Wirtschaft : Gemeinsam ins Glück

Bei Mymuesli hat es geklappt: Drei Freunde haben zusammen ein Unternehmen gegründet – und sind damit erfolgreich geworden. Doch das kann auch leicht schiefgehen. Dann geht es um mehr als Geld.

Ulrike Heitze
Grund zur Ausgelassenheit. Sechs Jahre nach der Gründung beschäftigen die drei Geschäftsführer von Mymuesli, Max Wittrock, Philipp Kraiss und Hubertus Bessau (v.l.), 175 Voll- und Teilzeitkräfte. Foto: Florian Weichselbaumer
Grund zur Ausgelassenheit. Sechs Jahre nach der Gründung beschäftigen die drei Geschäftsführer von Mymuesli, Max Wittrock, Philipp...

Ein nerviger Radiospot für Müsli lieferte die Idee für ihr gemeinsames Unternehmen: Als Hubertus Bessau, Philipp Kraiss und Max Wittrock im Sommer 2005 mit dem Auto zum Baden im Büchlberg-See bei Passau fuhren, waren sich die drei Studienfreunde schnell einig, dass die Welt reif sei – nicht nur für bessere Werbung, sondern vor allem für mehr Abwechslung in Sachen Getreidebrei. Jeder sollte sich sein Müsli nach Gusto online zusammenstellen können.

Das Trio, das sich seit mehr als zwölf Jahren kennt, tüftelte erst mal so nebenbei an dieser Idee. Einer programmierte eine Website, einer entwarf Verpackungen, und der Dritte feilte am Geschäftsmodell. Ende 2006 – bei den drei Uni-Absolventen stand der Berufseinstieg an – fiel die Entscheidung: „Wir machen ernst“, wie sich Philipp Kraiss erinnert. Also brachte jeder der drei Mymuesli-Gründer 1 500 Euro Startkapital ein. Das reichte für die erste Fuhre Zutaten, von Haferflocken bis zu Gojibeeren. Im Mai 2007 ging ihre Website Mymuesli.com online. Kunden können seitdem aus 80 Zutaten ihr Lieblingsmüsli mixen und sich liefern lassen.

Und nicht nur das. Sechs Jahre und diverse Wirtschaftspreise später beschäftigen Jurist Wittrock und die Kaufleute Bessau und Kraiss 175 Voll- und Teilzeitkräfte, haben die drei zum wiederholten Male größere Produktionsstätten bezogen, einen vollautomatischen Müslimixer konzipiert, das Sortiment erweitert sowie zusätzlich fünf Läden eröffnet, so dass sie für 2011 einen kumulierten Bilanzgewinn von knapp 1,2 Millionen Euro ausweisen konnten – und sie sind immer noch gut befreundet. „Unsere Beziehung ist mit den Jahren sogar noch enger geworden, weil wir in dieser Zeit so viele intensive Momente geteilt haben. Und wir sind auch in unserer Freizeit noch gemeinsam unterwegs. Aber gleichzeitig ist jeder heilfroh, wenn er auch mal eine Woche Urlaub ohne die anderen beiden macht“, witzelt der 30-jährige Max Wittrock.

Dass sich Menschen, die sich privat gut verstehen, beruflich zusammentun, liegt nahe. So gründeten im 19. Jahrhundert die Freunde Johann Friedrich Weskott und Friedrich Bayer in Wuppertal den Vorläufer des Leverkusener Chemieriesen Bayer. Und die amerikanischen Software-Milliardäre Paul Allen und Bill Gates experimentierten bereits als 14-Jährige mit einer gemeinsamen Firma, bevor sie später mit Microsoft Geschichte schrieben. Das Internet und die Kontaktfreude der jüngeren Generation leistet dem Gründen mit Freunden weiter Vorschub.

Elan fließt ins Projekt statt ins Kennenlernen. Laut Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau haben im Jahr 2012 von den 775 000 deutschen Gründern 18 Prozent im Team gegründet – seit Jahren ein stabiler Wert. Wie viele von ihnen sich freundschaftlich verbunden sind oder sich „bloß“ als Zweckgemeinschaft zusammengefunden haben, erhebt die Statistik allerdings nicht.

Dabei bringt das Gründen mit Freunden – zumindest im Anfangsstadium – große Vorteile, weiß Christine Volkmann, Inhaberin des Unesco-Lehrstuhls für Entrepreneurship und Interkulturelles Management an der Universität Wuppertal. „Es fällt leichter, unbekanntes Terrain mit jemandem an der Seite zu betreten, dem man vertraut und von dem man weiß, wie er denkt“, sagt die Professorin.

Der Schwung und der Elan fließen so ungebremst ins Projekt statt ins gegenseitige Kennenlernen. „Keine von uns muss mehr ihren Claim abstecken, wir müssen einander nichts beweisen. Das entspannt sehr“, sagt zum Beispiel auch Tanja Bogumil. Sie hat mit ihrer Freundin Linh Nguyen die Online-Modeberatung Kisura gegründet. Die 28- und die 26-Jährige kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit an der Handelshochschule Leipzig. Rein nach Qualifikationen zusammengestellte Management-Teams dagegen, wie sie gerne von Wagniskapitalgebern empfohlen werden, müssen sich diese Vertrautheit erst erarbeiten.

Studien wie die der US-Wissenschaftler Deborah Francis und William Sandberg von der Auburn University Montgomery und der University of South Carolina lassen zudem darauf schließen, dass die Überlebens- und die Wachstumschancen von Unternehmen mit mehreren Gründern, insbesondere wenn sie befreundet sind, größer sind als etwa die von Einzelkämpfern. Auch das belegt das Kisura-Beispiel. Erst im Mai 2013 gestartet, zählen die Chefinnen heute schon mehr als 1 500 Kundinnen und beschäftigen 14 Mitarbeiterinnen.

Doch bevor Linh Nguyen ihre feste Stelle bei einer Unternehmensberatung aufgab, gingen die beiden Freundinnen in sich. „Es geht schließlich um unsere eigene Existenz und die unserer Mitarbeiter“, erklärt Tanja Bogumil. Deshalb reiche es nicht, ergänzt Nguyen, dass man sich gut verstehe. Man müsse sich ergänzen und die gleiche Einstellung und Denkweise mitbringen: „Es wird Frauen ja gerne Impulsivität und Emotionalität nachgesagt. Aber wenn es um Entscheidungen rund um Kisura geht, agieren wir beide zu 100 Prozent rational. Darauf können wir uns verlassen.“

Befreundete Gründer, die bei diesen Themen schludern, müssen später viel Energie ins Nachbessern investieren. Die Mymuesli-Gründer haben daher auch noch anders vorgesorgt: „Es ist vertraglich geregelt, was passiert, wenn mal einer von uns aussteigen will, krank wird oder stirbt“, sagt Philipp Kraiss.

Dass Freundschaft bei einer Gründung auch hinderlich sein kann, darauf weist Wissenschaftlerin Volkmann hin: „Wenn die erste Euphorie vorüber ist, zeigt sich, wie gut das Team wirklich passt.“ So bestehe unter Freunden die Gefahr, dass Fehlbesetzungen oder schlechte Leistungen zu spät thematisiert, geschweige denn behoben werden. In emotional weniger involvierten Teams würde schneller die Notbremse gezogen. Da hilft es, wenn man die Kompetenzen, die jeder ins Unternehmen einbringt, im Vorfeld nüchtern analysiert. „Wir hatten Glück, dass jeder seine Stärken auf einem anderen Gebiet sah“, erinnert sich Mymuesli-Gründer Max Wittrock. „Stellen Sie sich mal vor, fünf Grafikdesigner tun sich zusammen und alle wollen designen. Dann haben Sie ein Problem.“

Das Risiko, dass bei geschäftlichen Problemen die Freundschaft zu Bruch geht, ist groß. Im schlimmsten Fall endet man wie die einst engen Gründer des Strom-Vergleichsportals Verivox vor Gericht. Nikolaus Starzacher fühlte sich von Andrew Goodwin beim Rückzug aus dem gemeinsamen Geschäft um 290 Millionen Euro betrogen.

Streit ums Geld ist schlecht für jede Freundschaft. Das haben auch Stefan Gerth und Tim Nowotny erlebt. Die beiden sind seit Schultagen befreundet. Während ihrer Studienzeit in Bochum hoben sie 2009 „Die Bewerbungsschreiber“ aus der Taufe und feilten für Kunden an deren Anschreiben und Lebensläufen. Was sich während des Studiums noch nebenher stemmen ließ, klappte später mit festen Jobs immer schlechter. Als Stefan Gerth schließlich seine ungeliebte Stelle kündigte, vereinbarten die Freunde vage, dass Nowotny nach dem Ende seiner Traineezeit beim Stromkonzern RWE dazustößt.

Doch dann wartete RWE mit einem unschlagbaren Jobangebot auf – und die Freunde steckten in der Klemme. „Die Entscheidung, dass ich aussteige, hat unsere Beziehung sehr belastet“, gibt Tim Nowotny zu. Der Zwist um die Bewertung der Geschäftsanteile tat ein Übriges. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch mal zusammenraufen“, sagt Gerth. Aber nach einigem Schmollen und etlichen Gesprächen waren die beiden wieder miteinander im Reinen.

Tim Nowotny, inzwischen im mittleren Management von RWE tätig, bereut es „nur gelegentlich“, aus der gemeinsamen Firma ausgestiegen zu sein. Dafür freut es ihn umso mehr, dass das Unternehmen weiter wächst – und dass die Beziehung zu seinem Kumpel Stefan überlebt hat: „Gute Freunde gibt's ja nicht an jeder Ecke.“ HB

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