Wirtschaft : Jobkultur zum Abgucken

Zum ersten Mal kürt ein groß angelegter Benchmark-Wettbewerb attraktive Arbeitgeber in der Region. Die Sieger setzen Maßstäbe.

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We are great! Die Prämierten in den drei Kategorien kleine, mittlere und große Unternehmen freuen sich am vergangenen Dienstag bei der Preisverleihung im Ludwig Erhard Haus über ihre Auszeichnungen. Foto: Promo/Great Place to Work
We are great! Die Prämierten in den drei Kategorien kleine, mittlere und große Unternehmen freuen sich am vergangenen Dienstag bei...Foto: Great Place to Work®

Personalmanagerin Patricia Rezic und ihre beiden Kollegen haben viele Ideen: halbjährliche Mitarbeitergespräche zum Beispiel und flexible Arbeitszeitmodelle. Freistellung für die Betreuung kranker Kinder und die Pflege von Angehörigen – zusätzlich zum Kontingent der Krankenkassen. Oder regelmäßige „Jahreszeiten-Treffen“, bei denen die verschiedenen Abteilungen die Arbeit der anderen kennenlernen. Ideen, für die ihre Chefs beim Berliner Softwarehersteller Projektron immer ein offenes Ohr haben – und diese oft in die Tat umsetzen.

Für dieses Engagement wurde Projektron vergangenen Dienstag ausgezeichnet. Das Forschungs- und Beratungsunternehmen Great Place to Work kürte die IT-Experten zu einem der „Besten Arbeitgeber in Berlin-Brandenburg 2013“: Platz eins in der Größenklasse 50 bis 250 Mitarbeiter. Bei den Kleinunternehmen ab zehn Beschäftigten belegte die Wirtschaftsprüfer- und Steuerkanzlei Helmut Kohlhaas den Spitzenplatz. Im Feld der Großunternehmen mit über 250 Mitarbeitern wurde die Ebay Gruppe Deutschland ausgezeichnet – vor dem Mercedes Benz Bank Service Center Berlin und der Immobilien Scout GmbH.

Zum ersten Mal erhielten damit attraktive Arbeitgeber in der Hauptstadtregion das international renommierte Gütesiegel; der Tagesspiegel ist Medienpartner des Wettbewerbs. Bundesweit gibt es die Benchmark-Studie, in deren Bewertung das Ergebnis einer anonymen Mitarbeiterbefragung und ein Audit der Personalmaßnahmen einfließen, seit 2002. „Ein guter Arbeitgeber kann jeder sein, unabhängig von der Unternehmensgröße“, sagt Andreas Schubert, einer der Geschäftsführer von Great Place to Work Deutschland. „Das ist keine Frage des Geldes – aber eine tägliche Herausforderung.“ Besonders wichtig sei das Verhalten der Vorgesetzten. „Integrität, Transparenz, gelebte Werte: Gute Führung ist ein ganz wesentlicher Punkt – und gegenseitiges Vertrauen der ,Schmierstoff’ in jedem Unternehmen.“

Davon ist man auch bei der Mercedes- Benz Bank überzeugt. Im Berliner Service Center des Unternehmens mit seinen rund 600 Mitarbeitern stellt ein Führungskräfteentwicklungsprogramm sicher, dass Vorgesetzte auf allen Ebenen fachlich und persönlich fit für ihre Aufgaben gemacht werden. Um Mitarbeiter auch in der Elternzeit auf dem Laufenden zu halten, wurde eine Onlineplattform eingerichtet auf der aktuelle Informationen über das Unternehmen, Teilzeit- und Vertretungsstellen und Kinderbetreuung zu finden sind. Außerdem gibt es 22 Kita-Plätze für Berufstätige sowie ein Eltern-Kind-Büro, falls auf die Schnelle einmal keine andere Betreuung organisiert werden kann.

In Zeiten, in denen Umfragen zufolge jeder vierte Deutsche bereits innerlich gekündigt hat, zeigen die zwölf ausgezeichneten Unternehmen, dass es auch anders geht. „Hier wird man dabei unterstützt, seinen eigenen Weg zu gehen.“ „Selbst in Führungspositionen ist es möglich, in Teilzeit zu arbeiten, um Familie und Beruf gut unter einen Hut zu bekommen.“ „Es macht Spaß, sich mit so viel Freiheit und Eigenverantwortung einbringen zu können.“ „Ich komme jeden Morgen gerne zur Arbeit“. So oder ähnlich lauten die Zitate aus den Mitarbeiterbefragungen der Prämierten.

Beim „Klassenbesten“ Ebay Deutschland sparen die Angestellten ebenfalls nicht mit Lob. 90 Prozent der Befragten bescheinigen dem E-Commerce-Weltmarktführer ein „sehr guter Arbeitsplatz“ zu sein. Fast ebenso viele (89 Prozent) sind „stolz, anderen erzählen zu können, dass ich hier arbeite“. Beim Arbeitsplatz-Audit überzeugten das große soziale Engagement des Unternehmens und die fairen Vergütungsregeln mit leistungsbezogenen Boni und der Möglichkeit, vergünstigt Aktien zu kaufen. Martin Tschopp, Geschäftsführer von Ebay in Deutschland ist stolz darauf, seinen Mitarbeitern in der Region „einen attraktiven Arbeitsplatz mit vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten bieten zu können“.

Gute Beispiele aufzeigen – das ist ein wichtiges Anliegen des Wettbewerbs. „Es stärkt die Region, wenn immer bekannter wird, dass Berlin-Brandenburg ein ,great place to work’ ist“, sagte Melanie Bähr, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Standortmarketing Berlin Partner, anlässlich der Preisverleihung im Ludwig Erhard Haus. Gerade die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Region hätten es schwer, sich im weltweiten Wettbewerb zu behaupten. Ein international anerkanntes Gütesiegel könne bei der Gewinnung von Fachkräften enorm helfen. Den Wettbewerb Great Place to Work gibt es in 50 Ländern.

Auch Tagesspiegel-Herausgeber Gerd Appenzeller unterstrich die Bedeutung des Standort-Marketings für die Hauptstadt: „Als Zeitung wollen und müssen wir uns darum kümmern, dass die Menschen hier gerne leben und arbeiten.“ Unternehmerischer Erfolg und Mitarbeiterorientierung: Für Alexander Schirp schließ das eine das andere nicht aus – im Gegenteil. Der Geschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg e. V. (UVB) ist überzeugt: „Zufriedene, motivierte Beschäftigte sind der Schlüssel zu Innovationen und Produktivität.“

Engagement ja – aber aus Überzeugung. Wer bei Personalmaßnahmen nur darauf schielt, wie er im Wettbewerb erfolgreicher oder als Arbeitgeber für High Potentials attraktiver werden kann, macht etwas falsch, meint Great Place to Work-Geschäftsführer Andreas Schubert. „Jeder Jeck ist anders, und jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden und nicht bloß kopieren, was anderswo funktioniert.“

Ein wenig Abgucken ist dagegen ausdrücklich erwünscht. Gelegenheit dazu gibt es demnächst bei der zweiten Auflage der regionalen Benchmark-Studie. „Wir möchten auch Unternehmen zur Teilnahme ermutigen, die sagen: Wir wissen, dass wir noch nicht zu den Besten gehören – aber wir wollen daran arbeiten“, so Schubert. Im Vergleich zu den anderen Teilnehmern könnten sie sehen: Wo stehe ich und was macht den Unterschied zwischen „great“ und „good“ aus? Wer nicht zu den Siegern gehört, bleibt anonym, denn: „Wir wollen nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen, sondern Leuchttürme sichtbar machen.“

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