Wirtschaft : Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Leiharbeiter verdienen erstmals wie Stammkräfte

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Zusammen kochen.
Zusammen kochen.Foto: dpa

Berlin - Die einen sprechen von Durchbruch, die anderen von Rechtsbruch: Die Einigung der Metall-Tarifparteien in Nordwestdeutschland, Leiharbeitern künftig den gleichen Lohn zu zahlen wie Stammpersonal, sorgt für eine neue Debatte um den Sinn und den Wert von Leiharbeit.

„Es geht doch“, sagte Annelie Buntenbach, Vizechefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Die Vereinbarung mache deutlich, dass die Gewerkschaften „keine Beschäftigungsverhältnisse zweiter Klasse mehr dulden“ wollten. Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) lobte die Regelung. Thomas Bäumer, Vizepräsident beim Bundesverband Zeitarbeit (BZA), nannte den Abschluss dagegen „einen Vertrag zu Lasten Dritter“, der einer rechtlichen Prüfung kaum standhalten werde. Erst im Frühjahr hatten die Zeitarbeitsfirmen mit den Gewerkschaften einen bis 2013 gültigen Tarifvertrag abgeschlossen. Dieser muss nun womöglich neu verhandelt werden.

Bei Firmen ist Leiharbeit ein beliebtes Mittel, um auf Auftragsschwankungen zu reagieren. Die Drogeriekette Schlecker war in die Schlagzeilen geraten, weil sie Filialen schloss und die Beschäftigten als Leiharbeiter zu schlechteren Konditionen in neu eröffneten Filialen wieder einstellte. Den Gewerkschaften ist die Beschäftigungsform auch suspekt, weil Leihkräfte nur schwer zu mobilisieren sind. Die Zeitarbeiter verdienen laut DGB bis zu 50 Prozetn weniger als Stammkräfte, zwölf Prozent von ihnen sind zusätzlich auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen.

Der Ex-Wirtschaftsweise Bert Rürup sieht in der Stahl-Einigung „ein Signal“ im Sinne der Gewerkschaften. „Es ist nicht einzusehen, weshalb sich die Unternehmen mit der Einstellung von Leiharbeitern zusätzliche Flexibilität einkaufen und dafür auch noch weniger zahlen sollen“, sagte er dieser Zeitung. Bringe ein Leiharbeiter die gleiche Qualifikation mit, müsse er wie eine Stammkraft verdienen.

Allerdings sei die Leiharbeit gesamtwirtschaftlich „keine relevante Größe“, schränkte er ein. Ende Juni waren hierzulande 826 000 Menschen als Leiharbeiter beschäftigt, verglichen mit 40,3 Millionen Erwerbstätigen insgesamt. In der West-Stahlbranche arbeiten drei Prozent, im Osten sechs Prozent der Beschäftigten in einem solchen Job. Die Gewerkschaften monieren aber, die zusätzlichen Stellen seit Ende der Krise seien vor allem in der Zeitarbeit entstanden.

Ministerin von der Leyen will nun mit einem Gesetz verhindern, dass Löhne mit Hilfe der Leiharbeit gedrückt werden können. Arbeitgeber sollen Zeitkräfte nicht mehr entlassen und für weniger Geld einstellen dürfen. Eine verbindliche Lohnuntergrenze lehnt von der Leyen dagegen ab. Allerdings kommt in acht Monaten die EU-weite Freizügigkeit für Arbeitnehmer. Die Gewerkschaften warnen, dass dann osteuropäische Zeitarbeitsfirmen mit Billiglöhnern nach Deutschland kommen und hier die Löhne drücken könnten. Das Ministerium will die Entwicklung aber zunächst beobachten. Carsten Brönstrup

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