"Eines Tages werden auch die Chinesen auf die ISS kommen"

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 Brauchen wir die teure bemannte Raumfahrt überhaupt?

Der Charme der ISS ist, dass sich Russen, Amerikaner, Europäer und weitere Nationen die Station teilen. Das ist für die Frage, wie arbeitet die Welt zusammen, ein gutes Signal. Die ISS ist als politisches Projekt entstanden und war ein bedeutendes Symbol für das Ende des kalten Krieges. Die Station wird jetzt wissenschaftlich genutzt und dient beispielsweise Medizinern, Biologen oder Materialforschern dazu, Grundlagen besser zu verstehen und so bessere Therapien oder Werkstoffe zu entwickeln. Die Zukunft gehört meines Erachtens allerdings der Robotik, die solche Untersuchungen kostengünstiger und ohne Gefährdung von Menschen möglich macht.

Die Chinesen sind nicht beteiligt, obwohl sie das gern wären. Die USA stellen sich quer.

Das wird sich sicherlich noch ändern. Ich glaube, dass eines Tages auch ein Chinese auf der Station zu Gast sein wird.

Um die Zukunft der ISS verhandeln die ESA-Minister im Dezember. Einer der größten Streitpunkte dürfte dort auch die Zukunft der Ariane-Rakete sein. Sie setzen auf eine Weiterentwicklung, genannt Ariane-5 ME. Warum?

Es geht vor allem um die Frage, was der kostengünstigste Weg ist, um den europäischen Zugang zum All zu sichern. Nach unserer Vorstellung ist das die Weiterentwicklung der Ariane 5, die ja schon viele Jahre erfolgreich fliegt. 

Doch auch bei der Ariane-5 ME werden die Starts weiterhin wesentlich teurer sein als die der Konkurrenz, etwa bei der US-Firma SpaceX.

Das stimmt nach der derzeitigen Preistafel, aber das Problem hätten wir auch mit einer Neuentwicklung.

Braucht Europa überhaupt eine eigene Transportrakete?

Ja. Die Bedeutung eines europäischen Zugangs zum Weltall sieht man gerade jetzt während der Ukraine-Krise. Da kann Europa schnell zwischen die Interessen der Amerikaner und der Russen geraten. Aber wir müssen sicher sein, dass wir unsere Satelliten auch künftig ins All bekommen - denn auf die Daten, die die Satelliten liefern, sind wir inzwischen angewiesen. Deswegen ist es aus meiner Sicht wichtig, dass die Europäer eine eigene Startmöglichkeit haben.

Was wird bei der Ministerratskonferenz außerdem wichtig sein?

Die Frage, wie sich die europäische Raumfahrtagentur ESA weiterentwickelt. Ich möchte, dass sie in der jetzigen Form bestehen bleibt und nicht in der EU aufgeht.

Warum nicht?

Sie ist nicht deckungsgleich bei den Mitgliedsstaaten. Wir haben auch die Schweiz und Norwegen dabei, die nicht zur EU gehören. Und es gibt einige Länder, die nicht dabei sind, aber EU-Mitglieder sind. Wir sollten diese Länder nicht dazu bringen, bei etwas mitzumachen, was sie nicht wollen. Und wir haben bei der ESA immer einen guten return of invest: Das, was wir an Geld hineingeben, kommt in Form von Forschungsmitteln und Arbeitsplätzen nach Deutschland zurück. Damit sind wir sehr gut gefahren, das wollen wir beibehalten.

2015 wird der ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain in den Ruhestand gehen.

Und wir möchten, dass der Nachfolger aus Deutschland kommt.

Als möglicher Kandidat wird der DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner gehandelt. Würden Sie seine Bewerbung unterstützen?

Bisher gibt es noch nicht einmal eine Ausschreibung - aber Herr Professor Wörner wäre ohne Zweifel hervorragend geeignet.

Zur nationalen Raumfahrt. Ihr Amtsvorgänger Peter Hintze hat lange Zeit für eine unbemannte Mondmission unter der Führung Deutschlands geworben. Haben Sie ein ähnliches Herzensprojekt?

Mein Anliegen ist es, die Felder zu stärken, die zu Nutzanwendungen auf der Erde führen. Hier sehe ich gerade für die mittelständischen Firmen in der Luft- und Raumfahrt besondere Chancen. Ich habe bereits eine Reihe von Unternehmen besucht, um zu schauen, wie wir diese noch besser positionieren können, auch international. Bei der Satellitentechnik zum Beispiel sind einige deutsche Firmen weltweit führend. Dort schließen sich aber noch weitere Geschäftsfelder an. Viele Apps wären gar nicht möglich, wenn wir nicht kontinuierlich Daten aus dem Weltraum bekommen würden. Neulich wurde auch der erste Copernicus-Satellit für die Erdbeobachtung gestartet. Seine Daten stehen offen zur Verfügung und können von jedem, der eine gute Idee hat, genutzt werden. Diesen Weg wollen wir weitergehen.

Für die Astronomen hingegen läuft es schlecht. „Sofia“, einem umgebauten Jumbojet mit einem Spezialteleskop im Heck, droht die Stilllegung, weil die Amerikaner die Finanzierung von 84 Millionen Dollar im Jahr auf 12 Millionen kürzen wollen. Dem mehr 1,25 Milliarden Dollar teuren Projekt von Nasa und DLR droht nach nur drei Jahren das Aus.

Wir sind dazu mit den Amerikanern in intensiven Gesprächen auf verschiedenen politischen Kanälen. Wir versuchen, sie davon zu überzeugen, dass es keine kluge Entscheidung ist, Sofia auf den Boden zu zwingen.

Eine Lösung wäre, dass Deutschland seinen Anteil von 20 Prozent an allen Kosten erhöht.

Es gibt Vereinbarungen. An die muss sich jedes Land als Vertragspartner halten. Es kann nicht sein, dass Deutschland seinen finanziellen Beitrag erhöht, wenn ein anderes Land sagt, sie zahlen nicht mehr.

Nun ist es nicht das erste Mal, dass die Nasa ein internationales Vorhaben einfach kürzt.

Das mag sein, aber das ist keine Entschuldigung. Unser Ziel ist es, die Amerikaner zu überzeugen, dass das in die Forschungsvorhaben von Sofia investierte Geld gut investiertes Geld ist.

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