Gentechnik : Genial daneben

Immer mehr Hersteller werben damit, dass ihre Produkte gentechnikfrei sind. Das heißt aber nicht, dass die anderen manipulieren. Und stimmen muss es auch nicht.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sie starb in Schönheit. Die Anti-Matsch-Tomate hat es nicht in die Herzen der Verbraucher geschafft. In den USA wurde sie deshalb nach kurzer Zeit vom Markt genommen, in Deutschland war sie ohnehin nie erlaubt. Ein Großteil der Deutschen lehnt gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. Dennoch finden sich auch in hiesigen Supermärkten Produkte, die mittels Gentechnik hergestellt wurden. Einige Firmen werben inzwischen damit, dass das nicht für ihre Waren gilt. Seit diesem Frühling verkauft etwa die Molkerei Bauer einen Frischmilchjogurt, der als „der erste Fruchtjogurt Deutschlands ohne Gentechnik“ angepriesen wird. Bei vielen Konsumenten hat das zu Irritationen geführt. Wie viel Gentechnik steckt wirklich in dem, was wir täglich essen?

„Zahlen zu nennen, ist schwierig“, sagt Andreas Winkler von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Gekennzeichnet werden müssen die gentechnisch veränderten Organismen (GVO) selbst, Lebensmittel, die sie enthalten, und solche, die aus GVO hergestellt wurden. Zugelassen sind in Europa überhaupt nur wenige veränderte Pflanzen. Vor allem Mais, Raps, Soja und Zuckerrüben. Sie wurden darauf „umprogrammiert“, schädlingsresistent zu sein. „Im Gemüseregal wird man aber keinen Mais finden, der genmanipuliert ist“, sagt Andreas Winkler. Die Kunden würden ihn wegen des Hinweises nicht kaufen. Den Genmais essen sie aber dennoch – indirekt. So landen weltweit etwa 80 Prozent aller gentechnisch veränderten Pflanzen nicht im Gemüseregal, sondern als Futtermittel in den Mägen von landwirtschaftlichen Nutztieren – ohne dass dies gekennzeichnet werden muss. „Als Verbraucher kann ich nicht erkennen, ob die Kühe, deren Milch ich kaufe, ihr ganzes Leben lang Gensoja gefressen haben.“ Gleiches gilt für das Fleisch: In Argentinien zum Beispiel wird Gensoja in großem Stil eingesetzt. Das bei uns so beliebte Rindfleisch stammt darum höchstwahrscheinlich auch aus GVO-Fütterung.

Indirekt ist daher vermutlich eine Vielzahl von Nahrungsmitteln betroffen. Zudem gilt für die Genkennzeichnung eine Toleranzgrenze von 0,9 Prozent. Eine Mühle, in der einmal gentechnisch veränderter Schrot gemahlen wurde, ist praktisch kaum mehr gentechnikfrei zu bekommen. „Ohne Gentechnik“ bedeutet also nicht „100 Prozent gentechnikfrei“, kritisieren die Verbraucherzentralen. Auch die Herstellung von Aromen und Vitaminen mittels gentechnisch manipulierter Kleinstlebewesen sei schon Realität.

Ob und inwieweit veränderte Nahrungsmittel auch denjenigen verändern, der sie aufnimmt, ist umstritten. Dennoch oder gerade deswegen „muss der Verbraucher eine Chance haben, zu unterscheiden, in welchen Produkten genmanipulierte Zutaten stecken und in welchen nicht“, sagt Christoph Römer von der Verbraucherzentrale Berlin. Eine Zeit lang kursierten diverse „ohne Gentechnik“-Logos, auch das habe Konsumenten verunsichert, die sich fragten, ob alle gleichermaßen vertrauenswürdig sind. Vor vier Jahren hat darum Bundesagrarministerin Ilse Aigner ein einheitliches, freiwilliges Siegel eingeführt, das eine zu 99,1 Prozent gentechnikfreie Produktionskette garantiert. Rund 100 Hersteller nutzen es inzwischen. Wie viele Produkte den Richtlinien entsprechend hergestellt werden, wird nicht erhoben.

Römer kritisiert: „Wichtiger als eine Positivkennzeichnung wäre eine umfassende Negativkennzeichnung.“ Dass der indirekte Einsatz nicht gekennzeichnet werden muss, diese Kennzeichnungslücke sei vielen nicht bekannt. Auch deswegen war allgemein das Erstaunen groß, als Bauer mit dem „ersten gentechnikfreien Fruchtjogurt“ um die Ecke kam.

So schön es sein mag, dass jetzt auch Bauer auf Gentechnikfreiheit setzt – die Molkerei war nicht die erste. Bioprodukte sind grundsätzlich ohne Gentechnik gemacht. Als erste Nicht-Bio-Molkerei stellte 2010 Campina die Marke „Landliebe“ auf gentechnikfreie Produktion um, bot auch Jogurt an, der ohne Kulturen aus Gentechnik auskommt. Allerdings keinen Fruchtjogurt. Bauer bietet also den ersten herkömmlichen Fruchtjogurt ohne Gentechnik an, der auch zertifiziert ist.

Und mögen die Kennzeichnungskriterien nach Meinung von Verbraucherschützern auch intransparent sein: EU-Verbraucherkommissar John Dalli will sie angeblich noch weiter aufweichen. Die 0,9-Prozent-Toleranzgrenze soll nicht nur für Genpflanzen wie Mais und Soja gelten, die in der EU zugelassen sind, sondern auch für alle anderen gentechnisch veränderten Rohstoffe. Zuspruch bekommt Dalli vor allem von der Lebensmittelwirtschaft, die möglichst uneingeschränkt im Ausland einkaufen können möchte. Deutschlands Agrarministerin Aigner will diese Lockerung verhindern.

Bei der EU-Kommission heißt es auf Nachfrage jedoch nur, man plane, bis Ende des Jahres einen Vorschlag zu Gentechnik-Grenzwerten vorzulegen, welchen Inhalts, sei aber noch völlig offen. Die Auferstehung der Anti-Matsch-Tomate gleichwohl scheint ausgeschlossen. Rund 100 Hersteller in Deutschland haben sich schon zertifizieren lassen, dass ihre Lebensmittel aus einer gentechnikfreien Produktionskette stammen, also keine veränderten Inhaltsstoffe enthalten.

Die vollständige Liste finden Sie im Internet unter

www.ohnegentechnik.org