Wirtschaft : Glaube mit Gewinn

Deutsche Banken bieten verstärkt schariakonforme Anlageprodukte an.

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Bei dem Wort „Scharia“ zucken die meisten Deutschen zusammen. Viele europäische und deutsche Banken und Sparkassen sind da robuster: Immer öfter bieten sie sogenannte schariakompatible Produkte an – also Zertifikate, Exchange Trades Funds oder Fonds, die sich nach den gesellschaftlichen und religiösen Verhaltensregeln der Scharia richten. Bereits zum zweiten Mal veranstaltet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) am heutigen Donnerstag in Frankfurt eine Konferenz zum Thema.

Seit Januar bietet die in Abwicklung befindliche WestLB ein Zertifikat feil, das in die zehn größten islamkonformen Unternehmen aus den deutschen Indizes Dax und M-Dax investiert. Dabei wird die Einhaltung der Scharia-Grundsätze in einem mehrstufigen Prozess streng überwacht: Die auf Islamic Finance spezialisierte IdealRatings wählen die Aktien aus, die dann vom Zentralrat der Muslime in Deutschland und drei von ihm beauftragten Imamen oder Islamexperten aus London und Zürich zertifiziert werden müssen.

Auch andere Anbieter wie die Landesbank Berlin mit ihrem „QES Islamic Finance“ knüpfen das Angebot an die Zustimmung eines „Scharia-Boards“ islamischer Gelehrter, die vor der Markteinführung mit einer Fatwa, einem „Urteil“, ihr Okay geben müssen. Im Falle des WestLB-Zertifikats wurden schließlich Aktien wie unter anderem RWE, Adidas, Siemens oder die Deutsche Post als schariakompatibel herausgeschält. Zusätzlich hat sich die WestLB für die muslimischen Anleger eine Wohltätigkeits-Komponente einfallen lassen. Fünf Prozent der Dividenden werden jedes Jahr an Bedürftige gespendet, die das Scharia-Board gemeinsam mit dem Zentralrat der Muslime und der WestLB auswählt.

Zwar verfügen die rund vier Millionen deutschen Muslime Schätzungen zufolge über Geldvermögen von rund 20 Milliarden Euro, doch scheint sich ihr Interesse an schariakompatiblen Geldanlagen dennoch in Grenzen zu bewegen. „Viele Muslime in Europa sind an das westliche Bankensystem gewohnt und haben ihr Anlageverhalten entsprechend ausgerichtet“, sagt Michael Lermer, Sprecher der Deutschen Bank Dubai. Weltweit jedoch werden dem Islamic Banking enorme Wachstumsraten prognostiziert: Ryan Ayche, Islamic-Banking-Experte und Analyst der Deutschen Bank, rechnet in einer Ende 2011 veröffentlichten Studie mit einer Verdoppelung der unter Scharia-Gesichtspunkten verwalteten Geldbeträge von rund 940 Milliarden auf 1,8 Billionen Dollar bis 2016.

In Deutschland versuchten „gewisse Gruppierungen“, die Verbreitung islamischer Finanzprodukte zu stimulieren, allerdings sei die Nachfrage bisher kaum gestiegen. Sowohl WestLB (die demnächst als Portigon AG firmiert) als auch die Landesbank Berlin wollten sich nicht zu den in ihre Islam-Produkte investierten Summen äußern. Mehrere Fonds aus diesem Anlagespektrum, darunter der Meridio Global Islamic Multi Asset, wurden bereits wieder liquidiert und haben den Betrieb eingestellt. Die deutsche Finanzaufsicht hingegen registriert verstärkt Anfragen aus der Finanzbranche zur Zertifizierung von Islam-Produkten, zu gleichen Teilen aus dem In- und aus dem Ausland.

Robert Elsen und Peter Baier, Islamic-Finance-Experten der Bafin, können der Geldanlage mit religiösem Hintergrund durchaus Bestechendes abgewinnen: Zwar sei die Bafin grundsätzlich marktneutral und beobachte nur, doch „verstehen wir nach den Marktverwerfungen durch die Finanzkrise gut, dass Investieren nach den Grundsätzen der Scharia seinen Reiz hat“. Denn die Auslegung der Scharia verbiete es nicht nur Zinsen zu nehmen, sondern „wendet sich auch gegen hochspekulative und derivative Instrumente wie Leerverkäufe“, sagt Elsen. Insofern könne schariakonformes Investieren „einen gewissen Verbraucherschutz“ gewährleisten.

Dass die Scharia in anderen Lebenslagen auch für Regeln steht, die nach mehreren Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte „inkompatibel mit den fundamentalen Prinzipien in der Demokratie“ ist, halten Bafin und Banken für „eine politische Frage“, die vom finanziellen Aspekt zu trennen sei. Neben dem Zinsverbot sind Papieren, die schariakonform arbeiten, auch Investitionen in westliche Versicherungen, Unternehmen aus den Bereichen Alkohol, Tabak, Schweinefleisch, Rüstungsprodukten, Pornografie, Glücksspiel und Unterhaltungsindustrie verboten. Auch auf normalen Sparbüchern und in Anleihen darf der strenggläubige Muslim nicht anlegen. Aktien, Fonds, Immobilien und Rohstoffe sind dagegen erlaubt, denn der Koran gestattet jedes Geschäft, dem ein Handel zugrunde liegt. Allerdings wird auch auf die Verschuldung der Unternehmen geachtet, die eine gewisse Grenze nicht überschreiten darf.

Zuletzt haben die Scharia-Grundsätze trotz Verzicht auf Finanzwerte und Berücksichtigung des Verschuldungsgrads und trotz Finanz- und Verschuldungskrise nicht zu erheblichen Vorteilen bei der Wertentwicklung geführt: Der iShares MSCI World Islamic, ein passiv arbeitender Indexfonds, lieferte in den vergangenen drei Jahren 38,8 Prozent ab. Sein säkularer Bruder, der iShares MSCI World, schaffte im gleichen Zeitraum 37 Prozent.

Schariakonforme Indexfonds haben auch viele andere ETF-Anbieter im Programm, die allerdings in Deutschland bisher nicht explizit beworben werden. Die Deutsche Bank etwa verweist auf ihr „Bankamiz“-Konzept, das vor allem türkische oder türkischstämmige Mitbürger in ihrer Sprache betreut und auf kulturelle Besonderheiten eingeht, allerdings mit den gleichen Produkten wie bei deutschen Kunden. Nur wer konkret danach frage, erhalte auch schariakonforme Produktempfehlungen, so Lermer.

Dies könnte sich jedoch auch ändern, denn mit CIMB springt seit Mittwoch der nach eigenen Angaben zweitgrößte Finanzservice-Dienstleister mit Schwerpunkt Islamic Banking in die Nische. Das Unternehmen aus Malaysia, dem Kernland islamischer Bankprodukte und Expertise, will künftig mit drei in Dublin aufgelegten Fonds in Deutschland aktiv sein: dem CIMB Principal Islamic Global Emerging Markets sowie zwei weiteren Papieren, die im asiatisch-pazifischen Raum (ohne Japan) und in den Asean-Ländern Südostasiens investieren. Die Vorteile lägen auf der Hand, so CIMB. Weil die Scharia strukturierte Produkte und Zinsen verbiete, hätte es nie eine Subprime-Krise gegeben, wenn sich alle an den Grundsätzen der Scharia orientierten. Allerdings: Die Fast-Pleite des Emirats Dubai konnte auch der Trend zum Islamic Banking nicht verhindern.

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