Wirtschaft : Harter Kampf um den Doktor

Wie Absolventen von Fachhochschulen es schaffen zu promovieren - obwohl es ihnen nicht leicht gemacht wird.

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Im Labor der Anatomie der Charité untersucht Professorin Anja Bräuer die molekularen Mechanismen der Regeneration von Gehirnzellen. Zahlreiche Proteine hat sie bereits identifiziert, die in diesem Prozess eine Rolle spielen. Ihre Forschungsergebnisse könnten einmal bei der Behandlung von Alzheimer-Patienten zum Einsatz kommen.

Dass sie einmal eine wissenschaftliche Karriere einschlagen wird, hat Anja Bräuer zu Beginn ihres Studiums kaum zu hoffen gewagt. 1996 machte sie ihren Abschluss an der Beuth Hochschule für Technik Berlin im Fachbereich Biotechnologie. „Die Berufschancen für Ingenieure waren damals nicht besonders gut und so bewarb ich mich für eine Doktorandenstelle an der Charité“, sagt sie. Im Gegensatz zu ihren Mitbewerbern von der Uni musste Anja Bräuer jedoch drei zusätzliche Prüfungen ablegen. Erst als sie die bestanden hatte, bekam sie den Job, der sie schließlich zur „Frau Doktor“ und später sogar zur Leiterin der Arbeitsgruppe molekulare Neurobiologie im Fächerverbund Anatomie machte.

Um zu promovieren, müssen Absolventen von Fachhochschulen (FHs) höhere Hürden nehmen als Studierenden von Universitäten. Denn die meisten Fachhochschulen haben in Deutschland kein Promotionsrecht. Viele Universitäten verlangen zusätzliche Prüfungen, wenn FH-Studenten bei ihnen promovieren wollen. Trotzdem ist die Zahl der FH-Absolventen mit Doktortitel steigend. Eine Befragung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ergab, dass 836 FH-Absolventen zwischen 2009 und 2011 von Universitäten einen Doktorgrad verliehen bekamen. Das sind 47 Prozent mehr als zwischen 2006 und 2008.

Edda Wilde von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) berät Studierende und Absolventen, die eine Promotion anstreben. Etwa 50 laufende Promotionen gibt es momentan an der HTW Berlin, doch es könnten noch mehr sein. „Viele Studierende lassen sich davon abschrecken, dass sie Seminare nachholen oder Prüfungen ablegen müssen, weil ihnen so Zeit bis zum Abschluss ihrer Promotion verloren geht“, sagt Edda Wilde. Obwohl die HTW Berlin Kooperationen mit der Technischen Universität Berlin (TU) und der Universität der Künste (UdK) hat, bedeutet das im Einzelfall nicht zwingend eine Vereinfachung. Die Vorschriften variieren von Fachbereich zu Fachbereich, und längst nicht alle FH-Studenten können zulagenfrei, also ohne zusätzliche Prüfungen, dort ihren Doktor machen.

Wer promovieren will, der muss sich in der Regel zunächst eine Erstbetreuung an der Uni suchen. Im Gegensatz zu Uni-Absolventen können FH-Studierende meist nicht auf bestehende Kontakte zurückgreifen. Entweder sie bewerben sich auf ausgeschriebene Doktorandenstellen oder – und das ist laut Edda Wilde meist der Fall – sie wenden sich mit einem eigenen Projekt an einen Professor. „Das lässt sich mit einer Bewerbung für einen Job vergleichen“, sagt Edda Wilde. „Oft muss man mehrere Lehrstühle anschreiben, bis man eine Einladung in die Sprechstunde bekommt.“ Sie empfiehlt eine gute Vorbereitung und Nervenstärke: Eine genaue Projektbeschreibung, am besten sogar ein fertiges Exposé sowie ein Empfehlungsschreiben von einem FH-Professor, der dann auch als Zweitgutachter fungiert, sollten vorliegen. Veröffentlichungen oder Lehrtätigkeiten sollten im Lebenslauf dokumentiert sein.

„Viele FH-Absolventen und Absolventinnen sind schon um die 30, zum Beispiel weil sie vor ihrem Studium bereits eine Ausbildung gemacht haben und haben in dieser Hinsicht einiges vorzuweisen“, sagt Edda Wilde. Doch oft scheitert es trotzdem an mangelndem Selbstbewusstsein: „Leider lassen sich einige schnell entmutigen, wenn sie nicht rasch einen Doktorvater oder eine Doktormutter finden."

Der Grund, warum FH-Absolventen promovieren möchten, sei in erster Linie eine Begeisterung für die Forschung, die sie oft erst während des Studiums an sich entdeckt haben. „In vielen Fächern, wie zum Beispiel in manchen ingenieurwissenschaftlichen, ist es kein Muss und bringt auch nicht unbedingt mehr Geld“, sagt die Studienberaterin.

An der Beuth Hochschule promovieren im Bereich Biotechnologie bereits 15 Prozent der Absolventen. Seit 2011 gibt es einen kooperativen Promotionsvertrag mit der TU. „Die Leitungen sind sich einig, dass die Barrieren für FH-Absolventen geringer werden sollten“, sagt die Präsidentin der Beuth Hochschule, Monika Gross. „Es scheitert in der Praxis leider oft an den Fakultäten.“ Sie erinnert sich, dass von dem ersten Doktoranden der Biotechnologie vor zehn Jahren sieben Feststellungsprüfungen verlangt wurden. Besonders die West-Unis zeigten sich arrogant gegenüber den Fachhochschulen. An den Unis gelte das Vorurteil, das Studium an der Fachhochschule sei zu wenig wissenschaftlich. „Vielen Kollegen an der Uni fehlt die Erfahrung mit FHs, während unsere Professoren beides kennen“, sagt sie. Oft nutzen FH-Professoren persönliche Kontakte, um die Studierenden an einen Erstbetreuer oder in eine Stelle zu vermitteln.

Monika Gross fordert, dass bei der Vergabe von Fördermitteln berücksichtigt werden sollte, inwiefern sich die Universitäten für FH-Absolventen öffnen. Wäre ein Promotionsrecht für Fachhochschulen, wie es Schleswig Holstein momentan anstrebt, die Lösung? „Wenn sich Fakultäten weiterhin nicht bewegen, dann wird es wohl soweit kommen“, sagt Monika Gross.

Anja Bräuer stieß mit ihrem FH-Abschluss niemals auf Ressentiments, auch nicht, als sie ein Post-Doc-Programm nach Kanada führte. „FH-Absolventen gelten als sehr gut ausgebildet und werden gerne genommen“, sagt die Wissenschaftlerin. Da sie viel in interdisziplinären Teams forsche, sei es ganz normal, dass man stetig dazu lerne und sich mit angrenzenden Fachbereichen wie der Medizin auseinandersetze.

In Vorträgen an der Beuth Hochschule macht sie Studierenden Mut zu einer Wissenschaftskarriere. Ihre letzte Promovierende kam auch von der Hochschule. Auch sie musste noch eine mündliche Prüfungen ablegen, was Anja Bräuer grundsätzlich nicht falsch findet. „Der angehende Doktorand setzt sich dadurch noch einmal intensiv mit der Thematik auseinander, bevor er im Labor loslegt“, sagt Anja Bräuer. Allerdings würde sie keinen Unterschied zwischen FH- und Uni-Absolventen machen: „Ich hätte die Prüfung gerne für alle.“

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