"Handmade in Germany" : Nicht jede Manufaktur ist eine Manufaktur

Bonbons, Hüte oder Tapeten werden hierzulande seit einiger Zeit gerne in Manufakturen hergestellt. Eine neue Initiative wirbt für Produkte aus deutscher Handarbeit - und wandelt dafür einen Slogan der deutschen Wirtschaft ab.

von
Glanz und Glamour. Bei der Oscar-Verleihung 2010 sorgten von Welter in Berlin veredelte Wandflächen für das nötige Glitzern rund um die Filmstars auf der Bühne. Foto: AFP
Glanz und Glamour. Bei der Oscar-Verleihung 2010 sorgten von Welter in Berlin veredelte Wandflächen für das nötige Glitzern rund...Foto: AFP

Berlin - „Das ist unsere Tapete mit dem größten Glitzer- und Glamoureffekt“, sagt Caroline Venn und deutet auf einen ihrer Musterstreifen. „Damit haben wir in diesem Jahr die Oscar-Verleihung ausgestattet. Aber sie glitzert auch ganz wunderbar bei Kerzenlicht“, schwärmt die Chefdesignerin von Welter Manufaktur für Wandunikate aus Berlin. Die Oberfläche der Tapete erinnert eher an Schmirgelpapier. Doch das Material ist edler: ein Gemisch aus Silber und Glas auf einem silbernen Textil. Und sie wird von Hand gemacht. Wie kommt eine Manufaktur aus einem Hinterhof in Schöneberg auf die Lieferantenliste der Academy of Motion Pictures in Hollywood? „Wir haben einen Agenten in L. A.“, sagt Venn, „und weitere Distributoren auf der ganzen Welt.“ So ist auch die Kundenliste international: Sie reicht vom Hotel Adlon in Berlin und dem Kaufhaus Harrods in London über das World Trade Center in Dubai bis zum Präsidenten von Usbekistan, der sich eine Wand mit Platin verkleiden ließ.

Damit der Kundenkreis weiter wächst, hat sich Welter als eine von acht Firmen der neu gegründeten Initiative Deutsche Manufakturen angeschlossen. Gemeinsam wollen die Mitglieder ihren Interessen stärker Gehör verschaffen. „Made in Germany“ steht weltweit für Qualität aus deutscher Industrieproduktion. Das Siegel „Handmade in Germany“ soll nun für die abseits der Massenfertigung handgefertigten Produkte werben. Manufakturen hätten auch heute nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine wirtschaftliche Bedeutung, etwa als Arbeitgeber oder Exporteure, sagte Frank Müller, ehemaliger Geschäftsführer der Uhrenmanufaktur Glashütte Original und heute Berater im Luxussegment, bei der Vorstellung der neuen Initiative in Berlin. Bis zu 150 größere Manufakturen gebe es hierzulande, schätzt Müller, mit einem Gesamtumsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Die genaue Zahl der Manufakturen und ihre wirtschaftliche Bedeutung zu erfassen, sei auch eine Aufgabe der neuen Initiative (www.handmade-in-germany.org).

„Manufakturen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Berlin, der allerdings noch nicht so richtig ins Bewusstsein der Politik gelangt ist“, sagt Marketingexperte Michael Schröder, Initiator und Vorstand der Initiative. Schröder schätzt, dass es in Berlin hunderte Manufakturen gibt, die Bonbons, Schokolade, Hüte oder Schuhe herstellen. Schwierig ist allerdings die Abgrenzung etwa zum Handwerker, und nicht alles, was sich Manufaktur nennt, würde die Kriterien erfüllen, nach der die Initiative ihre Mitglieder auswählt.

Das wichtigste Kriterium mit einer Gewichtung von 60 Prozent ist die Handarbeit. Die Produktion muss vollständig oder überwiegend in Handarbeit und am Standort Deutschland erfolgen. Zudem sollte der Betrieb möglichst mehr als zehn Mitarbeiter haben und einen überregionalen Kundenstamm. Auch sollte das Produkt ins Premiumsegment gehören. Hohe Ansprüche an die Qualität der Verarbeitung und des Materials sind selbstverständlich. Wert legt die Initiative auch auf die Außendarstellung des Unternehmens, das sich als Manufaktur entsprechend präsentieren muss.

Kein Problem mit den anspruchsvollen Kriterien haben Welter und die anderen Gründungsmitglieder: die Königliche Porzellan-Manufaktur KPM und Burmester Audiosysteme aus Berlin, der Orgelbauer Klais aus Bonn, Joh’s Stübben aus Krefeld, wo seit 1894 Sättel, Zaumzeug und Geschirre gefertigt werden, der Küchenbauer Poggenpohl aus Bielefeld und die Peter Bock Manufaktur, die feinste Federn für Füllfederhalter produziert.

Dass man keine lange Tradition haben muss, um dabei zu sein, beweist Welter, der seit 25 Jahren am Markt ist, und der 37-jährige Kay Gundlack aus Parchim, der sich 2005 mit seiner Schuhmanufaktur selbstständig gemacht hat. Viele hätten ihn verwundert gefragt, warum er dafür seinen sicheren Job aufgibt. „Es war schon immer mein Traum, eigene Schuhe zu bauen“, sagt er, der zu seinen schwarzen Schuhen mit roten Applikationen rote Strümpfe trägt. Heute kommen die Kunden auch aus dem Ausland, um sich von Gundlack in Mecklenburg Schuhe nach ihren Vorstellungen anfertigen zu lassen. Doch Handarbeit hat ihren Preis: 1200 Euro kosten Schuhe bei Gundlack. Er hat aber auch schon Flipflops für 400 Euro gemacht. „Die Kundin wollte sie unbedingt von mir gemacht haben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar