Wirtschaft : Genossen und Kollegen gegen Leiharbeit

06.09.2011 17:47 UhrVon Alfons Frese
Klassenbelegschaft. Bei MAN in Reinickendorf produzieren mehr als 50 Leiharbeiter für deutlich weniger Geld Turbomaschinen als die rund 400 Kollegen der Stammbelegschaft. Foto: dpa Foto: picture-alliance/ dpa
Klassenbelegschaft. Bei MAN in Reinickendorf produzieren mehr als 50 Leiharbeiter für deutlich weniger Geld Turbomaschinen als die rund 400 Kollegen der Stammbelegschaft. Foto: dpa - Foto: picture-alliance/ dpa

Wowereit ist sich einig mit Metall-Betriebsräten

Berlin - Selbstkritik kann Stimmen bringen. „Ich bin dankbar, dass Wowereit den Fehler zugegeben hat“, sagte Predrag Savic, Betriebsrat im Berliner Dynamowerk von Siemens. Savic gehört zu gut 300 Betriebsräten aus der Metall- und Elektroindustrie, die auf ihrer Jahrestagung am Dienstag den Ausführungen des Regierenden Bürgermeisters zur Lage der Arbeitskraft beiwohnten. Das Instrument der Leiharbeit sei von der rot-grünen Bundesregierung „großzügig eingeführt worden“, blickte Wowereit auf das Jahr 2003 zurück. „Dies ist gründlich in die Hose gegangen.“ Denn immer mehr Menschen gehe es „sauschlecht“, auch Millionen Arbeitnehmern. Dagegen helfe nur ein gesetzlicher Mindestlohn, für den man wiederum eine neue Bundesregierung brauche.

„2013 haben wir die Chance dazu“, glaubt der Wahlkämpfer Wowereit, der in zehn Tagen sehr wahrscheinlich als Wahlsieger gefeiert wird.

Sicher, Wowereit habe recht, doch es passiere ja nichts, meinte René Marx, Betriebsrat im MAN-Turbomaschinenwerk. Rund 460 Beschäftigte arbeiten in der Reinickendorfer Fabrik, davon 56 Leiharbeiter, die im gewerblichen Bereich etwa ein Drittel weniger Geld verdienen als die festangestellten Kollegen. Und das nicht nur für eine Einsatzzeit von einigen Monaten. Im Schnitt sind die MAN-Leiharbeiter gut drei Jahre im Betrieb, der Rekordhalter kommt sogar auf 20 Jahre. Diesen dauerhaften Einsatz eines Instruments, das für konjunkturelle Schwankungen gedacht war, erschwert bei Siemens eine Vereinbarung von Konzernspitze mit Gesamtbetriebsrat: Der bei Siemens eingesetzte Leiharbeiter bekommt im ersten Jahr 70 Prozent des Gehalts eines Stammbeschäftigten; zwischen dem 13. und dem 15. Monat sind es 75, danach 100 Prozent. Im Berliner Dynamowerk verdingen sich nach Angaben von Betriebsrat Savic gut zehn Prozent der knapp 700 Beschäftigten als Leiharbeiter. Dabei „machen die spätestens nach einem Jahr denselben Job“, wie die festangestellten und besser bezahlten Stammkräfte.

Das Berliner Messgerätewerk von Siemens beschäftigt derzeit 1100 Personen, davon 220 Zeitarbeiter. Eine besondere Vereinbarung forciert hier die Übernahme der Billigkollegen in ein Siemens-Arbeitsverhältnis: Bis Ende Januar kommenden Jahres dürfen im Messgerätewerk nicht mehr als zehn Prozent der Belegschaft Leiharbeiter sein. „In diesem Jahr haben wir schon gut 100 übernommen“, sagte Betriebsratschef Wolfgang Walter. Er setzt darüber hinaus auf die Tarifverhandlungen im kommenden Jahr, wenn die IG Metall die Leiharbeit regulieren will. Und wenn das zulasten der Lohnprozente der Stammkräfte geht? „Die würden das akzeptieren.“ Alfons Frese

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