Interview mit Thomas Sattelberger : "Enge Führung ist der Tod von Innovation"

Deutschland braucht eine neue Führungskultur, meint der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger. Mitarbeiter sollten mehr Entscheidungsspielraum bekommen, besser motiviert werden.

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Herr Sattelberger, wie müssen sich Unternehmen für die Zukunft aufstellen?

Unternehmen brauchen flache Hierarchien, Netzwerkarbeit statt Ab-Teilungsdenken - und eine andere Führungskultur. Viele arbeitende Menschen wollen keinen Vorgesetzten mehr, der strikte Anweisungen gibt, Ziele setzt, seine Mitarbeiter kontrolliert und ihnen einmal im Jahr eine Leistungsbewertung gibt.

Sondern?

Sie möchten eher einen Coach als Chef, der empathisch ist, sie inspiriert und motiviert. Das ist spannend, denn enge Führung ist der Tod von Innovation.

Nicht nur das. Sie haben einmal gesagt, die alte Führung sei für die Krisen bei den Banken und VW verantwortlich.

Das stimmt auch. Manager wie Ackermann und Winterkorn haben exzessive Ziele gesetzt, die gar nicht erreicht werden konnten. Da ist schummeln schon fast eine logische Konsequenz, wenn man nicht geköpft werden will. Dazu kam ihre offen autoritäre, autokratische Führung. Ihre Rüdheit. Winterkorn hat Mitarbeiter öffentlich gedemütigt. Der frühere Finanzchef der Zurich Versicherung, der sich das Leben nahm, gab seinem Vorgesetzten Josef Ackermann in seinem Abschiedsbrief eine Teilschuld.

Was hieße eine weniger strikte Führung für die Mitarbeiter?

Sie müssen mehr eigene Entscheidungen treffen. Negativ gesehen bedeutet das mehr Druck durch Verantwortungsübernahme, positiv gesehen mehr Freiheit in der Arbeit. Und weil die Geschäftsmodelle digitaler, technologiegetriebener werden, brauchen die meisten andere Skills. An führenden US-amerikanischen Hochschulen haben BWL-Studenten inzwischen Pflichtsemester in MINT-Fächern - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Welche Fähigkeiten werden noch wichtig?

Weil wir Menschen älter werden, Pflege brauchen, wird gleichzeitig die komplexe Beziehungsarbeit wichtiger. Roboter beispielsweise können Tabletten reichen, aber Patienten brauchen auch das Gespräch. Echte Fürsorge. Da stellt sich dann gesellschaftlich die Frage nach der Wertschätzung dieser Arbeit.

Warum wird Maschinenarbeit teurer entlohnt als Pflegearbeit? Warum gehen so viele Ärzte und Pflegekräfte nach Skandinavien oder in die Schweiz?

Wegen der Anerkennung, der Arbeitskultur und dem Verdienst. Man sieht in Deutschland die geschichtlich tiefe Verwurzelung in der Maschinenwelt. Sie waren im Silicon Valley. Ein Deutscher mag die Nase rümpfen, dass Angestellte dort auch privat vereinnahmt oder gar Eizellen eingefroren werden koennen. Statt sich an sowas aufzuhängen, sollten wir lieber sehen, dass dort Arbeitswelten ganz neu designed werden.

Was genau könnte Deutschland von dort lernen?

Die Deutschen tun sich schwer damit zu experimentieren. Ingenieure müssen hier perfekte Arbeit leisten, es gibt in vielen Betrieben eine Null-Fehler-Kultur. Das ist im Maschinenbau auch richtig. Deswegen haben unsere Produkte weltweit einen so guten Ruf.

Aber?

Eine Idee muss nicht immer bis zur Perfektion durchgestylt sein. So wird man zwar 120-prozentig, aber nicht unbedingt innovativ. In einer Welt, in der immer weniger planbar ist, ist eine pragmatische Experimentierkultur wahrscheinlich der bessere Weg.

Glauben Sie, dass die Debatte um Arbeit 4.0 das anstoßen wird?

Nein, ich habe Sorge, dass dieses Umdenken nicht rechtzeitig stattfindet. Die Debatte bezieht sich viel zu stark auf den Schutz von Arbeit in Industrie und Dienstleistung und berührt viel zu wenig die Welt von Millionen in der Kreativ- und Wissensarbeit. Eigentlich müsste Deutschland das Land werden, wo Menschen in all diesen Branchen freier und souveräner sein dürfen, wo sie Freude an ihrer Arbeit haben und Sinn in ihr sehen. Das bezweifeln Sie aber scheinbar. Deutsche Politiker, Manager und Gewerkschafter sind gerne misstrauisch, haben Angst, dass etwas schief geht, dass sie Kontrolle verlieren. Und Macht. Deswegen normieren sie lieber alles und lassen den Arbeitnehmer unmündig. Jetzt klingen Sie pessimistisch. Die digitale Revolution wird uns Anstand lehren. Trotzdem wird versucht, das alte Arbeitsregime über die neue Welt zu stülpen.

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