Wirtschaft : Irak statt Almanya

Auslandsarbeiter streben heute nach Nahost

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Istanbul - Ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland sehen sich türkische Arbeitnehmer bei der Suche nach Jobs im Ausland zunehmend nach Möglichkeiten im Nahen Osten um. Für die meisten Türken kommt eine Übersiedlung in die Bundesrepublik wegen des seit 1973 geltenden Anwerbestopps nicht infrage; nach offiziellen Angaben waren Libyen und Russland in den vergangenen drei Jahren die Hauptziele türkischer Arbeitnehmer. In diesem Jahr liegt der Irak an der Spitze der Auslandsziele.

Insbesondere für Studenten und Geschäftsleute aus der Türkei ist die Bundesrepublik aber nach wie vor ein attraktives Ziel. So besteht die erste Aktion der neuen Deutsch-Türkischen Universität in Istanbul darin, eine Gruppe von zehn ausgewählten Studenten mit einem Stipendium zur Teilnahme an einem englischsprachigen Studiengang „Master of Manufacturing Technology“ auszustatten – an der Technischen Universität Dortmund.

Darüber hinaus reisen jährlich zehntausende türkische Manager und Techniker nach Deutschland: Die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner der Türkei und nahm im vergangenen Jahr türkische Exporte im Volumen von 11,5 Milliarden Dollar ab, rund zehn Prozent der Gesamtausfuhren der Türkei. Türkische wie deutsche Unternehmer beklagen die strengen deutschen Visumsbestimmungen für türkische Reisende; Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) kündigte deshalb diese Woche bei einem Besuch in Istanbul praktische Verbesserungen an – etwa die häufigere Vergabe von Langzeitvisa für Geschäftsleute.

Im Vergleich zu 1961 bietet die Türkei ihren Menschen heute jedoch wesentlich mehr Gründe, zu Hause zu bleiben. Die boomende Wirtschaft im Land hat in den vergangenen Jahren auch weniger begüterten Türken einen Grad an Wohlstand gebracht, der vor zwei oder drei Generationen undenkbar gewesen wäre. Das Land verzeichnete auch in der jüngsten Finanzkrise starke Wachstumsraten, die es mit denen von China aufnehmen können. Dadurch wächst ein neuer Mittelstand. Die Zahl der Autos auf türkischen Straßen liegt derzeit bei etwa 15,3 Millionen – fast doppelt so viele wie im Jahr 2003.

Die steigende Attraktivität der Türkei hat den Migrationsstrom zwischen der Türkei und Deutschland umkehren lassen. Im Jahr 2009 kamen laut Migrationsbericht des Bundesinnenministeriums 29 544 Türken nach Deutschland, meist über den Familiennachzug; im selben Jahr zogen 39 615 Deutsche in die Türkei – unter dem Strich ein Fortzug von mehr als 10 000 Menschen. Im Jahr 2002 lag der Netto-Zuzug aus der Türkei nach Deutschland noch bei 22 000 Menschen.

Auch deutsche Unternehmen haben die Türkei entdeckt. Inzwischen haben sich rund 4500 Unternehmen im Land angesiedelt, die Palette reicht von Weltunternehmen bis zu kleinen Mittelständlern. Sie nutzen die Türkei als Produktionsstandort – und immer mehr auch als viel versprechenden Markt, denn der türkische Verbraucher ist in Kauflaune. Als Media-Markt jetzt die 18. Filiale in der Türkei eröffnete, wurden innerhalb von drei Stunden rund 6000 elektronische Geräte verkauft. Thomas Seibert

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