Sharehaus Refugio in Neukölln : Leben im Füreinander

In Neukölln wohnen Flüchtlinge und Berliner in einer Haus-WG zusammen.

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Angekommen: Der Dachgarten „Sharehaus Refugio“ in der Lenaustraße.
Angekommen: Der Dachgarten „Sharehaus Refugio“ in der Lenaustraße.Foto: Mohammad Al Ghamian

Eines Abends standen sie vor seiner Tür: fünf Frauen aus Somalia. Ein Schlepper hatte sie in Berlin abgesetzt und sie in der Hauptstadt ihrem Schicksal überlassen. Eine der Frauen aus dem Kriegsgebiet im Osten Afrikas hatte zufällig die Telefonnummer einer Somalierin dabei, die bereits in Berlin lebte. Die schickte sie ins Sharehaus Refugio in Neukölln. Sven Lager zögerte nicht lange. Die fünf Frauen brachte der Gründer und Koordinator des Hauses im Gästezimmer unter, von den Hausbewohnern wurden sie bekocht, versorgt.

In den nächsten Tagen erledigten Lager und die Mitbewohner die Formalitäten: Anmeldung bei der zuständigen Ausländerbehörde, eine Unterkunft in der nächsten Erstaufnahmeeinrichtung, weitere Behördengänge.

Seit Juli gibt es das Sharehaus Refugio in Neukölln. Am vergangenen Sonntag wurde das Haus in der Lenaustraße mit einem Gottesdienst offiziell eröffnet. Es ist ein Projekt der Berliner Stadtmission. Iraker, Afghanen, Syrer, Bosnier, Palästinenser leben hier zusammen. Fünf Etagen, vierzig Menschen, zwanzig davon mit Fluchthintergrund. Manche von ihnen warten seit Monaten auf einen Bescheid der Behörden, ob sie in Deutschland bleiben können oder nicht. Andere sind bereits anerkannt.

Im Sharehaus Refugio leben sie nicht nur zusammen als WG, kochen gemeinsam oder verbringen ihre Freizeit. Alle Bewohner lernen Deutsch, Tandemsprachkurse werden organisiert. Viele Ehrenamtliche kommen regelmäßig ins Haus, geben Nachhilfe, starten Kunst-und Musikangebote, unterstützen, um im Behördendschungel durchzukommen. Das Sharehaus ist mehr als ein Zufluchtsort für die Menschen, die vor Krieg, Gewalt, Hunger und Not aus ihrer Heimat flohen. Wer einziehen will, muss sich bewerben.

Jeder kann was, jeder hat Talent

„Wir haben Leute aufgenommen, die Lust haben, in rund eineinhalb Jahren etwas in ihrem eigenen Leben und in der Gesellschaft zu verändern“, sagt Lager. Das Haus ist eine Art Netzwerk, das den Startschuss und Anschub für eigene Projekte geben soll. Ein Cateringservice wird gerade aufgebaut. Im Erdgeschoss gibt es ein Café, in dem ein Teil der Bewohner in Küche und Service arbeitet und über Flüchtlingsfragen informiert. „Die Bewohner sollen die Gastgeber sein. Wir sagen ihnen nicht, was sie tun sollen“, sagt Lager.

Ein syrischer Journalist plant eine Kiezzeitung, es gibt einen Dachgarten, Werkstätten und viele weitere Ideen. Bis zu 18 Monate können die Bewohner im Sharehaus Refugio bleiben. „Jeder kann was, jeder hat Talent, gemeinsam sind wir reich.“ Mit diesem Leitspruch haben Lager und seine Frau Elke Naters das Konzept des Sharehaus entwickelt und umgesetzt.

Das erste gründeten sie in Südafrika. In Deutschland entstand das erste Haus in Kreuzberg. Flüchtlingsinitiativen, Künstler und andere Aktivisten unterstützten das Projekt, das „Experiment“, wie Lager das erste Haus nennt. Langfristig sollen die Ideen der Bewohner die Kosten des Hauses und den Lebensunterhalt der Bewohner abdecken. „Noch stehen wir am Anfang. Wir müssen erst einmal zusammenfinden und gemeinsam leben“, sagt Lager.

"Wir brauchen dringend mehr Gebäude"

Seit so viele Flüchtlinge auch in Berlin gestrandet sind, wird das Sharehaus Refugio in Neukölln immer mehr zu einer Anlaufstelle, zu einer Brücke zu den neu Ankommenden. „Die Bewohner im Haus helfen ihren Landsleuten“, sagt Lager: „Sie sind eigentlich ständig unterwegs.“ Diese dringende Aufgabe könne von den Behörden in der Form bisher gar nicht übernommen werden.

Lagers Wünsche an die Senatsverwaltung sind eindringlich. „Wir brauchen dringend mehr Gebäude“, sagt der 50-Jährige. „Es gibt viele gute motivierte Leute, die helfen wollen. Aber es gibt keinen Raum für sie.“ Auch Lager würde gerne weitere Häuser nach seinem Konzept eröffnen. „Es gibt viel Leerstand in Berlin. Der Senat müsste genau diese Gebäude für Projekte öffnen.“

Eine der geflüchteten somalischen Frauen ist im Sharehaus Refugio geblieben. Demnächst wird sogar ihr Mann zu ihr nach Neukölln in das Haus in der Lenaustraße kommen. Der war bisher in einer Männerunterkunft untergebracht. Ein Zusammenleben als Paar wird erst in Neukölln möglich werden – und eine Perspektive für ihr neues Leben in Deutschland.

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