Wirtschaft : Jenseits der Gehaltsabrechnung

Belohnungs-Reisen sollen die Motivation der Mitarbeiter erhöhen. Doch nach der Sex-Party der Hamburg Mannheimer Versicherung in Budapest kämpfen die Anbieter um ihren Ruf

Sebastian Christ
Ort des Anstoßes. In der traditionellen Gellert-Therme in Budapest hat die Sex-Veranstaltung für die besten Vertreter der Hamburg-Mannheimer stattgefunden. Foto: dpa
Ort des Anstoßes. In der traditionellen Gellert-Therme in Budapest hat die Sex-Veranstaltung für die besten Vertreter der...Foto: picture alliance / dpa

Ray Bloom ist ein kleiner, überaus höflicher Mann aus Großbritannien mit einem freundlichen Gesicht und rosigen Wangen. Er hat einen festen Händedruck, aber es ist kein Problem, ihn aus dem Konzept zu bringen. „Herr Bloom, in den vergangenen Tagen haben wir in Deutschland über Geschäftsveranstaltungen diskutiert, für die Prostituierte bestellt wurden. In welcher Beziehung steht das zu ihrer Branche?“ Schon während die Frage gestellt wird, gärt es in ihm. Die Antwort kommt wie aus der Sektflasche geschossen: „Es ist lächerlich, das auch nur im Entferntesten mit unserer Branche in Verbindung zu bringen“, sagt der Chef der weltgrößten Veranstaltungsmesse Imex. „Es mag sein, dass dies in den Medien geschieht. Aber es ist ein absolut lächerlicher Gedanke.“

Leicht haben es die Vertreter der Veranstaltungsbranche nicht. Wer in Deutschland dieser Tage an eine Firmenreise denkt, dem fällt der Ausflug der Hamburg-Mannheimer-Vertreter nach Budapest ein. Ausgerechnet eine Woche nach dem die Affäre aufgeflogen war, fand in Frankfurt die Imex statt: 10 000 Besucher, Aussteller aus 150 Ländern.

Das Geschäft mit den Businessreisen hat ein gigantisches Volumen: Laut Zahlen des German Convention Bureaus werden jedes Jahr 66 Milliarden Euro allein in Deutschland umgesetzt. Es geht um die Pflege von Geschäftsbeziehungen, um Wissensvermehrung auf Fachkongressen, aber auch um Mitarbeitermotivation. Mit Geld allein nämlich können die Unternehmen ihre Angestellten kaum noch zu Höchstleistungen anspornen. Dabei wird jedoch oft übersehen, dass die im Vergleich zu Sozialprogrammen günstigeren Spaß-Reisen langfristig Mitarbeiter kaum zufriedener machen.

Die „Incentive-Reisen“ machen nur einen kleineren Teil des Umsatzes in der Geschäftsveranstaltungsbranche aus – immer noch einen Milliardenbetrag. Das Wort „Incentive“ stammt aus dem Lateinischen und lässt sich heute am ehesten mit „Belohnung“ oder „Anreiz“ übersetzen.

Es geht also um all die Annehmlichkeiten, die Unternehmen ihren Kunden und Mitarbeitern jenseits der Gehaltsabrechnung tun wollen.

Auf der Imex gibt es Anbieter, die gezielt Incentive-Reisen vermitteln. Es stellen aber auch Länder, Städte und Firmen aus, die um Geschäftskunden aller Couleur werben. Manche Werbeslogans wirken unfreiwillig komisch. Ein ungarisches Hotel wirbt mit: „Mix business with pleasure, leave the rest to us.“ - „Mischen Sie Geschäft mit Vergnügen – und überlassen Sie den Rest uns“. Darüber ist ein Bild vom Wellnessbereich des Hotels abgedruckt, ein Whirlpool ist zu sehen, gepolsterte Liegen und Schwimmbecken.

Über Budapest – einst Ziel der exzessfreudigen Versicherungsvertreter – heißt es am Stand: „More than expected“, „mehr als erwartet“. Einige Meter weiter verteilen junge Damen Werbeprospekte für das Reiseziel Bulgarien. „Offene Türen zu offenen Herzen“ heißt es darin.

Ein Incentive soll der Mitarbeitermotivation dienen. Weit verbreitet ist die Geldprämie. Doch es gibt Berufsgruppen, in denen diese ohnehin regelmäßig ausgezahlt werden – vor allem im Finanzdienstleisterbereich. Und es gibt Jobs, die so gut bezahlt sind, dass monetäre Anreize zur Mitarbeitermotivation nicht ausreichen. Daher haben sich Belohnungsreisen als Mittel zur Motivation etabliert. Fünf Prozent aller Auslandsgeschäftsreisen in Europa sind Incentives.

Es geht darum, Angestellte in eine andere Welt zu entführen. Ihnen eine Erlebniswelt zu bieten, die mehr wert ist als Geld. Luxuriöse Illusionen, die sich deutsche Unternehmen einiges kosten lassen: Die Budgets für Incentive-Reisen sind meist sehr hoch. Laut einer Studie der „Site Foundation“, einer der Incentive-Industrie zugehörige Organisation, betrug 2010 das durchschnittliche Budget 435 Euro pro Tag. Die Kosten für die Anreise sind darin nicht eingerechnet. Insgesamt 22 Prozent der Reisen kosten mehr als 800 Euro am Tag. Die durchschnittliche Dauer beträgt 3,2 Tage. Immerhin ein Viertel aller Incentive-Reisen führen zu Zielen außerhalb Europas.

„Es geht um die Simulation von Intimität. So wird die Möglichkeit zur Kritik ausgehebelt“, sagt Sabine Donauer, Historikerin von der Freien Universität Berlin. Wer einmal mit auf Safari war, wird sich später nur schwerlich über das Arbeitsklima im Betrieb beschweren können. Frei nach den Motto: Du warst doch in Tansania dabei. Obwohl Incentives ein Milliarden-Euro-Geschäft sind, kosten sie die Firmen weniger Geld als etwa langfristig angelegte Sozialprogramme. „Der Vorteil für die Unternehmen ist, dass sie nur im Erfolgsfall bezahlen müssen. Während in den klassischen Programmen für soziale Leistungen etwa auch die Anerkennung des Arbeitnehmers eine Rolle spielt, zielen solche Belohnungsreisen kaum mehr auf den Aufbau langfristiger Bindungen ab“, sagt Donauer.

Am Ende ist die Belohnung, ähnlich wie bei anderen Einmalprämien, nur von kurzfristiger Natur. Das Geld der Jahresprämie ist schnell ausgegeben. Die Erinnerung an die Reise nach Afrika verblasst schnell. Was von Incentive-Reisen langfristig bleibt, ist kaum mehr als eine Handvoll Schnappschüsse mit der Digitalkamera. Und auch das familiäre Umfeld hat nichts von dieser Form der Prämie. „Das adressiert den Mitarbeiter als isolierten Hedonisten“, sagt Donauer. „Incentive-Reisen stellen eine fragwürdige Privatheit mit den Kollegen und dem Arbeitgeber her, lassen aber den ganzen privaten Kontext des Einzelnen außen vor.“

Die perfekte Illusion. Ein Besuch am Messestand von Syrien. Seit zwei Monaten befindet sich das Land in Aufruhr. Diktator Bashar El-Assad lässt derzeit die Proteste des Arabischen Frühlings niederschießen. Der PR-Manager am Stand, ein hagerer, junger Mann, legt Hochglanzprospekte auf den Tisch. „Damaskus: Nach dem Frühstück brechen sie zu Ihrer persönlichen Abenteuerreise in die älteste noch bewohnte Stadt der Welt auf.“ Im Angebot sind Tagesausflüge nach Jordanien und in den Libanon. Dass die Grenzen seit April geschlossen sind, erwähnt er nicht. „Sie können bei uns Wüstentouren machen. Und alte Kreuzfahrerburgen besichtigen.“ Wie es mit der Sicherheit aussieht? „Machen Sie sich keine Sorgen, kommen Sie einfach.“ Und Visa? „Ich werde das alles für Sie regeln.“ Eine sorgenfreie Incentive-Reise in ein Land, das gerade ganz andere Sorgen hat. (HB)

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