Wirtschaft : Gerda Szepansky

Geb. 1925

Kirsten Wenzel

Entlassen aus dem Schuldienst, ausgezeichnet mit dem Verdienstkreuz. Zu Beginn der fünfziger Jahre wehte auf dem Balkon der Szepanskys in Mariendorf eine rote Fahne, immer zum Ersten Mai. Ein Nachbar alarmierte deshalb mal die Polizei. Wer hätte gedacht, dass die Szepanskys einmal das Bundesverdienstkreuz bekämen?

Der Kommunist Wolfgang Szepansky hatte im KZ gesessen, darum hatten er und seine Familie einen anderen Blick auf die Welt, als die Leute in der Nachbarschaft. Szepanskys waren in der SEW, der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, zu solchen wie denen sagte man: „Geht doch nach drüben“. Aber dahin wollten die Szepanskys auch nicht. Eltern, Grundstück, Wurzeln, das alles war in Tempelhof – und mit der DDR, fanden sie, konnte man auch vom Westen aus solidarisch sein.

Man kann überall etwas Sinnvolles tun, „gesellschaftliche Wandlung hat ihren Ausdruck im Konkreten“, so sagte es Gerda Szepansky und übernahm die Leitung des Kulturclubs der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in West-Berlin. Ihr Mann wurde Klubhausleiter bei der West-Berliner Reichsbahn, beides „von drüben“ finanzierte Arbeitsplätze, die sie annahmen, mehr oder weniger freiwillig, nachdem sie per Strafbescheid aus dem Schuldienst entlassen worden waren, wegen „aktiver Betätigung im Sinne der SED“.

Der Ehemann, inzwischen 94 Jahre alt, sitzt nachdenklich am Sofatisch, unter der selbst gemalten Rosenbordüre. Wie war das alles damals, ganz zu Anfang? Gerda schwärmte für Romantik, schrieb heitere Geschichten über Hunde und Babys für einen Korrespondenzverlag, da saß er schon jahrelang in Sachsenhausen. Erst nach dem Krieg liefen sie sich über den Weg, auf einer Versammlung antifaschistischer Lehrer. Das Mädchen mit den dunklen Locken und den großen Augen voller Zuversicht wurde die Frau an seiner Seite, die Frau des Antifaschisten, der kurz zuvor im KZ gesessen hatte. Sie, das Zentrum der Familie, tatkräftig und liebevoll, eine, die sich um alles kümmerte, um die Finanzen, den Morgenkakao. Er, der Künstler, der Träumer. Zusammen waren sie das politische Paar.

Mitte der siebziger Jahre war der Kalte Krieg nicht mehr ganz so kalt. Nun, nach Gewalt und Hass, schien so viel möglich. Obwohl die DDR immer wieder Anlässe zu Distanzierung und Enttäuschung bot, blieb das Gefühl, auf der richtigen Seite, der des historischen Fortschritts zu stehen: gegen die „atomare Bewaffnung der BRD“, den Paragrafen 218, und stets gegen das Vergessen und Verdrängen der Nazizeit. Die Szepanskys waren mittendrin in den gesellschaftlichen Bewegungen, im bunten Bündnis mit Frauenrechtlerinnen, Christen, Schwulen, mit dem ganzen kuschelig lila-linken Milieu der alten Bundesrepublik.

Seit den Achtzigerjahren war Gerda Szepansky eine öffentliche Person – was sie genoss, weil sie so viele Leute kennen lernte. Nach Jahren als Hausfrau und Mutter von vier Kindern nun ein Leben als freie Autorin, eine Simone de Beauvoir aus Mariendorf. Ihre Bücher über Frauen im Nationalsozialismus erschienen bei Fischer in der Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“, ihre Ausstellungen wanderten durch Stadtbibliotheken im ganzen Land. Bei Diskussionen saß sie auf dem Podium mit ihrer getönten rechteckigen Brille, zitierte den Uno-Report der Weltfrauenkonferenz: „Frauen sind die Hälfte der Weltbevölkerung, leisten zwei Drittel der notwendigen Arbeitsstunden, sind mit einem Zehntel am Welteinkommen beteiligt und besitzen weniger als ein Hundertstel des Eigentums der Welt.“

Ihr Leben war eines zwischen Schreib-, Konferenz- und Küchentisch, so hätte sie es vielleicht selbst gesagt. Frauen halten heute ein paar Aktien mehr am Unternehmen der Welt, immerhin. Sie war stolz darauf, auch auf die Anerkennung durch den Staat. Zum letzten Mal las sie im Mai aus einem ihrer Bücher vor.

„Schade, dass Marx sich geirrt hat und wir heute nicht in einer Völkergemeinschaft leben, finden Sie nicht?“, sagt ihr Mann, der noch als Zeitzeuge Schulklassen durch Sachsenhausen führt. „Ein Grund zu verbittern?“ Er lächelt. So viel Glück nach der dunklen Zeit: vier Kinder, ein Haus, ein Garten, Diskussionen in der Küche, Zeit zum Malen und Schreiben. So viel Hoffnung.

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