Interview : "Mit der Existenzgrundlage von Milliarden Menschen spekuliert man nicht!"

Bundesagrarministerin Ilse Aigner will Nahrungsmittelspekulationen und dem Landraub in Entwicklungsländern einen Riegel vorschieben.

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Ilse Aigner (48) ist seit Oktober 2008 Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die gelernte Elektrotechnikerin will als Chefin des mächtigen CSU-Bezirks Oberbayern im September in Bayern bei der Landtagswahl kandidieren und nicht mehr für den Deutschen Bundestag antreten. Am Sonntag ist sie zu ihrer letzten Auslandsreise als Ministerin aufgebrochen. Ihre fünftägige Reise führt sie nach Äthiopien und Südafrika.
Ilse Aigner (48) ist seit Oktober 2008 Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die gelernte...Foto: Mike Wolff

Frau Aigner, von den sieben Milliarden Menschen auf der Welt leben eine Milliarde in Armut, 850 Millionen hungern. Ist nicht genug für alle da?
Rein rechnerisch wären genug Nahrungsmittel da, um alle Menschen satt zu bekommen. Aber sie sind oft nicht dort, wo man sie braucht. Und es werden nach wie vor zu viele Lebensmittel verschwendet.

Das klingt nach einem Luxusproblem.

Bei uns in Europa ist es das auch. Aber in Afrika ist das anders. Da werden keine verwertbaren Lebensmittel weggeworfen, sondern die Verluste entstehen bereits auf dem Feld, bei der Lagerung oder beim Transport. Bis zu 60 Prozent der Ernte verdirbt. Wenn man die gesamte Ernte auf den Teller bringen würde, wäre im Kampf gegen den Hunger schon viel gewonnen.

2050 wird es Hochrechnungen zufolge auf der Erde neun Milliarden Menschen geben. Ist der Hunger programmiert?

Nein, aber es wird ein hartes Stück Arbeit, alle Menschen zu versorgen.

Wie kann das gelingen?

Indem Verluste reduziert und gerade in den notleidenden Ländern Afrikas alle Flächen genutzt werden, die sich zur nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion eignen. Und man muss in allen Ländern der Welt vernünftige Strukturen schaffen. Wir brauchen korruptionsfreie, demokratische, rechtsstaatliche Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, einen freien Zugang der Bevölkerung zu Land und Bildung.

Sie besuchen jetzt Äthiopien. Das Land ist fruchtbar. Jedes Jahr verlassen eine Million Tonnen Lebensmittel das Land. Das sind Nahrungsmittel, die Chinesen, Saudis oder Inder dort für ihre Heimatländer oder den Weltmarkt anbauen. Während dessen hungert die äthiopische Bevölkerung. Wie kann das sein?

Hier werden zu recht kritische Fragen gestellt. Im vergangenen Jahr ist es uns gelungen, auf UN-Ebene freiwillige Leitlinien zu verabschieden, die den Zugang der Bevölkerung zu Land sicherstellen und die den Verkauf oder die Verpachtung von Land an ausländische Investoren zügeln sollen. Das ist ein wichtiger Schritt. Aber man sollte Investoren nicht generell verteufeln. Viele Länder in Afrika können von ausländischen Investitionen profitieren – wenn die Einnahmen etwa in Infrastruktur und Bildung für die eigene Bevölkerung fließen.

Das Geld für das Landgrabbing fließt aber oft nur in die Kassen der herrschenden Elite.

Wir können zeigen, dass es anders geht. In Äthiopien hat mein Ministerium zum Beispiel ein Weiterbildungszentrum für Bauern aufgebaut, das ich jetzt eröffnen werde. Wissen ist die Grundlage für Veränderungen. Wir unterstützen daher Partnerschaften zwischen Bauernverbänden und mit der Wirtschaft, die Know-how in das Land bringen sollen.

Wie sollen die Menschen vor Ort ihr Wissen anwenden, wenn ihnen Ausländer das Land wegschnappen?

Die Freiwilligen Leitlinien zeigen, wie ein Landtransfer aussehen muss, unter Berücksichtigung der Rechte der lokalen Bevölkerung. Sie müssen jetzt vor Ort umgesetzt werden. Das wird ein wichtiges Thema auf meiner Reise sein. Ich werde hier nicht locker lassen.

Sie können aber niemanden zwingen, die Leitlinien umzusetzen. Gerade schwache Regierungen werden das nicht tun.

Es war ein zähes Ringen, diese Leitlinien mit 160 Staaten zu vereinbaren. Das ist uns gelungen und jetzt werden sich die Staaten daran messen lassen müssen. Es gibt keine Weltpolizei, die eine Umsetzung einfordern kann. Das ist klar. Stattdessen arbeiten wir mit den Nichtregierungsorganisationen zusammen, die die Umsetzung verfolgen. Der politische Druck ist hoch und wir müssen ihn weiter aufrechterhalten.


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