Hans-Werner Sinn im Interview : "Die Integration der Flüchtlinge wird teuer"

Im Tagesspiegel spricht der Ökonom und Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, über die Integration von Flüchtlingen, die schwarze Null und Griechenland.

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Hans-Werner Sinn ist Ökonom, Hochschullehrer und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung.
Hans-Werner Sinn ist Ökonom, Hochschullehrer und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung.Foto: Mike Wolff

Herr Sinn, die Integration der Flüchtlinge stellt Deutschland vor gewaltige Herausforderungen. Werden wir den Gürtel im nächsten Jahr enger schnallen müssen?

Es wäre gut, wenn wir das täten. Denn sonst müssen die nachfolgenden Generationen das tun. Wir dürfen die Integration der Flüchtlinge auf keinen Fall mit einer höheren Verschuldung finanzieren, sondern müssen auf den laufenden Haushalt zurückgreifen.

Ist das machbar?

Ja, im Moment haben wir noch Überschüsse, die schwarze Null ist 2016 zu halten. Allerdings hätte man das Geld, das man jetzt für die Flüchtlinge ausgibt, zur Schuldentilgung verwenden können. Insofern entsteht jetzt doch schon eine Last für künftige Generationen.

Welche Alternativen gibt es?

Man könnte das Renteneintrittsalter nach hinten verschieben oder Subventionen kürzen.

Wie teuer wird die Integration der Flüchtlinge?
Für dieses Jahr gehen wir von 21 Milliarden Euro aus.

Und in der Zeit danach?

Wir selbst haben dazu keine Berechnungen. Aber die seriösen Schätzungen der Gesamtkosten auf der Basis von Generationenbilanzen liegen für eine Million bleibende Immigranten zwischen 79 Milliarden und 450 Milliarden Euro, je nachdem, wie gut oder schlecht sich die Flüchtlinge integrieren lassen.

Viele Flüchtlinge haben keine Ausbildung und sprechen kein Deutsch.

Deutsch können sie lernen. Schwieriger ist es, die lateinische Schrift zu lernen. In Afghanistan gibt es eine sehr hohe Quote von Analphabeten, auch in Syrien waren 65 Prozent der Menschen, die dort leben, nicht einmal in der Lage, das niedrigste Testniveau bei den Pisa-Tests zu bestehen. Die Menschen, die das Land verlassen, haben zwar eine etwas bessere Bildung. Aber auch knapp die Hälfte der Syrien-Flüchtlinge, die in den türkischen Auffanglagern leben, verfügen nicht über die für unsere Welt nötigen Mindestkenntnisse beim Rechnen.


Ist der Arbeitsmarkt die größte Herausforderung für die Integration?

Ja, ohne den Arbeitsmarkt funktioniert Integration gar nicht. Die Flüchtlinge lernen am Arbeitsplatz am schnellsten Deutsch, sie verdienen Geld und fallen dem Sozialstaat nur noch teilweise zur Last. Und Arbeit verhindert, dass Parallelgesellschaften entstehen.

Sollte man Flüchtlinge vom Mindestlohn ausnehmen?

Der Mindestlohn ist ein Integrationshemmnis erster Güte. Die Flüchtlinge konkurrieren mit anderen Geringqualifizierten um Jobs. Normalerweise würde das steigende Angebot von Arbeitskräften zu sinkenden Löhnen und damit zu einer zunehmenden Nachfrage nach Arbeitskräften bei den Unternehmen führen. Der Mindestlohn verhindert das.

Sie waren aber sowieso schon immer gegen den Mindestlohn.

Ja, denn der Mindestlohn treibt einen Teil der Leute, denen man helfen will, in die Arbeitslosigkeit. So kann Sozialpolitik nicht gelingen. Statt des Mindestlohns sollte man Menschen, die wenig verdienen, einen staatlichen Zuschuss zahlen, so dass sie zusammen mit diesem Zuschuss ein ausreichendes Gesamteinkommen haben. Nur dieser Weg funktioniert, denn man kann die Unternehmen nicht zwingen, Leute einzustellen, die weniger liefern als sie kosten. So gesehen sollte man jetzt erst recht darüber nachdenken, den Mindestlohn zu durchlöchern, damit die Unternehmen neue Stellen schaffen.

Wie stellen Sie sich das vor? Noch mal gefragt: kein Mindestlohn für Flüchtlinge?

Man kann nicht nur Flüchtlinge ausnehmen. Dann würden sie die Einheimischen unterbieten und ihnen die Jobs wegnehmen. Nein, man müsste für alle Berufsanfänger eine Ausnahme machen - sowohl für Einheimische als auch für Flüchtlinge. In den ersten Jahren Berufstätigkeit sollte der Mindestlohn generell nicht gelten.

Aber der Mindestlohn hat doch bisher - anders als geunkt worden ist - keine Stellen vernichtet!

Das stimmt so nicht ganz, denn die Minijobs gingen stark zurück. Aber Sie haben Recht, die Konjunktur läuft derzeit sehr gut. Warten Sie indes einmal ab, bis wir wieder in normalem Fahrwasser sind.

Aber selbst Sie beim Ifo-Institut gehen doch für 2016 und 2017 von einem ganz ordentlichen Wachstum aus.

Eben. Unsere Prognose endet 2017. So lange der Euro und das Öl billig sind, läuft die Konjunktur. Das hält nicht ewig, und dann sehen wir, welche Jobs wirklich überleben. Die Schrödersche Reform, die Agenda 2010, hat auch nicht sofort gewirkt. Es hat eindreiviertel Jahre gedauert, bis wir Effekte sehen konnten. Beim Mindestlohn würden wir so gesehen die ersten Auswirkungen auf die Arbeitslosenquote im Herbst 2016 beobachten können. Etwas sehen wir aber heute schon: In den neuen Bundesländern, wo im vergangenen Jahr 20 Prozent der Arbeitnehmer über den Mindestlohn eine Lohnerhöhung bekommen haben, ist der Stellenzuwachs deutlich langsamer als im Westen. So schnell hatten wir die Effekte gar nicht erwartet.

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