Globalisierung : Schlafanzug, fair genäht

Tchibo will die Arbeitsbedingungen seiner Zulieferer verbessern – und damit auch sein Image retten. Auch andere deutsche Unternehmen bemühen sich um den Erhalt sozialer Standards.

Kathrin Drehkopf
Textilindustrie
Made in China: Günstige Kleidung, günstige Arbietskräfte. -Foto: dpa

Berlin - Ein Sommertag in Hamburg im Jahr 2005: Eine Traube von Schaulustigen steht vor einer Tchibo-Filiale. Neugierig beobachten sie die weiß geschminkten Gestalten in Arbeitskitteln – Pantomimenspieler, die mit ängstlichen Gesichtern die Arbeitssituation von Näherinnen in Bangladesch nachstellen. Ohne Arbeitsrechte und unter menschenunwürdigen Bedingungen haben sie Schlafanzüge produziert, die nun bei Tchibo im Regal liegen. Das hatte zuvor eine Untersuchung der Nichtregierungsorganisation „Kampagne für Saubere Kleidung“ (KSK) herausgefunden, die daraufhin deutschlandweit Protestaktionen wie in Hamburg organisierte. Zusätzlich landeten bei Tchibo Tausende E-Mails und Briefe verärgerter Kunden.

Die Proteste blieben nicht ohne Folgen. Zusammen mit der staatlichen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) will der Hamburger Konzern die Arbeitsbedingungen in seinen asiatischen Zulieferbetrieben für Textilien, Spielwaren und elektronische Geräte langfristig verbessern. Das kündigten GTZ und Tchibo am Mittwoch in Berlin an. Der Plan sieht vor, dass örtliche Trainingsorganisationen die Tchibo-Zulieferer in Bangladesch, China und Thailand unterstützen. Damit soll erreicht werden, dass die Zulieferer selbst verbindliche Regelungen treffen hinsichtlich der Einhaltung gesetzlicher Arbeitszeiten, des Verbots von Kinderarbeit sowie der Zahlung gesetzlicher Mindestlöhne.

„Wir wollen unseren Zulieferern nicht mit erhobenem Zeigefinger sagen, was sie machen sollen. Sie müssen selbst Maßnahmen erarbeiten“, sagt Achim Lohrie, Leiter des Ressorts Unternehmensverantwortung bei Tchibo.

Tchibo ist nicht das einzige Unternehmen, das sich stärker um die Einhaltung sozialer Standards bemüht. Viele nutzen es, um das eigene Image aufzupolieren. So verkauft der umstrittene Discounter Lidl inzwischen fair gehandelte Bananen, die wegen ihres Umgangs mit Betriebsräten kritisierte Fluggesellschaft Air Berlin schenkt ihren Kunden fair gehandelten Kaffee ein. Und auch der Sportartikelhersteller Adidas, der von Kunden weltweit gescholten wurde, weil auch Kinder seine Fußbälle zusammengenäht hatten, verkauft seit der Fußball-WM 2006 einen „Fairtrade“-Ball.

„Der normale Kunde ist sensibler geworden“, sagt Michael Winter, Chef der Beratungsfirma „Stakeholder Reporting“, die sich auf nachhaltige Unternehmensführung spezialisiert hat. Er interessiere sich mehr dafür, unter welchen Bedingungen Produkte hergestellt werden.

Auch Tchibo könnte die Zusammenarbeit mit der GTZ helfen, neue Käufer zu gewinnen. Der Kaffeeröster hatte in den vergangenen zwei Jahren deutliche Umsatzrückgänge verkraften müssen, weil sein Konzept, einmal pro Woche Aktionsware zu verramschen, von den Discountern kopiert worden war. Tchibo versucht jetzt, sich mit mehr Qualität und höheren Preisen neu zu positionieren.

Die Kooperation mit der GTZ soll dabei helfen. Dahinter steckt auch die Hoffnung, dass die Kunden bereits sind, für die fair produzierten Artikel Schlafanzüge und Radiowecker auch mehr Geld zu bezahlen.

Das Projekt von Tchibo und GTZ ist in Form einer öffentlich-privaten Partnerschaft auf drei Jahre angesetzt und soll je nach Erfolg verlängert werden. 55 Prozent der Kosten in Höhe von 2,6 Millionen Euro übernimmt Tchibo, den Rest trägt die GTZ. „Für uns ist das eine strategische Partnerschaft“, sagte Wolfgang Schmitt, Geschäftsführer der GTZ.

Positiv, aber nicht unkritisch beurteilt die „Kampagne für Saubere Kleidung“ die Pläne von Tchibo. „In diesem Projekt steckt grundsätzlich Potential – ich halte es aber für problematisch, dass Steuergelder verwendet werden müssen, um Unternehmen sauber produzieren zu lassen“, sagte Maik Pflaum von der KSK dem Tagesspiegel. Die Mindestlöhne in den betroffenen Ländern seien im Übrigen „skandalös niedrig“, meint Pflaum. Diese reichten nicht, um die Existenz der Arbeitnehmer abzusichern.

Tchibo will auch als gutes Beispiel für andere vorangehen: Die Trainigszentren in Asien sollen auch anderen internationalen Handelskonzernen offenstehen. Textilunternehmen wie Hennes & Mauritz und GAP sollen laut Tchibo Interesse angemeldet haben.

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