Wirtschaft : Hühnerbeine für Afrika

Vor allem die Exporte nach Südafrika haben sich vervielfacht. Hilfsorganisationen warnen vor Verdrängung der lokalen Bauern.

Ralf E. Krüger (dpa

Hannover - Sensationelle Zuwachsraten von 120 Prozent – und das in Afrika? Die deutsche Geflügelindustrie macht’s möglich. Insgesamt 47 000 Tonnen Geflügelfleisch exportierte sie im vorigen Jahr nach Branchenangaben auf einen Kontinent, der noch immer allzu häufig mit Hunger, Krieg und Katastrophen in Verbindung gebracht wird. „Vorher gab es so gut wie keine Exporte dorthin“, sagt Anika Folgart vom Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft.

Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt beobachten den Trend wegen der Auswirkungen der Billigimporte auf die Preise afrikanischer Produzenten zunehmend skeptisch. Afrika sei für Geflügelfleischreste aus Deutschland und dem Rest der EU zum wichtigsten Exportmarkt geworden, erklärt Francisco Marí, Agrarhandelsexperte bei Brot für die Welt. „Überall dort, wo wir uns bemühen, eine von Importen unabhängige Lebensmittel-Produktion aufzubauen, wird das natürlich zum Problem“, klagt er. Deutschland reihe sich dabei ein in ähnliche Exportströme auch aus Frankreich, Belgien oder den Niederlanden.

„Deutsche Geflügelexporte nach Afrika sind noch relativ neu, sie zogen erst in den letzten Jahren an“, sagt Margit Beck vom Branchendienst Marktinfo Eier und Geflügel (MEG) , der sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes stützt. 2012 führten deutsche Geflügelhersteller demnach 445 000 Tonnen Fleisch ins Ausland aus, 322 000 Tonnen davon in die EU-Länder. 47 000 Tonnen des Fleisches landeten in Afrika.

„Länder wie Ghana und Benin gehören zu den Absatzmärkten, spielen aber eigentlich nur eine untergeordnete Rolle“, sagt Beck. Denn die Masse deutscher Geflügelexporte geht nach Südafrika. Nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ermöglicht ein bilaterales Abkommen den Marktzugang. Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich der Kap-Staat so unter den Nicht-EU-Ländern nach der Ukraine zum zweitgrößten Abnehmer deutschen Geflügelfleisches entwickelt, erklärt die MEG.

Der Export gefrorener Hühnerhälften oder -schenkel dorthin zog 2012 nach Daten des Statistischen Bundesamtes auf 21 245 Tonnen an, mehr als das Zehnfache des Vorjahres. „Seit Ende 2010 gibt es ein abgestimmtes Veterinärzertifikat zwischen Südafrika und Deutschland“, erläutert Folgart. Zu den Billigprodukten zählen in Europa kaum nachgefragte Geflügelteile wie etwa Flügel oder andere Stücke. „Das sind Reste der Reste, die hier keiner haben will“, sagt Marí. Das Gefrierfleisch, das aus Deutschland nach Afrika verschifft wird, kann nach seinen Erkenntnissen Afrikas Bauern aber durchaus vom Markt drängen. Gegen billige Importware hätten sie kaum eine Chance. „Es ist ja auch aus ökologischer Sicht ein Wahnsinn, den Abfall mit viel Aufwand dorthin zu transportieren“, meint auch Simone Pott von der Welthungerhilfe. Berit Thomson von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) sieht dagegen die Erschließung neuer Märkte nicht nur negativ – solange dies die lokalen Strukturen in den Empfängerländern nicht stört. Sie schränkt allerdings ein: „Die steigenden Exporte in Entwicklungsländer haben ja nichts damit zu tun, dass die Produkte dort nachgefragt werden, sondern eher mit der Abschaffung von Handelsbarrieren.“Ralf E. Krüger (dpa)

1 Kommentar

Neuester Kommentar