Inkubatoren in Berlin : Wo aus Gründern Unternehmer werden

Die Berliner Start-up-Szene wird erwachsen. Längst züchten Profis Ideen in der Hauptstadt wie Blumen im Gewächshaus. Auch große Konzerne wollen von den innovativen Köpfen profitieren.

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Ideen wachsen lassen - und daraus einen Mehrwert für das eigene Geschäft generieren. Das ist das Prinzip der meisten Inkubatoren in Berlin.
Ideen wachsen lassen - und daraus einen Mehrwert für das eigene Geschäft generieren. Das ist das Prinzip der meisten Inkubatoren...Foto: Alexandra Fotolia

Täglich wird in Berlin mindestens ein Start-up gegründet. In der Stadt tummeln sich immer mehr Menschen, die ihr zweites oder drittes Unternehmen gründen – und ihre Erfahrung auch an andere Gründer weitergeben wollen. Die Szene professionalisiert sich. Rund um die Start-ups entsteht ein Ökosystem von Dienstleistern und Beratern. Am Anfang der Kette stehen die Inkubatoren. In diesen Brutkästen sollen Ideen zu Unternehmen heranreifen, die dann für Investoren interessant sind.

Es gibt inzwischen Dutzende von Inkubatoren – und verschiedene Spielarten. Wichtig sind die Gründerzentren der Hochschulen, wie etwa das Centre for Entrepreneurship der TU Berlin. Daneben gibt es regelrechte Trainingslager für Start-ups wie etwa das Start-up Bootcamp, wo erfahrene Gründer ihr Wissen weitergeben. Hinzu kommen große Konzerne, die festgestellt haben, dass sie beim hohen Innovationstempo der Start-ups nicht mithalten können. Sie suchen Kontakt zu jungen Firmen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Dafür steuern sie Geld, Know-how und Kontakte bei, damit die Start-ups schneller wachsen können. Accelerator heißen die Programme darum oft. Dabei engagieren sich nicht nur Internet- oder Softwareunternehmen. Auch Coca-Cola hat so ein Programm. „Innovationen sind wichtig, um weiter wachsen zu können“, erklärt eine Sprecherin. Und der Pharmakonzern Bayer startet im Mai seinen CoLaborator in Berlin. Es ist der zweite nach San Francisco.

Rocket Internet hat das Gründen industrialisiert

Der wichtigste und sicher auch der umstrittenste Inkubator der Stadt ist Rocket Internet, die Start-up-Fabrik der Samwer-Brüder. Rocket sieht sich selbst als der größte Inkubator weltweit. Nur ein paar Zahlen: Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden dort rund 100 Firmen gegründet – und eine eingestellt. In nur einem Jahr (2013) sammelte Rocket für sich und seine Unternehmen zwei Milliarden Dollar von Investoren ein. Aktuell hat Rocket etwa 75 Firmen im Portfolio, die in 50 Ländern weltweit Geschäfte machen. Insgesamt beschäftigen die Rocket-Unternehmen rund 27 000 Mitarbeiter, zusammen machen sie einen konsolidierten Umsatz von rund drei Milliarden Euro.

Rocket Internet hat das Gründen von Start-ups industrialisiert. Dabei konzentriert sich das Rocket-Team auf Geschäftsmodelle, die bereits bewiesen haben, dass sie funktionieren. Das hat Rocket den Ruf eingebracht, gute Ideen nur zu kopieren, aber keine eigenen zu haben. Tatsächlich ist Rocket wie kaum ein anderes Unternehmen in der Lage, aus Berlin heraus ein Geschäftsmodell von Afrika bis Indien zu implementieren – und erfolgreich zu machen.

Die Gründer verstehen sich eher als Manager

Dabei investiert Rocket nur in Internetgeschäftsmodelle und nur in solche, die das ganz große Publikum ansprechen. Schuhe über das Netz zu verkaufen, zum Beispiel. Heraus kam Zalando und Zalando funktioniert – unter anderem Namen – in der ganzen Welt. „Wir machen Burger und Bier“, sagen die Leute von Rocket. Und: „Rocket ist allein von Zahlen getrieben, nicht emotional.“

Rocket muss Gründer nicht suchen, sondern hat zu jeder Zeit potenzielle Kandidaten schon im Haus. In der Regel verfügen sie über den Master-Abschluss einer Elite-Uni und drei bis fünf Jahre Berufserfahrung bei einer Unternehmensberatung oder Investmentbank. Sie arbeiten gern und viel und wollen nun selbst Chef werden. Rocket identifiziert erfolgversprechende Geschäftsmodelle und sucht dann aus seinem Pool das passende Team. Die Gründer sind hier also eher Manager. Sie erhalten zwar einen Anteil an ihrem Unternehmen, aber nur einen geringen. Denn – auch das ist ein großer Unterschied zu anderen Inkubatoren – die Unternehmen starten mit einer zweistelligen Millionen-Finanzierung vom ersten Tag an.

Der weite Bogen um Silicon Valley ist Absicht

Außerdem profitieren sie von dem Netzwerk, das Oliver Samwer und seine Brüder in den vergangenen 15 Jahren weltweit geknüpft haben. Und von dem Know-how, das in der Berliner Zentrale entstanden ist, denn natürlich muss nicht alles für jede Firma neu entwickelt werden. 250 Leute arbeiten direkt bei Rocket in Berlin. So können neue Internetportale in nur wenigen Wochen entstehen. Wenn ein Unternehmen allerdings so groß wird wie Zalando, hat es längst eigene, unabhängige Strukturen aufgebaut. Mit Rocket hat Zalando heute nichts mehr zu tun.

Und noch einen wesentlichen Unterschied zu anderen Inkubatoren gibt es: Während fast alle Start-ups mit internationalen Ambitionen ins Silicon Valley oder wenigstens in die USA schielen, macht Rocket einen Bogen um Nordamerika. Auch das ist knallhart kalkuliert: Mit der gleichen Investitionssumme lässt sich in anderen Ländern mehr erreichen, ist man bei Rocket überzeugt. Da investieren sie lieber in Indien, Brasilien oder Afrika. China bleibt außen vor, politische Risiken scheut Rocket Internet.