Wohnungssuche in Berlin : Draußen vor der Tür

Wohnungssuchende müssen in Berlin viel Zeit mitbringen – oder viel Geld. Liebe Leserinnen und Leser: Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Schildern Sie Ihre Eindrücke als Kommentar unter diesem Artikel.

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Nicht nur preiswerter Wohnraum ist rar. In den begehrten Bezirken schrumpfen in Berlin die Leerstandsraten – die Preise steigen. Foto: Imago
Nicht nur preiswerter Wohnraum ist rar. In den begehrten Bezirken schrumpfen in Berlin die Leerstandsraten – die Preise steigen....Foto: IMAGO

Jörg Oberheide macht so seine Erfahrungen. Für eine renovierte Altbauwohnung in einem schönen Kiez am Prenzlauer Berg beträgt die Kaltmiete laut Mietspiegel zwischen 5,10 und 7,97 Euro. Tatsächlich werden für manche Wohnungen schon 13 Euro und mehr bezahlt. Der freie Fotograf aus Bremen hat seit Ende Mai fast jeden Tag die üblichen Immobilienseiten im Internet durchforstet, an mehreren Wochenenden eine Annonce aufgegeben und seitdem in Berlin etwa drei Dutzend Wohnungen besichtigt.

Mittlerweile ist er zum fünften Mal in der Stadt und bleibt diesmal gleich acht Tage. Das geht nur, weil er als Selbstständiger arbeitet und der Verdienstausfall ganz allein sein Problem ist. Mit der Wochenkarte klappert er je nach Angebot die für ihn attraktiven Stadtteile Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln und Schöneberg ab. Vor drei Häusern ist er gleich umgedreht, weil die Einfahrten und Treppenhäuser Bände sprachen. Einige Wohnungen waren nur einen Blick wert: heruntergewohnt und nicht einmal grundgesäubert. Manche Vermieter nutzten auch, wie in der Schönwalder Straße, die Gunst der Stunde: „Die Wohnung war mit 5,40 Euro pro Quadratmeter angeboten. Aber der Besitzer verlangte glatt 2,60 Euro mehr. Das waren dann fast 50 Prozent Aufschlag.“ In einigen Wohnungen lebte auch eine Unsitte aus West-Berliner Vorwendezeiten wieder auf: Abstandszahlungen von 500 Euro und mehr für ein altes Bett oder einen verschrammten Wohnzimmertisch und einen Ikea-Schrank.

Jörg Oberheide hat Wohnungen in Mitte und Prenzlauer Berg bei der Suche ausgeschlossen. Der Leerstand hier liegt bei etwa einem Prozent, die Preise explodieren, und er will nicht mehr als 500 bis 600 Euro warm für eine 2-Zimmer-Wohnung in attraktiver Lage bezahlen. Attraktiv heißt für ihn: Ein kurzer Weg zu U- oder S-Bahn, Bäcker und Café um die Ecke, ein bisschen Großstadtflair. „Es gibt gute Wohnungen für diesen Preis. Nur haben viele Interessenten in etwa mein Budget. Und sie teilen meine Vorstellungen von Lebensqualität. In der Liebenwalderstraße haben in der letzten Woche laut Auskunft des Vermittlungsbüros mit mir etwa 120 Leute die wirklich tolle Wohnung besichtigt.“ Oberheide ist schnell ein guter Kunde im Copyshop geworden. Alle Makler und Vermittlungsbüros verlangen neben dem obligatorisch auszufüllenden Fragebogen einen Einkommensnachweis, eine doppelseitige Kopie des Personalausweises, eine Schufa-Auskunft, manche eine Bescheinigung über die Mietschuldenfreiheit, ausgestellt durch den Vor-Vermieter, sowie Belege für bestehende Hausrat- und Haftpflichtversicherungen. Eine Hausverwaltung verlangte sogar zwei Bürgen, ohne die ein Vertrag nicht abgeschlossen werden könne. Grundsätzlich behagt ihm das ganze Verfahren nicht: „Man geht zu jedem Termin mit einem Packen von Unterlagen. Bei diversen Maklern liegen jetzt meine Kontoauszüge, und ich habe keine Ahnung, was mit ihnen geschieht.“

Wirklich ratlos macht ihn das Auswahlverfahren. „Ein Makler hat mir erzählt, er sortiere zuerst die nicht den Anforderungen entsprechenden Kandidaten aus. Das sind zum Beispiel alle, die nicht schon bei der Besichtigung ihre Unterlagen dabei haben. Dann legt er die übrigen Unterlagen auf seinen Schreibtisch und zieht aus dem Packen von 30, 40 oder 100 Bewerbern den neuen Mieter. Da kann man sich leicht ausrechnen, wie groß die Chance ist.“ Als Nächstes will er Wohnungsbaugesellschaften anschreiben und ein paar alte Kontakte mobilisieren. Aber dann gibt er zu: „Die Sache kostet mehr Kraft, als ich gedacht habe. Das ist mehr als eine Wohnungssuche. Das ist ein Lottospiel.“

Carina Engel ist sehr viel optimistischer als er. Auch sie sucht eine neue Unterkunft. Die geborene Darmstädterin wohnt in Zürich, wo sie als Cutterin arbeitet. Aber nach drei Jahren Schnitt von Industriefilmen mag sie nicht mehr frohe Botschaften über Sattelschlepper und Eigenheimbau verkünden. Sie ist für drei Tage in Berlin und findet die Situation hier, verglichen mit Zürich, „relativ entspannt“. Sie hat nur fünf Wohnungen angeschaut, möchte am liebsten noch im September nach Friedrichshain umziehen und ist „recht sicher“, einen Zuschlag zu erhalten. Die Berliner Mieten sind für sie „irgendwie niedlich“ – was verständlich ist bei Preisen von fast 2000 Euro für eine 70-Quadratmeter-Wohnung in der größten Stadt der Schweiz. Sie hat gleich zwei Maklern angeboten, sechs Monatsmieten im Voraus zu bezahlen. Und sie hat ihnen vorgeschlagen, eine dritte Monatsmiete Kaution zu zahlen, bar auf die Hand, ohne Quittung. Als sie zum Flughafen fährt, verspricht sie, sich zu melden, wenn es mit einer Wohnung geklappt hat. Drei Wochen ist das her. Angerufen hat sie bisher nicht.

Besserung am Wohnungsmarkt ist nicht in Sicht. Für die von der Investitionsbank Berlin befragten über 1000 Branchenexperten ist der Markt in Pankow, Mitte oder Charlottenburg quasi leergefegt. In Stadtteilen wie Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln wird es bald ähnlich sein. Dadurch werden auch viele Gegenden in Lichtenberg oder dem Wedding jetzt immer begehrter. Jörg Oberheide reist nächste Woche wieder an.

Liebe Leserinnen und Leser: Wohnungssuchende müssen in Berlin viel Zeit mitbringen – oder viel Geld. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Schildern Sie Ihre Eindrücke als Kommentar unter diesem Artikel.

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