Neukölln : Revitalisierung mit dem Betonschneider

Das ehemalige Sinn-Leffers-Kaufhaus an der Karl-Marx-Straße wird nach einer Radikalkur neue Mieter bekommen.

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Eine Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Fitness, Freizeit und Büros ist im „Neukölln 101“ geplant. Im Hintergrund die Post an der Karl-Marx-Straße.
Eine Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Fitness, Freizeit und Büros ist im „Neukölln 101“ geplant. Im Hintergrund die Post an...Foto: S IMMO/IQOI

Es ist schon eine ganze Weile her, dass die Karl-Marx-Straße eine angesehene und beliebte Einkaufs- und Flaniermeile war. „Der große Glanz von damals wird auch nicht wiederkommen“, sagt Oliver Türk, Stadtplaner im Stadtentwicklungsamt Neukölln. „Aber die Karl-Marx-Straße ist eine Hauptschlagader im Bezirk.“ Und als solche soll sie ihrer Funktion gemeinsam mit dem Hermannplatz als eines der wichtigsten Zentren in Berlin gerecht werden. Dafür engagieren sich Bezirk und Senatsverwaltung im Rahmen des städtebaulichen Programms Aktive Zentren.

Momentan ärgert die große Baustelle alle noch, aber am Ende wird hier die Straße zum Lebensraum“, so Türk. Vor allem die Neuausrichtung weg vom Auto- hin zum Fahrrad- und Fußgängerverkehr wird der Karl-Marx-Straße eine neue Qualität verleihen. Erste Schritte dafür waren der Umbau des Alfred-Scholz-Platzes und die Erschließung der ehemaligen Kindl-Brauerei durch die neue Kindl-Treppe, die einen Geländesprung von rund acht Metern überwindet. Das verkürzt jetzt die Wege durch den Kiez und erzeugt mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.

Aber auch die Revitalisierung von Schlüsselimmobilien, die privaten Investoren gehören, ist notwendig, um den Ansprüchen einer modernen Stadtentwicklung gerecht zu werden.

Neukölln soll schließlich nicht nur Durchgangsstation für die Kreativen der New Economy sein, sondern sie mittel- und langfristig halten, wie Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) betont. „Die Kneipenkultur in Neukölln gibt es nur, weil eben Leute hier leben, die etwas Geld verdienen und bereit sind, vier Euro für ihr Feierabendbier oder zehn Euro für ein Essen bei Schiller Burger auszugeben. Es ist wichtig, dass wir eine gesunde soziale Mischung haben. Wer gestern noch Student war und heute gut verdient, soll hierbleiben und die Geschäfte hochhalten.“

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Die Karl-Marx-Straße
Karl-Marx-Straße

Das Retro-Ensemble wird radikal umgebaut

Da kommt die Nachricht gerade recht, dass das ehemalige Sinn-Leffers-Kaufhaus revitalisiert werden soll. „Wir können und wollen nicht darauf warten, dass die anderen den ersten Schritt machen“, sagt Robert Neumüller, Geschäftsführer von S Immo, dem neuen Eigentümer des Kaufhauses in der Karl-Marx-Straße 101. Gemeinsam mit dem Architektur- und Projektentwicklungsbüro Realace soll S Immo hier ab Mitte 2017 unter dem Namen „Neukölln 101“ eine Art vertikalen Kiez realisieren.

Anstatt das 70er-Jahre-Kaufhaus mit Parkhaus abzureißen und die Geschichte auszulöschen, wird das Retro-Ensemble radikal umgebaut und mit einer neuen, heterogenen Nutzung ausgerichtet. „Aus dem massiven Parkhaus werden wir mit der Betonscheidemaschine große Stücke herausschneiden, um Platz zu schaffen für Maisonettebüros“, sagt Neumüller. So würden teilweise sechs Meter hohe Decken mit sehr niedrigen, parkhaustypischen Decken gemischt, um ein ansprechendes Raumgefühl zu erzeugen.

Die Moderne kehrt in den 70er-Jahre-Bau zurück.
Die Moderne kehrt in den 70er-Jahre-Bau zurück.Foto: IQOI

Außerdem entsteht zwischen den Gebäudeteilen ein offenes Atrium, das einerseits die Büros erschließt und andererseits als Grünfläche Teil des öffentlichen Raums ist. „Wir werden insgesamt drei grüne Höfe oder Gärten haben“, sagt Neumüller. „Einer wird eher urban und relativ klein sein, einer wird das Atrium und ein dritter wird, so unsere Vorstellung, unter anderem Platz bieten für ein Freiluftkino und eine Schauspielbühne.“

Das Kaufhaus selbst wird auch einer Radikalkur unterzogen. Denn als Assetklasse und Immobilie haben im Zuge des urbanen Wandels nicht nur Parkhäuser ausgedient, sondern auch Kaufhäuser. „Das Geschäftsmodell stirbt aus“, sagt Neumüller. „Der Einzelhandel als Ganzes verwandelt sich nicht nur durch die E-Commerce-Konkurrenz, sondern auch durch unsere Werteverschiebung. Konsum wird zunehmend infrage gestellt, was sich auch darin ausdrückt, dass das Auto als Statussymbol ausgedient hat. Heute fährt man Fahrrad, Öffentliche oder nutzt Carsharing.“

Keine Herbergen für digitale Nomaden

Allerdings glaubt er an das Prinzip des Marktplatzes. „Diese Orte der Begegnung, des Austauschs von Know-how und zur Beziehungspflege hat es schon immer gegeben und wird es auch in Zukunft geben.“ Das sei auch an der Renaissance der gründerzeitlichen Baustruktur zu erkennen, in der Leben und Arbeiten nicht strikt voneinander getrennt sind, sondern als heterogene Mischung existierten. „Genau diesen Mix wollen wir hier im Micro-Bereich erzeugen“, so Neumüller.

Entlang der Ganghoferstraße öffnet sich das Gebäude gegenüber dem Heimatmuseum zu einem Atrium.
Entlang der Ganghoferstraße öffnet sich das Gebäude gegenüber dem Heimatmuseum zu einem Atrium.Foto: IQOI

Allerdings wird es im „Neukölln101“ keine Wohnungen geben, auch keine Herbergen für digitale Nomaden. „Das würde die Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Fitness, Freizeit und Büro sprengen“, sagt er.

Auch könne er noch keine Angaben zu den Mieten machen. „Wir haben natürlich gewisse Vorstellungen, sonst kann man ein solches Projekt nicht planen. Aber wenn wir von den Preisen ausgehen, die wir aktuell erzielen können, müsste man die Finger von diesem Projekt lassen“, gibt Neumüller zu.

Potenzielle Mieter stünden aber schon Schlange. Als Bestandshalter, der nicht auf den schnellen Euro aus ist, ist Neukölln ein interessantes Pflaster für S Immo. „Vor wenigen Jahren noch war Neukölln ein Reizwort, heute ist der Bezirk ein Hotspot mit immensem Potenzial“, sagt Neumüller.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Eigentümer des ehemaligen C&A, in dem derzeit noch eine Flüchtlingsunterkunft untergebracht ist, sowie der neue Eigentümer der Alten Post von diesem Funken anstecken lassen und eine nachhaltige Entwicklung fördern – statt auf kurzfristige Gewinne zu spekulieren.

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