Handwerk in Berlin : Neue Meister hat das Land

Handwerkskammer und die IHK Berlin ehrten am Sonntag 655 Jungmeister. Die Frauenquote steige, aber noch nicht ausreichend, sagte HWK-Chef Schwarz.

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IHK-Präsidentin Beatrice Kramm und Handwerkskammer-Präsident Stephan Schwarz haben sich zwischen die Jungmeister gemischt. Foto: Ringelstein
IHK-Präsidentin Beatrice Kramm und Handwerkskammer-Präsident Stephan Schwarz haben sich zwischen die Jungmeister gemischt.Foto: Ringelstein

Der Festsaal des Maritim-Hotels in Tiergarten war voll an diesem Sonntag und alle Aufmerksamkeit der rund tausend Gäste richtete sich auf das Bühnenprogramm der Meisterfeier der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin und der Berliner Handwerkskammer. Doch Elena Nawrocki konnte nicht auf dem Stuhl sitzen, sie musste hinten im Raum auf und ab gehen, ihren fünf Monate alten Sohn Noem im Arm wiegend, um ihn zu beruhigen. Dabei ging es auch um sie da vorne auf der Bühne, wo Brigitte Zypries (SPD), ehemalige Justizministerin, inzwischen Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, den besten Jungmeistern des Jahrgangs gratulierte.

Nawrocki ist den Spagat zwischen Familie und Beruf gewohnt. Im Mai hatte sie den letzten Teil der Meisterprüfung zur Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerin abgelegt, hoch schwanger mit dem zweiten Kind. Die 29-Jährige ist nicht nur eine der besten von 655, sondern auch die einzige weibliche Fliesenlegerin des Jahrgangs. Sie lernte bei ihrem Vater, im Köpenicker Betrieb. Ursprünglich hatte Nawrocki Gesundheitswissenschaften studiert, doch dann gemerkt: „Immer nur am Computer zu sitzen ist nichts für mich. Ich will kreativ arbeiten.“ Ihr Vater schlug vor, es bei ihm zu probieren. Sie ist auch in ihrer Familie die erste weibliche Fliesenlegerin. Im September 2017, nach der Elternzeit, will sie den Betrieb übernehmen.

Mit 442 Absolventen hat dieser Jahrgang so viele Jungmeister im Handwerksbereich wie nie. 97 sind Frauen – knapp 22 Prozent also. Die Hälfte davon sind Friseurinnen, ein Viertel Konditorinnen. Maurerinnen oder Gerüstbauerinnen sind eh selten, in diesem Jahr gab es keine.

Beruf, Fortbildung und Kinder - eine Dreifachbelastung

„Der Frauenanteil ist steigend, aber 22 Prozent ist noch nicht ausreichend“, sagte Handwerkskammerpräsident Stephan Schwarz. „Es ist wichtig, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, damit auch Frauen, die Kinder haben, arbeiten, sich fortbilden und so einen Meister machen können. Das ist eine Dreifachbelastung.“ In Berlin habe man zwar schon eine gute Infrastruktur bei der Kinderbetreuung, allerdings nicht zu den Randzeiten – für den, der eine Abendschule besuchen will, also ein Hindernis.

Nawrocki hatte ihren Partner und Vater der beiden Kinder, der abends aufpassen konnte. Sie musste täglich bis nachmittags im Betrieb arbeiten und dreimal die Woche ab 18 Uhr die Schulbank drücken. „Das war schon anstrengend und zum Lernen war kaum Zeit, das hab ich oft in der Bahn nach Hause gemacht“, sagt sie. Ihren älteren Sohn Dante mussten sie oft schon um 6 Uhr in die Kita bringen, anders ging es nicht. „Eine Kita nur von 7 bis 17 Uhr wäre für uns nicht gegangen“, sagt Nawrocki.

Doch gelohnt hat es sich für sie. Der Meister bringe ihr mehr Expertise, auch wenn es für Fliesen- und Mosaikleger keine Meisterpflicht mehr gibt. Der Wirtschaftsflügel der CDU fordert derweil, diese wieder einzuführen, in den Handwerken, „in denen dies verfassungs- und europarechtskonform möglich ist“, wie das „Handelsblatt“ aus einem Antrag der CDU-Mittelstandsvereinigung für den Bundesparteitag im Dezember zitiert. So wolle man das System der dualen Ausbildung stärken. 2004 war die Meisterpflicht in 53 Berufen abgeschafft worden, in 41 ist noch ein Meister nötig, um einen eigenen Betrieb gründen zu können.
IHK-Präsidentin Beatrice Kramm und Stephan Schwarz riefen bei der Feier die Meister als „Arbeitgeber von morgen“ auf, selbst junge Leute auszubilden, um das Handwerk zu stärken. Nawrocki wird sich das zu Herzen nehmen und werde „auf jeden Fall ausbilden“, doch nach ihrer Elternzeit soll es erst einmal keine 40-Stunden-Woche werden. „Das ist ja das Schöne an der Selbstständigkeit: Man kann es sich einteilen“ , sagt die Meisterin.
Ronja Ringelstein

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