Wirtschaft : Geb. 1967

Albrecht Lachmann

Thomas Loy

Einmal stellte er sich als Sprecher bei der Tagesschau vor. Dann entschied er, ohne Fernsehkameras glücklich zu werden. Radio hieß für ihn: vier Uhr aufstehen, von fünf bis zwölf Wetter und Verkehr, dann Feierabend.

Bitte Vorsicht auf der A-Zweihundertfünfundfünzig, Zweig Hamburg-Veddel, stadteinwärts. Dort liegen Gegenstände auf der Fahrbahn…

Er hat alles richtig gemacht, sagt seine Schwester Alexandra, die er Dattel nannte. Er ging in den Westen, als andere noch zögerten. Er machte Fernreisen, als andere noch an die Ostsee zuckelten. Er genoss sein Leben in vollen Zügen. Er war ein Sonnyboy, ein Charmeur, ein Gutelaunemensch. Er machte Späße: „Dattel, sei schön fleißig. Du musst uns mal alle ernähren.“

Oder: „Da bleibt uns nichts: Walter Ulbricht.“ Oder: „Komm, lass uns das jetzt machen. Morgen sind wir alle tot.“

…und vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, da müssen Sie mit glatten Straßen rechnen, aber heute wird milde und feuchte Luft in den Norden gepustet…

Mama bei DT 64, dem Jugendsender, Papa bei Radio DDR II. Da lag der Rundfunk schon in der Wiege. Ali, so nannte ihn Dattel, fand aber als Jugendlicher eher das spannend, was er noch nicht kannte. Zum Beispiel das kapitalistische Ausland. Zur Mauer zog es ihn, zum Brandenburger Tor oder zu den englischen Offizieren, die das Kapitulationsmuseum Karlshorst besuchten, quasi bei Lachmanns um die Ecke. Da fuhr Ali immer mit dem Fahrrad hin. So oft, bis ein Offizier ihn beiseite nahm, um ein Foto zu machen. Das bekam er eine Woche später in die Hand gedrückt. Alis erste Trophäe aus dem goldenen Westen.

Es ist Achtuhrsiebzehnminuten. NDR-ZweiMorgenshow am Freitag. Wir hören rüber zu Albrecht in die NDR-Zwei-Service-Redaktion. Wie sieht’s aus, Albrecht?

POS, Polytechnische Oberschule. Die zog Ali durch, dann reichte es. Die Schule und Ali standen sich nicht sehr nahe. Er galt als Rabauke, zog um die Häuser oder lieh sich Opas Trabant für eine Spritztour aus. In der Elternversammlung wurde er mal beschuldigt, „staatsfeindliche Zeichen“ gemacht zu haben. Dabei hatte er einem Mädchen nur eine Ohrfeige verpasst; der Grund: „Ihr Vater ist doch bei der Stasi.“

Nach der Schule wusste Ali nicht so recht, was er machen sollte. Zusammen mit seiner Mutter blätterte er durch das Buch für Ausbildungsberufe. Beim Buchbinder blieben sie hängen. Das könnte vielleicht was sein. War dann aber doch nichts. Obwohl man vom Dach der Binderei aus nach Kreuzberg gucken konnte, nach Süden, in den Westen. Ali ging dann doch zum Radio, als Programmgestalter für Tanzmusik beim Berliner Rundfunk. Besonders gerne spielte er die Titel mit der Botschaft zwischen den Zeilen: Ich will hier raus!

Albrecht, wen spielst du? Natürlich den Bundesratspräsidenten. Also los! Ick fraje den Ministerpräsidenten. Wie hat das Land Brandenburg abjestimmt?

1987 war es dann soweit. Ali wollte rüber, unbedingt. „Gut“, sagten seine Eltern, „aber nicht über die Mauer.“

Da gab es schließlich elegantere Wege. Zum Beispiel das Rausheiraten. Ein Italiener hatte Alis Tante vor Jahren rausgeheiratet, und beide lebten seitdem glücklich in der Nähe von Bologna. Günstig war, dass sich Ali im letzten Ungarn-Urlaub in eine Österreicherin verknallt hatte. Deren Familie willigte ein, Ali stellte einen Ausreiseantrag zwecks Heirat, die Stasi reagierte mit Einschüchterungsversuchen. Da tat sich im Sommer 1989 plötzlich die Grenze zwischen Ungarn und Österreich auf, und Ali schlüpfte bei der ersten Gelegenheit hindurch.

Ha, ha, ha, ja, heute sollten sie alles ruhig angehen lassen, denn es wird heiß – ha, ha, und zwar so richtig…

Er heuerte bei Radio Hamburg an, als Nachrichtensprecher. Vorlesen mochte er schon immer gern. Nebenbei trug er im Villenvorort Blankenese Blumen aus. Tolle Anwesen durfte er da betreten. Reich behängte Damen öffneten – oder die Dienstboten. In diese Luxuswelt hätte er gut hineingepasst. Sobald das Geld für mehr als eine Kühlschrankfüllung reichte, kaufte er sich Markenanzüge, mietete gelegentlich große Autos und speiste in teuren Restaurants. Ein Mal logierte er im Adlon und einmal, als er seine Oma besuchte im Dresdner Taschenbergpalais.

Ali wurde „Unterbild-Sprecher“ bei N 3, dem norddeutschen Fernsehen, ganz nah dran an seinem Idol Werner Veigel. Sein Ziel: die Tagesschau. Dann kam das Casting für den neuen Nachrichtensprecher. Er zog bei der Auswahl eine Niete.

Um Neunuhrvier gibt es ein paar Meldungen für die A-Sieben Flensburg, Richt… haa… Hamburg. Ha, ha – ’tschuldigung. Zwischen Schnellsen-Nord und Stellingen…

Ali entschied, ohne Fernsehkameras glücklich zu werden. Er wechselte zur Morgenshow auf NDR 2. Show hieß für Ali: vier Uhr aufstehen, von fünf bis zwölf Wetter und Verkehr, dann Feierabend. Ein Knochenjob, aber mit viel Freizeit zum Genießen. Am liebsten zu zweit. Drei Freundinnen gab es in seinem Hamburger Leben. Zuletzt traf er Claudia und ihre kleinen Töchter. „Claudia gibt es nur im Paket“, sagte Ali. Doch die Rolle des Ersatzvaters gefiel ihm besser als erwartet. Claudia und ihre Mädchen wollte er heiraten. Ganz groß im Berliner Dom. Der Termin stand schon fest.

Ausgerechnet heute hat er verschlafen. Hey, Albrecht, was ist los? Hörst du uns? Aufwachen!

Während der Sendung fuhr ein Kollege raus, um nachzuschauen. Albrechts Auto stand vor der Tür, aber auf das Klingeln reagierte niemand. Die Polizei brach die Wohnungstür auf und fand Ali in seinem Bett. Er schien zu schlafen. Nur sein Herz schlug nicht mehr. Es war mitten in der Nacht stehen geblieben. Einfach so.

Das Ergebnis der Obduktion: Herzmuskelentzündung, eine von der seltenen Art, die sich durch nichts ankündigt. Wie ein plötzlicher Eisregen.

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