Frauen in Führungspositionen : Dax-Konzerne protestieren gegen Schröders Pranger

Die Familienministerin hat den Dax-Unternehmen Noten für Fortschritte bei der Frauenförderung gegeben. Sie veröffentlichte eine Rangliste mit klaren Gewinnern und Verlierern. Das passt den Firmen gar nicht - vor allem denen am Tabellenende nicht.

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Quotenlos glücklich. Familienministerin Kristina Schröder will mit dieser Liste auch ohne Gesetz Druck ausüben.
Quotenlos glücklich. Familienministerin Kristina Schröder will mit dieser Liste auch ohne Gesetz Druck ausüben.Foto: picture alliance/dpa

Für Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) war es ein politischer Kunstgriff, ein Coup, der ihr neue Spielräume in der Endlosdiskussion um gesetzliche Frauenquoten eröffnen sollte. Für einige der größten Unternehmen des Landes aber war es eine Frechheit: Vor gut zwei Wochen hatte Schröders Ministerium, wie berichtet, eine Rangliste veröffentlicht, die alle Dax-Konzerne (außer Neuzugang Continental) nach Kriterien der Frauenförderung gewichtet. Damals waren die wenigsten Unternehmen spontan dazu bereit, diesen Vorgang zu bewerten. Nun aber regt sich Widerstand – vor allem im Tabellenkeller.

„Wenig hilfreich“ sei das Ranking. Der „öffentliche Pranger“ sei „nicht zielführend“, sagten viele vom Tagesspiegel befragte Konzernsprecher. Einige nannten die Aktion „kontraproduktiv“. Gerade die Technologiekonzerne könnten sich eben „keine Frauen schnitzen“, wenn sich zu wenige bewerben würden. Offen die CDU-Ministerin kritisieren will vorerst aber niemand.

Die Dax-Konzerne glaubten Schröder bisher an ihrer Seite. Schließlich war sie es, die die Unternehmen stets gegen Initiativen von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und der Opposition für die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote in Aufsichtsräten und Vorständen verteidigte. Die Unternehmen konnten ein Quotengesetz nur abwenden, indem sie sich vor gut einem Jahr mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung jeweils eigenständige Ziele zur Steigerung des Frauenanteils in Führungspositionen setzten. Das entsprach weitgehend dem Schröderschen Modell der sogenannten Flexi- Quote. Das sieht aber auch vor, dass die Unternehmen die Ziele auch kommunizieren. Letzteres übernahm das Ministerium nun für die Konzerne.

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So entwickelte man im Ministerium die Rangliste indem man jeweils Punkte für den aktuellen Stand der Frauenförderung gab (Leistung), wie ambitioniert der Zeitrahmen ist, in dem die Ziele erreicht sein sollen (Dynamik) und die Qualität der Ziele (Ambition). Dann addierten die Ministerialen schlicht die Punkte. Erwartungsgemäß locker gibt man sich heute beim Spitzenreiter Henkel (21 von 25 Punkten), dessen Frauenanteil in Führungspositionen bei knapp 30 Prozent liegt. „Wir haben den Anteil zuletzt jährlich weltweit um ein bis zwei Prozent erhöht. So wollen wir das auch weiterhin halten“, sagt eine Sprecherin. Auf dem letzten Platz, liegt das Medizintechnik- und Gesundheitsunternehmen Fresenius (zwei von 25). Als frauenfeindlich will Sprecher Matthias Link Fresenius nicht dastehen lassen. „Im Dezember 2011 waren 27 Prozent der Manager in den obersten Leitungsebenen weiblich. Fresenius und Fresenius Medical Care nehmen damit beide einen Spitzenwert im Dax 30 ein. Dabei verzichten wir auch in Zukunft ganz bewusst auf eine starre Quote als Zielgröße“, sagt Link.

Er verweist auf „Mentoringprogramme, flexible Arbeitszeitmodelle, spezielle Weiterbildungsangebote und einen Ausbau der Kinderbetreuung“. Das schlechte Abschneiden des Unternehmens könnte allerdings mit eben diesem Verzicht auf feste Vorgaben und dem allgemein hohen Frauenanteil insgesamt zusammenhängen. Zu Fresenius gehören beispielsweise die Helios-Kliniken mit ihren vielen weiblichen Beschäftigten.

Kristina Schröder ist seit 2009 Bundesfamilienministerin.
Kristina Schröder ist seit 2009 Bundesfamilienministerin.Foto: picture alliance / dpa

Uwe Wolfinger, Chef-Sprecher bei Linde (elf von 25 Punkten), betont den Wunsch des Technologiekonzerns, den Anteil von Frauen in Führungspositionen bis 2018 von heute elf auf 13 bis 15 Prozent zu steigern. „Das ist zwar ein moderater Anstieg, dafür ist er auch realistisch. Letztlich bleibt für Linde die Qualifikation und nicht das Geschlecht ausschlaggebend.“ Außerdem spiegele das Verhältnis auch den Anteil von Frauen in den so genannten „Mint-Fächern“ wieder. Von allen Studierenden, die 2010, also dem letzten Jahr, für das Daten vollständig vorhanden sind, einen Abschluss in Mathematik, Informatik, in naturwissenschaftlichen Fächern oder den Ingenieurwissenschaften (Mint) erworben haben, waren 31,4 Prozent Frauen. Innerhalb der letzten zehn Jahre ist ihr Anteil damit um etwa fünf Prozent gestiegen: Im Jahr 2000 lag die Quote noch bei 26,6 Prozent. Sorgen machen vor allem die Ingenieurwissenschaften, dort stagniert die Quote seit einer Dekade bei etwa 22 Prozent.

Einen anderen Ansatz versucht der Luftfahrtkonzern Lufthansa (sieben Punkte). „Wir befürworten die Zuwachs-Quote. Die übliche Anteils-Quote würde festschreiben, wie hoch der Anteil weiblicher Führungskräfte zu einem bestimmten Zeitpunkt sein soll, sagt ein Sprecher. Die Zuwachs-Quote entspricht der Steigerung der Anzahl von Frauen in Führungspositionen, basierend auf dem Anteil Ende 2010.“ So soll bei der Führungsfrauen-Anteil bis 2020 um 30 Prozent gegenüber 2010 steigen und somit 20,2 Prozent betragen. Aktuell sind es bei Lufthansa 15,5 Prozent.

Michael Able von der Münchener Rück (ebenfalls sieben) verweist auf die „ambitionierten Ziele“ seines Unternehmens. Der Rückversicherer wolle bis 2020 ein Viertel seiner Top-Positionen mit Frauen besetzt haben. Wie bei allen angefragten Unternehmen legte er außerdem Wert auf die bestehenden Beratungsangebote, Mentoringprogramme und die flexiblen Arbeitszeitmodelle für Frauen.

Nicht nur die unterschiedlichen Geschäftsfelder und Konzernstrukturen machen den Vergleich zwischen verschiedenen Firmen schwierig, sondern auch deren Größe, sagt Michael Friedrich von Siemens (13 Punkte): „Unser Ansatz ist, den Anteil von Frauen in Führungspositionen bis Ende 2015 von derzeit zehn auf zwölf bis 13 Prozent zu erhöhen. Bei 22000 Mitarbeitern in leitenden Positionen sind das in diesem kurzen Zeitraum etwa 550 neue weibliche Führungskräfte.“

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