Interview mit NGG-Chefin Rosenberger : „In der Dönerbude gibt es keine Gewerkschaft“

Michaela Rosenberger, Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, über Geschichte, Mindestlohn und Solidarität.

Alfons Frese
Michaela Rosenberger ist seit 2013 Chefin der NGG.
Michaela Rosenberger ist seit 2013 Chefin der NGG.Thilo Rückeis

Frau Rosenberger, wie ist das Leben?

Mein Leben ist schön, wenn Sie das meinen.

Das meine ich auch, aber vor allem das Wirken Ihrer Gewerkschaft, die ja in diesem Jahr „150 Jahre Kampf für ein besseres Leben“ feiert.

Wir können recht zufrieden sein mit dem, was wir erreicht haben. Vor allem auch in diesem Jahr mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Und bei den erwerbstätigen Mitgliedern haben wir das achte Jahr in Folge eine positive Entwicklung. Insgesamt ist unsere Mitgliederzahl seit einigen Jahren stabil.

Trotzdem ist der Schwund enorm: Mitte der 1990er Jahre zählte die NGG 320 000 Mitglieder, heute sind es knapp 206 000.

Nach der Vereinigung hatten wir plötzlich diesen Mitgliederanstieg, doch einen erheblichen Teil dieser Mitglieder haben wir leider auch schnell wieder verloren, denn zum einen gab es nun die Wahl, will ich überhaupt Mitglied einer Gewerkschaft sein, und zum anderen gab es für viele dann gar keine Wahl mehr, weil der Arbeitsplatz weg war. Ein Beispiel: In unserer Region Rostock hatten wir vor 20 Jahren allein über das Fischkombinat rund 30 000 Mitglieder, heute sind es in der gesamten Region noch 2000.

Wenn wir nur die Gastronomie nehmen mit etwa 1,5 Millionen Beschäftigten hierzulande, dann ist es doch erstaunlich, wie wenige davon in der Gewerkschaft sind.

Ja, aber gut die Hälfte dieser 1,5 Millionen sind Minijobber, und viele arbeiten in ganz kleinen Betrieben mit zwei oder drei Beschäftigten. In der Dönerbude und in der Eckkneipe gibt es keine gewerkschaftliche Tradition, da haben wir auch keinen Zugang zu den Menschen.

Was ist mit den Hotels?

Wir sind in der Kettenhotellerie gut vertreten. Aber diese Ketten haben auch unzählige Hotels in der ganzen Republik, oftmals kleine Häuser, in denen es weder Betriebsrat noch Gewerkschaftsmitglieder gibt. Je kleiner der Betrieb, desto schwieriger ist es mit der Mitbestimmung. Dennoch gewinnen wir im Gastgewerbe, vor allem in der Systemgastronomie, neue Mitglieder.

Warum verstehen so wenige, dass die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft eine Voraussetzung ist für ordentliche Arbeitsbedingungen?

Da müssen Sie die Menschen fragen. Wir hatten ja in den vergangenen Jahrzehnten schon ein Imageproblem: Viele haben mit Gewerkschaften – auch durch die Medien befördert – Krawallmacher, Blockierer oder Betonköpfe assoziiert. Dieses Problem haben wir inzwischen nicht mehr, die Menschen haben erkannt, wie wichtig wir sind, dennoch bekommen wir nur mühsam neue Mitglieder.

Und wie wird das besser?

Wenn der Gedanke der Solidarität bei den Leuten nicht vorkommt, wenn jeder meint, er sei nur seines eigenen Glückes Schmied – dann ist das schwierig. Viele kommen erst zu uns, wenn es zu spät ist, wenn zum Beispiel der Arbeitsplatz in Gefahr oder sogar schon verloren ist.

Vielleicht passt Solidarität nicht in die individualisierte Gesellschaft.

Im Gegenteil, wir sollten mit dem Begriff wieder offensiver umgehen. Überall stellen wir doch die Entsolidarisierung fest, zuletzt bei der Bahn, da will eine Spartengewerkschaft ihre ganz eigenen Interessen durchsetzen. Schauen Sie sich die Ärzte an, die ihre eigenen Tarifverträge verhandeln, ohne die Krankenschwestern. Wenn die vermeintlich Stärkeren bewusst ihr eigenes Ding machen, ist das nicht gut für die Belegschaften und die Betriebe. Es ist doch absurd, wenn im Flugzeug die Stewardessen und Stewards zu einer anderen Gewerkschaft gehören als die Piloten und das Sicherheitspersonal am Boden.

Das ist Tarifpluralität.

Ja, aber das bringt doch niemanden weiter, wenn man gegeneinander im Wettbewerb steht. Das unterhöhlt die Solidarität der Arbeitnehmer untereinander.

Der Bundestag will das mit dem Gesetz über die Tarifeinheit verhindern.

Schlichten Egoismus bekämpft man nicht mit einem Gesetz, sondern mit einer Wiederbelebung der Solidarität. Das Krankenhaus funktioniert nur dann gut, wenn Ärzte und Krankenschwestern gute Arbeitsbedingungen haben. Und um einmal in unsere Geschichte zu schauen: Wir waren die erste Gewerkschaft, die mit einem Entgeltrahmenabkommen die Trennung in Arbeiter und Angestellte aufgehoben hat. Das hat ebenso mit Solidarität zu tun wie heute die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns.

Es gibt kein größeres Symbol für die Schwäche der Gewerkschaften wie den Mindestlohn: Da man selber keine Tarife durchsetzen kann, muss der Gesetzgeber helfen.

Das ist so. Wir haben aber dem Gesetzgeber erst Beine gemacht, indem wir mehr als zehn Jahre für den Mindestlohn gekämpft haben. Die Notwendigkeit eines gesetzlichen Mindestlohns liegt aber weniger in der Schwäche der Gewerkschaften begründet, als in der fehlenden Tarifbindung. Verbandsaustritte der Unternehmen und sogenannte OT-Verbände, also Arbeitgeberverbände ohne Tarifbindung, haben den Flächentarifvertrag kaputt gemacht. In der Konsequenz brauchen wir den Mindestlohn.

Wird er auch gezahlt?

Es gibt noch immer Versuche, über die Verlängerung der Arbeitszeiten ohne entsprechende Bezahlung den Mindestlohn zu unterlaufen. Alles in allem haben wir aber einen kulturellen Wandel erreicht, weil es nun auch Rechtssicherheit gibt. Wir sollten auch nicht geringschätzen, dass es mit Hilfe des Mindestlohns ein bisschen gerechter in unserer Gesellschaft zugeht. Es war doch ein Armutszeugnis, dass wir in diesem reichen Land Stundenlöhne von vier oder fünf Euro hatten. Das ist vorbei, die Ausbeutung von Menschen als Geschäftsidee greift nicht mehr.

Im Ergebnis müssen die Verbraucher mehr zahlen – beim Bäcker oder beim Friseur.

Aber das ist doch alles verträglich. Der Verbraucher, der ein anständiges Brötchen in einem Handwerksbetrieb kauft und nicht in einem SB-Laden, der ist auch bereit, ein paar Cent mehr zu bezahlen. Alles in allem hat sich das Geschrei um den Mindestlohn gelegt

Wie laufen die Kontrollen?

Die Kollegen vom Zoll machen das ziemlich zielgenau, weil die ihre Pappenheimer ja kennen. Aber selbstverständlich brauchen wir die 1600 zusätzlichen Kontrolleure, die von der Regierung auch zugesagt wurden.

Vor allem kleine Firmen klagen über die Dokumentationspflicht.

Das musste doch bislang auch schon gemacht werden. Jetzt droht allerdings eine Strafe, wenn die Arbeitszeit nicht dokumentiert wird. Falls die Dokumentationspflicht gelockert wird, wackelt der Mindestlohn. Aber ich gehe davon aus, dass sich Arbeitsministerin Andrea Nahles auf keinen Kuhhandel einlässt und alles so bleibt, wie es im Gesetz steht. Selbst das Gastgewerbe sagt ja inzwischen, dass die Probleme der Branche nicht mit dem Mindestlohn zusammenhängen.

Die Betriebe würden gerne länger arbeiten lassen als die maximal zehn Stunden, die nach Gesetz möglich sind.

Das wirkliche Problem ist der Fachkräftemangel. Das Gastgewerbe hat aber den Zusammenhang zwischen Bezahlung und Arbeitszeit auf der einen Seite und Fachkräftemangel auf der anderen Seite noch immer nicht verstanden. Sehr schade. Viele Hotels, Pensionen oder Gaststätten sind zwar Mitglied in einem Verband, aber sie zahlen keinen Tarif. Wer will denn da arbeiten? Es gibt immer noch viele Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen stecken. Trotz Mindestlohn. Arbeitsplätze, die nicht sicher sind, gibt es noch jede Menge.

Wären Sie nicht viel lieber IG-Metall-Chefin von Baden-Württemberg, wo Sie ruckzuck 50 000 selbstbewusste, gut qualifizierte und kampferprobte Facharbeiter auf die Straße bringen könnten?

Streiks oder große Protestaktionen bekommen wir auch hin. Es vergeht kein Tag, an dem bei uns nicht irgendwo in der Republik ein Warnstreik stattfindet. Das wird natürlich weniger wahrgenommen, denn es sind ja oft nur Betriebe mit 40 oder 50 Beschäftigten. Aber was ist denn schwieriger: In so einem Betrieb auf die Straße zu gehen, wo der Arbeitgeber jeden Arbeitnehmer persönlich kennt, oder in einem Konzern mit 100 000 Beschäftigten? Vor diesen Menschen habe ich eine riesengroße Achtung, und für diese Menschen mache ich mit Freude Gewerkschaftsarbeit.

Michaela Rosenberger, 1960 in Schleswig-Holstein geboren, machte nach der Realschule eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Sie arbeitete als Berufsschullehrerin und ist seit 1992 hauptamtlich für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten tätig (NGG). 2013 wurde sie als Nachfolgerin von Franz-Josef Möllenberg an die NGG-Spitze gewählt. Die NGG ist die älteste Gewerkschaft Deutschlands. Eine ihrer Vorläuferorganisationen, der Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein, wurde 1865 in Leipzig gegründet. Aktuell hat die Gewerkschaft 205 000 Mitglieder, diese arbeiten vor allem in der Ernährungsindustrie und im Gastgewerbe.

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