Griechenland: Sparen auf Kosten der Bevölkerung : "Wir stehen vor einer humanitären Krise"

Ärzte können nicht mehr operieren, Kinder werden nicht geimpft: Griechenland spart. Jetzt gibt es Massenentlassungen im öffentlichen Dienst.

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Proteste in Athen: Bis Ende 2014 sollen in Griechenland insgesamt 15 000 Jobs im öffentlichen Dienst gestrichen werden.
Proteste in Athen: Bis Ende 2014 sollen in Griechenland insgesamt 15 000 Jobs im öffentlichen Dienst gestrichen werden.Foto: dpa

Griechenland spart und spart. Jetzt verlieren erneut Tausende ihre Arbeitsplätze. Bis Ende 2014 sollen insgesamt 15 000 Jobs im öffentlichen Dienst gestrichen werden, beschloss das Parlament am späten Sonntag in Athen. Damit trifft die Krise nun auch den Staatsapparat. Erstmals seit mehr als 100 Jahren wird es im Pleiteland zu Massenentlassungen von Beamten und Staatsangestellten kommen, die ersten 2000 Kündigungen soll es Ende Mai geben.

Die von einer stürmischen Debatte im Parlament und Demonstrationen vor den Toren begleiteten Sparbeschlüsse sind die Voraussetzung dafür, dass Griechenland die nächsten Tranchen der vorgesehenen Finanzhilfen von insgesamt 8,8 Milliarden Euro ausgezahlt bekommt. Finanzminister Yannis Stournas rechnete mit einer Freigabe der ersten 2,8 Milliarden Euro aus Brüssel noch am Montag, die restlichen sechs Milliarden sollen dann Mitte Mai folgen. Griechenland benötigt das Geld dringend, um Löhne und Pensionen zahlen zu können. Zudem werden am 20. Mai Anleihen fällig, die von der Europäischen Zentralbank gehalten werden.

Seit Mitte 2010 hat Griechenland bereits rund 200 Milliarden Euro an Hilfskrediten aus den anderen Euro-Ländern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) erhalten. Bis Ende 2014 sollen noch einmal 40 Milliarden Euro hinzukommen. Im Gegenzug soll das Haushaltsdefizit verringert werden und die Wirtschaft wettbewerbsfähiger werden. Doch davon ist Griechenland heute weiter entfernt denn je.

Theodorus Zdoukos arbeitet als Arzt in einem solidarischen Gesundheitszentrum. Dort behandelt er kostenlos Menschen, die sich einen Arzt nicht leisten können.
Theodorus Zdoukos arbeitet als Arzt in einem solidarischen Gesundheitszentrum. Dort behandelt er kostenlos Menschen, die sich...Foto: Heike Jahberg

„31 Prozent der Griechen leben unter der Armutsgrenze“, sagt Christos Giovanopoulos. Die Arbeitslosenquote liegt bei 27,5 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei 54 Prozent. „Wir stehen am Rand einer humanitären Krise“, mahnt Giovanopoulos. Die Krise hat er täglich vor Augen. Giovanopoulos engagiert sich in Athen bei „Solidarity for all“, der landesweiten Vernetzung von Selbsthilfe-Initiativen. Weil der Staat die Versorgung der Menschen nicht mehr garantieren kann, greifen immer mehr Griechen zur Selbsthilfe. Sie schließen sich zu Initiativen zusammen, um Menschen in Not ärztliche Behandlungen, Bildung, Rechtshilfe oder auch schlicht Lebensmittel zur Verfügung stellen zu können. 250 solcher Einrichtungen gibt es derzeit in Griechenland, die Zahl wächst.

Auch Theodoros Zdoukos engagiert sich in einer solchen Initiative. Der Arzt arbeitet ehrenamtlich im „solidarischen Gesundheitszentrum“ in Thessaloniki. Er und seine Kollegen behandeln dort kostenlos Menschen, die keine Krankenversicherung mehr haben und sich sonst einen Arztbesuch nicht mehr leisten können. 2,5 Millionen Menschen sind davon betroffen, die Zahl wächst.

Gemeinsam mit dem Arbeitervertreter Makis Anagnostou sind die Männer – auf Einladung gewerkschaftlicher Initiativen – nach Berlin gekommen. Sie schildern ein Land, in dem die öffentliche Versorgung zusammenbricht. Den Krankenhäusern fehlt es an Ärzten und Medikamenten, auf eine Krebs-OP muss man im Hippokrates-Krankenhaus, der größten Klinik auf dem Balkan, inzwischen gut 18 Monate warten. Kinder werden nicht mehr geimpft, weil sich die Eltern die Impfstoffe nicht mehr leisten können. Es fehlt an allem. „Wir brauchen Kinderimpfstoffe, Babymilch und haltbare Lebensmittel“, mahnt Giovanopoulos und hofft, dass er auf seiner Rückreise Hilfszuzusagen und -versprechen aus Deutschland mitnehmen kann.

Auch bei Viomichaniki Metaleftiki haben die Arbeitnehmer zur Selbsthilfe gegriffen. Weil die Arbeitgeber die Bauartikelfirma ausbluten ließen, übernahmen die Arbeitnehmer im Juli 2011 den Betrieb. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang. 65 Leute umfasst die Belegschaft, davon sind jeweils rund 20 bis 25 im Dienst. Die anderen versuchen, sich nebenher noch etwas hinzuzuverdienen. „Wir sind der einzige besetzte Betrieb in Griechenland“, berichtet Betriebsrat Makis Anagnostou dennoch mit unübersehbarem Stolz. „Es gibt aber viele Versuche, das zu übernehmen.“ (mit dpa/rtr)

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