslosigkeit unter Ausländern mit derzeit 22 Prozent deutlich höher als unter Deutschen. Trotzdem sehen Fachleute die hier geduldeten Migranten im Vorteil, auch gegenüber heimischen Langzeitarbeitslosen. „Sie sind motivierter, und sie haben meist besser funktionierende Familienstrukturen“, sagt IAB-Fachmann Brücker. Hinzu kommt, dass sie offenbar auf Dauer in Deutschland leben wollen. „Untersuchungen zeigen, dass Leute mit einem solchen Hintergrund ehrgeiziger sind und sich schneller integrieren“, berichtet Michael Fertig, Integrationsforscher beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. „Erfolglose Zuwanderer brechen oft ihre Zelte wieder ab und versuchen ihr Glück in einem anderen Land.“

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