Griechenland und Flüchtlinge : "Deutschland ist für das Chaos verantwortlich"

Sagt Joseph E. Stiglitz, Wirtschaftsnobelpreisträger von der New Yorker Columbia University, im Blick auf Griechenland. Die Flüchtlingskrise nennt er vor allem ein "moralisches Dilemma".

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Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz war einst Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton. Bald erscheint sein Buch „Die innovative Gesellschaft  - Wie Fortschritt gelingt und grenzenloser Freihandel die Wirtschaft bremst“ in deutscher Sprache.
Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz war einst Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton. Bald erscheint sein Buch „Die...Foto: Thilo Rückeis

Professor Stiglitz, Europa spricht fast nur über Flüchtlinge, kaum ein Wort über Griechenland. Ist das Problem gelöst?

Nein, das Problem wurde nur in die Zukunft verschoben. Warten wir ab, was aus der Parlamentswahl folgt, ob sich nun eine Konstellation ergibt, die das alte System der Oligarchen aufbrechen kann. Die Troika war dabei bisher wenig hilfreich. Die hat sich nicht auf die Oligarchen konzentriert, sondern auf Dinge wie Regulierung des Brot-Marktes oder Definitionen von Frischmilch, alles interessante Dinge, aber keine Angelegenheiten, die die Struktur des Landes fundamental ändern werden.

Sie behaupten gern, Deutschland sei für das Chaos dort verantwortlich.

 Ja. Ich weiß genug aus dem Innenleben der Troika, um sagen zu können, dass Deutschland großen Einfluss auf diese Entwicklung genommen hat.

Tatsache ist aber doch: Griechenland ist für den Moment wieder flüssig und

... wenn Sie es so nennen wollen. Zahlungsfähig aber sicher nicht. Der IWF hat mehr als deutlich gemacht, dass Griechenland seine Schulden nicht bedienen kann, dass das Land eine Umschuldung braucht. Das ist eine Tatsache, unabhängig davon, wie man das nennt: Schuldenschnitt, Schuldenstreckung oder sonst wie. Das ist alles nur Semantik.

Die Krise in Griechenland
Bei Protesten kam es in Athen zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei.Weitere Bilder anzeigen
1 von 46Foto: AFP
03.07.2015 12:03Bei Protesten kam es in Athen zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble legen Wert auf diese feinen sprachlichen Unterschiede.

Das kann ich gut verstehen. Politik muss harte Sachverhalte manchmal weich verpacken. Und ich bin gern behilflich bei der Formulierungssuche. Aber als Ökonom bin ich an der Substanz interessiert. Und im Falle Griechenlands ist die Faktenlage klar: Das Geld kommt nicht zurück. Die Frage ist nur, wann ihr Deutsche das erkennt.

Dabei sind konkrete Reformen fest vereinbart, das Land bleibt im Euro, Kapitalverkehrskontrollen werden zurückgenommen. Ist das etwa kein Fortschritt verglichen mit der Lage im ersten Halbjahr?

Für den Moment ja. Aber die Frage ist doch: Wie hoch ist die Chance, dass dieses Land in drei Jahren aus diesen Programmen aussteigen kann, dass die Gläubiger nicht wieder derart unerfreuliche Verhandlungen führen müssen. Sollten die Beschlüsse nicht überarbeitet werden, wird die Rezession in Griechenland sogar noch härter.

An welchen Punkten müsste aus Ihrer Sicht nachverhandelt werden?

Das Ziel, dass Athen im Jahr 2018 einen Haushaltsprimärüberschuss von 3,5 Prozent erreicht, muss reduziert werden auf nicht mehr als ein Prozent – kombiniert mit einem Umschuldungsplan, der nicht wie ein Strick um den Hals der Regierung hängt. Die Austeritätspolitik muss heruntergefahren werden. Was Griechenland tötet, ist nicht nur die Zurückhaltung der öffentlichen Hand, sondern auch die des Privatsektors. Wenn der Bankensektor derart zertrümmert ist wie in Griechenland, kann man wenig für die kleinen und mittelständischen Unternehmen tun. Und Griechenland ist ja ein Land der kleinen und mittleren Unternehmen. Man muss Wege finden, die Finanzierung dieser Firmen wieder zu gewährleisten.

Deutschland hat viel Erfahrung bei der Mittelstandsfinanzierung und Gründungsförderung.

Genau dieses Wissen, zum Beispiel die Erfahrungen der staatlichen Förderbank KfW, braucht das Land. Deutschland könnte unmittelbare Hilfe leisten, indem es den Griechen die Finanztechnologien bereitstellt, mit der man Kleinkredite vergibt, die auch tatsächlich zurückgezahlt werden können.

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