Wirtschaft : In der Zinsfalle

Kapitallebensversicherungen haben Probleme, ihre Renditezusagen einzuhalten.

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Es ist der schlechteste Wert seit Jahrzehnten: 3,91 Prozent haben die deutschen Lebensversicherer ihren Kunden für dieses Jahr versprochen – im Schnitt. 2008 waren es noch 4,5 und 2002 noch rund sechs Prozent. Zwischen 80 und 90 Prozent ihres Anlagevolumens investieren die meisten Lebensversicherer in festverzinsliche Wertpapiere wie Staatsanleihen, Pfandbriefe oder Unternehmensanleihen. Allein die Allianz muss täglich 100 Millionen Euro an den Märkten unterbringen. Doch die meisten sicheren Papiere liefern nicht einmal den Garantiezins, der seit 2012 bei 1,75 Prozent liegt. Ganz zu schweigen von jenem Satz von gut drei Prozent, den die Lebensversicherer im Schnitt aller Verträge erwirtschaften müssen – weil viele Kunden noch von den früher gültigen, höheren und über die gesamte Laufzeit zugesagten Garantiezinsen profitieren.

3,2 Prozent etwa muss die Allianz Leben im Schnitt aller Verträge 2012 mindestens erzielen. Diese Sätze liefern weder Pfandbriefe noch Staatsanleihen der großen Wirtschaftsnationen. Im Gegenteil: Die Liste der Staaten, deren kurz- bis mittelfristige Papiere gar keine oder eine negative Rendite aufweisen, wird immer länger. Selbst der EU-Rettungsfonds EFSF erzielt negative Renditen. Auch Pfandbriefe schaffen nur knapp über zwei Prozent.

„Hält die Niedrigzinsphase an, dann werden mehr und mehr Versicherer Probleme bekommen“, glaubt Axel Kleinlein, Vorstandschef des Bundes der Versicherten (BdV). Allerdings profitierten viele Versicherer dank langfristiger Engagements noch von den höheren Zinssätzen früherer Jahre. Die Unternehmen zahlen ihre Zinsen nicht auf die komplette Prämie, sondern nur auf den Sparanteil, der nach Abzug aller Kosten für Verwaltung, Provision und Todesfallschutz übrig bleibt. De facto liegt die Verzinsung also deutlich niedriger. Der Bund der Versicherten beziffert die effektive, also auf die Einzahlungen bezogene Rendite (vor Inflation) zwischen ein und zwei Prozent – je nach Vertrag. Dennoch senkten die Versicherer für 2012 ihre Überschussbeteiligungen, also jenen Satz, den sie über den Garantiezins hinaus versprechen.

Die Generali schraubte den Zins von vier auf 3,6 Prozent zurück, Ergo Leben von vier auf 3,8 Prozent, Victoria von 3,7 auf 3,5 Prozent. Die Kunden von Zurich Deutscher Herold müssen für 2012 eine von 3,7 auf 3,35 Prozent abgespeckte Zinsgutschrift hinnehmen. Größere Zinsspielräume sehen dagegen Aachen Münchener mit 4,2 Prozent und der Marktführer Allianz mit vier Prozent.

Doch selbst um die reduzierten Renditen noch darstellen zu können, müssen viele Versicherer seit 2008 verstärkt in ihre Reserven greifen. Sie werden aus den Beiträgen gespeist, dienen allerdings auch der Glättung von Zinstiefs. Die Allianz Leben etwa habe 2010 und 2011 unter dem Strich 900 Millionen Euro entnommen, berichtet Sprecher Udo Rössler. Dennoch verfüge der Konzern weiter über komfortable Rücklagen in Höhe von insgesamt 18 Milliarden Euro.

Mit Nachdruck fahnden die Versicherer zudem nach rentableren Anlagen. Entdeckt haben sie dabei vor allem Infrastruktur-Projekte. So hat die Debeka 100 Millionen Euro in Solarparks und Windanlagen investiert, Signal Iduna hat Geld in 15 Solarprojekte in drei Ländern gesteckt. Die Allianz („Wir kaufen derzeit keine Bundesanleihen mehr“) arbeitet inzwischen mit einer Aktienquote von neun Prozent, kauft zur Beimischung Staatsanleihen aus Mexiko und Brasilien und hat sich 2011 auch am norwegischen Gas-Transportnetzwerk Gassled beteiligt.

Insgesamt verwalten die deutschen Versicherer knapp 1,3 Billionen Euro, davon liegen etwa 750 Milliarden bei den Lebensversicherern. Der Branchenverband GDV selbst ist alarmiert und sieht gravierende Risiken für die Altersvorsorge-Sparer für den Fall, dass sich die Ära extrem niedriger Zinsen länger fortsetzt. Die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank halte die Zinsen künstlich niedrig und stelle Liquidität zu attraktiven Konditionen zur Verfügung. „Die Kosten dieser Strategie tragen die Altersvorsorgesparer“, so der Verband. Sie müssten im Alter mit sinkenden Bezügen rechnen. Betroffen seien jedoch nicht nur die rund 85 Millionen Lebensversicherungs-Policen in Deutschland, sondern alle langfristigen Sparer.

Nach Meinung von BDV-Chef Kleinlein müssen sich die Kunden der Lebensversicherungen auch auf weiter sinkende Renditen einstellen. „Die Kunden sollten damit rechnen, dass nicht mehr als die garantierten Sätze gezahlt werden.“ Die kapitalbildende Lebensversicherung sei „kein Produkt, mit dem man sich eine vernünftige Altersvorsorge bauen kann.“

Allerdings stehen nicht nur Lebensversicherer, sondern auch die betriebliche Altersvorsorge oder die Riester-Rente vor ähnlichen Problemen. Nach Berechnungen des Anleihehauses Bantleon könnte die erwirtschafteten Renditen bis 2017 um ein Drittel schrumpfen. Statt heute vier Prozent könnten es in fünf Jahren nur noch 2,5 sein. Einem Sparer, der eine monatliche Zusatzrente von 1000 Euro eingeplant hatte, fehlten dann 350 Euro, befürchtet Bantleon. Licht am Ende des Tunnels sieht Manfred Poweleit vom Branchendienst Map-Report. „Ich sehe keinen Grund zur Panik“, so der Versicherungsexperte. Immerhin erzielten die Lebensversicherer „trotz der Zinskatastrophe“ noch höhere Erträge, als mit der Garantieverzinsung von im Schnitt 3,5 Prozent nötig seien. Poweleit: „Bis 2017 oder 2018 können die Versicherer durchhalten, erst dann wird es kritisch, wenn die Zinsen so niedrig bleiben.“ Nach Berechnungen des Map-Reports erhalten Kunden, deren Verträge Ende 2012 auslaufen, teilweise sogar höhere Ablaufleistungen als 2011.

Bei einer frühzeitigen Kündigung ihrer Verträge können Versicherer ihre Kunden künftig nicht mehr mit Brosamen abspeisen. Der Bundesgerichtshof (BGH) kippte am Mittwoch seine bisherige Rechtsprechung, die es den Versicherern erlaubt hatte, Abschlusskosten mit den ersten Beiträgen der Kunden zu verrechnen. Wer in den ersten Jahren seinen Vertrag kündigte, erhielte deshalb nur einen Bruchteil der eingezahlten Summe zurück, weil von dem Geld erst die Provisionen für die Vermittler gezahlt wurden. Das sei „eine unangemessene Benachteiligung des Versicherungsnehmers“, hieß es in dem BGH-Urteil (Az.: IV ZR 201/10).

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