Wirtschaft : Hans L. Merkle: Der langjährige Bosch-Chef ist tot

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"Gottvater" wurde er gelegentlich genannt, eine Bezeichnung, die Achtung und Angst ausdrückt. Hans L. Merkle war vielleicht der einflussreichste deutsche Industrielle nach dem Krieg: An der Spitze eines der erfolgreichsten deutschen Unternehmen, als Kanzlerberater, als Präsident von einem halben Dutzend Stiftungen, als Aufsichtsrat vieler Unternehmen und schließlich auch als Parteienfinanzier. Am vergangenen Freitag ist Hans Merkle im Alter von 87 Jahren gestorben, wie "sein" Unternehmen, die Robert Bosch GmbH, am Dienstag mitteilte. Noch vor drei Jahren saß Merkle jeden Tag zwölf Stunden am Schreibtisch in der Stuttgarter Konzernverwaltung. Als Ehrenvorsitzender der Bosch-Gruppe, die er zum größten selbstständigen Autozulieferer der Welt gemacht hatte, konnte er vom Unternehmen wie auch vom sozialpolitischen Engagement nicht lassen.

Hans Ludwig Merkle wurde am 1. Januar 1913 als Sohn eines Druckereibesitzers und Verlegers in Pforzheim geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung kletterte Merkle bei der Reutlinger Textilfirma Ulrich Gminder die Karriereleiter hoch und brachte es bis zum Vorstandsmitglied. 1958 wechselte Merkle in die Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH und übernahm dort 1963 in der Nachfolge von Hans Walz den Vorsitz der Geschäftsführung. Auf dieser Position saß Merkle bis 1984, doch bis 1993 stand er als persönlich haftender Gesellschafter an der Spitze der Robert Bosch Industrietreuhand KG, der Schaltstelle im Bosch-Konzern, der sich mehrheitlich in Händen der Bosch-Stiftung befindet. Das Stiftungsmodell war vom Gründer Robert Bosch (1861 bis 1942) testamentarisch vorgegeben worden.

Die Erfolgsgeschichte von Bosch ist eine Geschichte der Automobiltechnik. Die führende Stellung als Zulieferer der Autokonzerne sicherten neue Kraftstoffeinspritzungen, deren Erweiterung auf Dieselmotoren sowie das Antiblockiersystem, mobile Kommunikation und die vollelektronische Zündanlage. Doch mit der Beteiligung an der AEG Telefunken Anfang der 80er Jahre sowie weiterer Akquisitionen in der Kommunikationstechnik stellte Merkle den Konzern, der zuletzt mehr als 50 Milliarden Mark umsetzte, auf eine breitere Basis.

Der öffentlichkeitsscheue Manager hatte sich die Devise "Dienen und Führen" gegeben. In Unternehmen und Gesellschaft bemühte er sich um "Pflege und Weiterentwicklung des Gemeinsinns". Merkle beriet über viele Jahre CDU-Politiker, bis er 1979 nach einem "langen Denkprozess" aus der CDU austrat. Damals hatte er einen guten Draht zu Bundeskanzler Helmut Schmidt. In den 80er Jahren geriet Merkle in die Parteispendenaffäre. Wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 1,5 Millionen Mark wurde er zu einer Strafe von 600 000 Mark verurteilt. Er selbst kommentierte das Urteil jedoch als "moralischen Freispruch" und kritisierte scharf die Politiker, die die Spender aus der Industrie im Regen stehen ließen.

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