• Interview mit Ökonom Dennis Snower: "Gefühl, dass man sehr entfernt von der Alltagswelt der Menschen ist"

Interview mit Ökonom Dennis Snower : "Gefühl, dass man sehr entfernt von der Alltagswelt der Menschen ist"

Professor Dennis Snower vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel soll die Bundesregierung bei der G20-Ratspräsidentschaft für 2017 beraten. Ein Gespräch über Think-Tanks, Brexit, Banken und Globalisierung.

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Das Kanzleramt von Angela Merkel, hier auf dem G20-Gipfel im türkischen Antalya 2015, bereitet sich auf die Präsidentschaft 2017 vor.
Das Kanzleramt von Angela Merkel, hier auf dem G20-Gipfel im türkischen Antalya 2015, bereitet sich auf die Präsidentschaft 2017...Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Herr Professor Snower, warum sind Ihr Institut für Weltwirtschaft und das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) ausgewählt worden, die Gruppe der Think-Tank 20 zu koordinieren?

Das DIE ist schon lange im T20-Prozess involviert, hat also viel Expertise – speziell auf dem Feld der Entwicklungspolitik. Auch unser Institut für Weltwirtschaft hat natürlich eine Reputation in wirtschaftspolitischer Beratung,wir sind aber noch nicht so lange beim T20-Prozess dabei. Das IfW interessiert sich aber traditionell für die Probleme, bei denen es globale wirtschaftliche Zusammenhänge gibt und für die kein Land allein die Verantwortung übernehmen kann. Finanzkrisen, Klimawandel und Armut sollte man zusammen betrachten. Vor diesem Hintergrund veranstalten wir jedes Jahr das Global Economic Symposium. Insgesamt fühlen sich unsere Institute optimal ergänzt. Zudem empfinde ich den Austausch mit Professor Messner persönlich und intellektuell als sehr anregend.

Ihre bereits für 2017 gesetzten G20-Themen reichen von Migration, Flucht, über Energiewende und Haushaltspolitik bis zum digitalen Wandel. Wie wollen sie sich dabei nicht verzetteln?

Wir werden einen Neubeginn wagen. Wir werden im Rahmen der T20 weniger andere Institute um Meinungen bitten zu all den vielen Themen, zu denen sie Meinungen haben. Wir werden stattdessen thematische Fäden knüpfen, die für die Bundesregierung von besonderem Interesse sind. Wir werden Institute in aller Welt finden, die diese Spezialthemen bearbeiten können. Dann soll es einen Dialog mit den zuständigen Ressorts geben über die Relevanz unserer Vorschläge. In einem dritten Schritt formulieren wir Antworten. So stellen wir uns den neuen Prozess zur Unterstützung der G20 vor. Das wird nicht einfach, wir müssen uns fokussieren.

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Inwieweit nimmt die Bundesregierung Einfluss auf die Inhalte?

Natürlich gewährt sie den Think-Tanks völlige Autonomie, sich mit den Themen zu befassen, die sie wollen. Aber wir wollen auch, dass sich die Debatten auf die Themen konzentrieren, auf die die jeweilige Präsidentschaft setzt. Es geht um Kohärenz der politischen Vorschläge und eine Kontinuität von der einen zu anderen Präsidentschaft. Sonst kann man realpolitisch wenig erreichen. Wir befassen uns bewusst mit den längerfristigen Themen, mit einem über Jahre laufenden Diskurs, in der Erwartung, dass man ihn auch zu Ergebnissen führen kann.

Der US-Amerikaner Dennis Snower ist seit 2004 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.
Der US-Amerikaner Dennis Snower ist seit 2004 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.Foto: IfW/Christina Kloodt (promo)

Mit welchen konkreten Instrumenten wollen Sie nachhaltige Debatten pflegen?

Eben nicht, indem wir ein möglichst dichtes Netzwerk aus möglichst vielen Think-Tanks knüpfen, bezogen auf diverse Themen. Zusätzlich zur gewohnten T20-Website, wo alle Aktivitäten dargestellt werden, soll es eine T20-Insight-Plattform geben, wo man die thematischen Fäden, die verschiedene Politikvorschläge verbinden, bequem verfolgen kann.

Welchen Mehrwert soll eine derartige Plattform konkret bieten?

Wir werden Task-Forces bilden, für die Themen, die für die Bundesregierung von besonderem Interesse sind. Die Task-Forces werden Output erzeugen: So genannte Policy Briefs, also allgemeinverständliche Zusammenfassungen von Themen. Dazu erstellen wir weitere Artikel, forschungsbasierte Analysen, Monitoring-Berichte für längerfristige Entwicklungen in verschiedenen Ländern. Die Policy Briefs sollen möglichst kurz und knapp gehalten werden, in nicht mehr als 3000 Wörtern als praktische Unterstützung für die politischen Entscheidungsträger. Das wird hoffentlich ein praktischer Mehrwert sein.

Das klingt nach sehr viel Arbeit.

Wir sind ja aber nicht die ersten, die sich mit diesen Themen befassen. Alle bisherigen Beschlüsse und Abkommen sind bereits dokumentiert und verfügbar. Es geht uns darum, diese zusammenzufassen, das bereits Erreichte zu Themen zu bündeln, um für praktische Übersichtlichkeit zu sorgen.

Zusammenfassend: Welches Ziel haben sie sich gesteckt?

Wir wollen forschungsbasierte Lösungsvorschläge zu wichtigen Problemen, die zum Großteil von der Bundesregierung bestimmt werden, entwickeln und verständlicher Form präsentieren. Sind die Ideen nicht schnell zu verdauen, kann man Probleme nur schwer lösen.

Sie haben ab nun direkten Zugang zu den mächtigsten Menschen der Welt. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Für mich wäre es die größte Genugtuung, wenn ich das Gefühl hätte, dass ich in meinem Beruf irgendwie dem Allgemeinwohl förderlich sein kann.

Wie behält man als Berater der Mächtigen das Allgemeinwohl im Blick?

Das ist nicht ganz leicht. Wenn man sich wie ich täglich die großen Probleme der Menschheit anschaut, analysiert, Lösungsvorschläge erarbeitet, hat man oft das Gefühl, dass man sehr entfernt von der Alltagswelt der Menschen ist. Man muss dann immer wieder die Implikationen von Entscheidungen für den Alltag herunterbrechen und versuchen, die Ohnmacht der Leute zu verstehen, die wenig Einfluss auf diese großen Weltgeschehnisse haben. Wenn man wie wir jetzt die Möglichkeit hat, persönlich mit den Entscheidungsträgern aus verschiedenen Ländern um diese Fragen zu ringen, ist das eine Chance und sicher auch eine tolle Erfahrung. Und wenn es uns gelingt, den G20-Prozess dauerhaft zu begleiten, dann glaube ich, hat sich das Institut für Weltwirtschaft gefunden und ist da, wo es schon immer sein sollte.

Also ist die Koordination der T20 vor allem gut für IfW und DIE?

Auch, ja. Aber wir machen uns überhaupt keine Illusionen: Am Ende wird niemand fragen, wer all die Ideen entwickelt hat, oder wer die T20 organisiert hat? Man wird fragen: Welche Ideen sind aus der G20 herausgekommen? Das Höchste der Gefühle für ein Institut ist, wenn konkrete Ideen aufgegriffen werden. Wenn man als Institutsleiter nur die Absicht verfolgen würde, dass diese Ideen der eigenen Institution zugewiesen werden, dann ist das meistens der Tod der Initiative.

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